Zeitung Heute : Eine Diskussion auf dem Weg nach Absurdistan

Durch eine Nationalstiftung ist das Berliner Holocaust-Denkmal nicht zu ersetzen - Erwiderung auf einen Vorschlag von Henryk M.BroderDer Streit um das Holocaust-Denkmal nimmt kein Ende.Mit einem Offenen Brief an Senator Radunski (Tagesspiegel vom 22.August) hat Henryk M.Broder den Gedanken in die Debatte eingeführt, an Stelle des Denkmals eine Stiftung zu errichten.In der vergangenen Woche haben die Historiker Reinhard Kosselleck, Christian Meier und Julius H.Schoeps sowie der Kunsthistoriker Walter Graßkamp die Ausschreibung des Senats für einen zweiten Wettbewerb kritisiert.Der Architekt Salomon Korn, Mitglied der Jury im ersten Wettbewerb, hat im Anschluß daran die Befürchtung ausgesprochen (Frankfurter Rundschau, 4.September), das beabsichtigte Denkmal könne ein zentrales Mahnmal gegen Tat und Täter verhindern.Im folgenden setzt Hermann Rudolph, ebenfalls Mitglied der Jury, die Diskussion fort. -Henryk M.Broders offener Brief nimmt durch seine freundliche Absicht für sich ein,den Senator und damit dann auch das Land Berlin, den Bund, den Förderverein und vielleicht sogar die ganze Nation einer Last zu entheben, nämlich der verfahrenen Debatte um das sogenannte Holocaust-Mahnmal; diese Zeitung hat denn auch den Beitrag in ihrer Ankündigung als "Rettungstat" deklariert.Es könnte sich freilich herausstellen, daß sein Gedanke, statt des Denkmals eine Stiftung zu gründen, die den Opfern von heute hilft, weniger dazu beiträgt, die Denkmals-Idee zu retten als sie endgültig zu beerdigen.Groß im Spenden, wie wir Deutschen sind, werden wir auch dieses Konto füllen - und wären zugleich, endlich, die Aussicht los, daß künftig mitten in der neuen Hauptstadt, innerhalb der Regierungsmeile, ein Gebilde stünde, das uns an das Schlimmste erinnert, was Deutsche je getan haben.Es bliebe die ironische Fußnote, daß ausgerechnet ein Publizist jüdischer Herkunft viele Deutsche von einem Projekt befreit hätte, dem sie ohnedies nicht viel abgewinnen konnten, ja, das sie als Ärgernis und Zumutung empfinden.Sie werden es ihm zumindest im Stillen danken. Denn es bleibt dabei: Eine Stiftung ist eine Stiftung und kein Denkmal, auch wenn man sie - wie Broder empfiehlt - so nennt.Da hilft auch kein schönes Wort wie das von der Rettung der Welt, die schon die Rettung eines Menschenlebens bewirke, und kein Hinweis auf die Eigentümlichkeiten der jüdischen Kultur.Die Absicht des Fördervereins und derer, die ihm beigetreten sind, die Erinnerung an den Mord an den Juden Europas unübersehbar mitten in die deutsche Hauptstadt zu pflanzen, mithin - soweit dergleichen möglich ist - mitten in dieses Volk, geht dabei über die Wupper.Sie wird um den Sinn gebracht, der das Unternehmen immerhin in bald zehnjähriger Debatte von der Idee eines kleinen Födervereins bis nahe an die Realisierung gebracht hat. Es mag ja sein, daß der Senator und seine Helfer bei der neuen Ausschreibung nicht immer den überzeugenden Ton gefunden haben.Aber sollte man Radunski nicht wenigstens konzedieren, daß er keinen Beitrag zu einem Lexikon des Judentums verfassen wollte und daß also, beispielsweise, das Jahrtausend, das er für die jüdische Mitprägung der europäischen Geschichte bemüht, nicht seine Kenntnisse in der Geschichte des Judentums beweisen soll, sondern eine Metapher für eine sehr, sehr lange Zeit ist, bei der es auf ein oder zwei Jahrhunderte gar nicht ankommt? Tausend Jahre sind vor dir wie ein Tag, sagt der Psalmist, der Gottes Größe preisen, aber kein Rechenexempel anstellen will, und auch die Rede vom Tausendjährigen Reich, das Broder dem Senator hinterrücks ans Hemd zu kleben versucht, wollte die Dauer des Dritten Reiches nicht bis zum Jahr 2933 befristen.Und daß die Ermordung der Juden einen unersetzlichen Verlust für die deutsche und die europäische Kultur bedeute, daß also, zum Beispiel, die deutsche Gesellschaft danach nicht mehr das ist, was sie vorher war, und es auch nie wieder sein wird, ist eine bittere Einsicht, keine Relativierung des Massenmords an welcher Gruppe auch immer.Um das so zu sehen, muß man den Ausschreibungstext schon mißverstehen wollen.Es sind solche Argumentationslinien, die die Debatte schwer erträglich machen. In gewissem Sinne gilt das auch für die Behauptung, das Gedenken, das allein dem Mord an den Juden gilt, statuiere eine Werteskala, die die anderen Opfer degradiere.Das Argument, das in der Diskussion spät aufgetaucht, aber nun um so dominierender geworden ist, geht so sehr an der Intention der Denkmals-Idee vorbei, daß man sich fragt, wie intelligente Leute darauf kommen können.Aber es ist eben von der Art, daß nur intelligente Leute darauf kommen können.Denn es nimmt den Umweg über ein Denken in den Kategorien von Hierarchisierung, Einordnung und schließlich der Geschichtspolitik.Das Vorhaben erscheint sozusagen als das letzte Wort der Nation über die Nazi-Verbrechen, als Maßstab für die Erinnerung, die also alle Opfer mitbedenken müsse - was dann etwas überraschend zu dem Resultat führt, daß die Absicht, mit einem Denkmal der Juden-Ermordung zu gedenken, plötzlich als Akt der Diskriminierung aller anderen Opfer dasteht. Dabei gibt es in der Tat Differenzierungen zwischen den Opfern, die auch durch den wahrhaftig unbestreitbaren Umstand nicht aus der Welt geschafft werden, daß jedes Opfer seine Würde hat.Die Nazis haben die Ermordung der Juden zur Raison ihrer Wahn-Ideologie gemacht, gestützt auf ihren aberwitzigen Rasse-Begriff.Es ist auch wahr, daß kein anderer Mord so tief in die Substanz des Volkes eingegriffen hat, in dessen Namen und aus dem heraus Mord begangen wurde.Daß der Tod, erst recht der Massenmord, alle gleich macht, heißt doch nicht, daß die Herkunftswelten, Überlieferungen und die historischen Kontexte für nichts gelten dürften, in denen die Opfer standen. Darf man also nicht an diese Untat erinnern, wenn man nicht gleichzeitig an alle anderen erinnert? Dann befinden wir uns offenbar auf dem Weg nach Absurdistan.Die Unvergleichbarkeit des nationalsozialistischen Massenmords ist vor ein paar Jahren im Historikerstreit heftig debattiert und gegen Relativierungen verteidigt worden, wobei die Ermordung der europäischen Juden, also "Auschwitz", ganz selbstverständlich die Referenzebene war.Nun soll die Berufung darauf seine Verfechter dem Verdacht aussetzen, die Ermordung der Zigeuner oder der Homosexuellen abzuwerten.Broder, der kräftig in diese Kerbe schlägt, treibt die Argumentation auf die Spitze, indem er darin eine Wiederkehr der Selektion an der Rampe sieht.Das eine eine Entscheidung über Leben und Tötung, das andere eine, meinetwegen, "geschichtspolitische" Differenzierung: Das nennt man mit dem Entsetzlichen sein polemisches Geschäft betreiben.Was, wenn nicht das, wäre zynisch? Bei dem Rest von Broders Polemik hätte ein bißchen Aufmerksamkeit und ein Mindestmaß von Verständnis für zivilisatorische Gesten geholfen.Das Holocaust-Denkmal war von Anfang an gedacht als deutsches Mahnmal für die ermordeten Juden Europas.Unter fünf Prozent der Gesamtzahl der Opfer waren nach Auskunft der Historiker deutsche Juden.Das ist die Antwort auf die Frage, weshalb es zu den vorhandenen Gedenkstätten, die durchweg in erster Linie deutschen Juden gelten - die Wannseevilla einmal ausgenommen -, eines zusätzlichen Denkmals bedürfte.Und was etwa die Phrase von der "Kranzabwurfstelle" angeht, so sollte sich ein Hohn von selbst erledigen, der sich an einem alten Akt der Ehrung gütlich tun muß. Nein, das alles bringt die leidige Sache nicht weiter.Ergiebiger ist Christian Meiers Vorschlag (in der FAZ), der Diskussion dadurch zu entkommen, daß das Mahnmal der Schinkelschen Wache mit einem Denkmal für alle Opfer der Vernichtungspolitik auf der anderen Seite Unter den Linden konfrontiert wird.Das ist aber etwas anderes als das, was mit dem Holocaust-Mahnmal gewollt wurde, und es müßte auch noch die Frage beantwortet werden, weshalb wir nicht in der Lage sind, der besonderen, unvergleichbaren Bedeutung der "Endlösung" gerecht zu werden - von der Zustimmung ganz zu schweigen, die ein Denkmal für alle Opfer von der jüdischen Seite her erfahren müßte.Einen anderen Aspekt des Problems hat Eduard Beaucamp unlängst (ebenfalls in der FAZ) angesprochen.Er trifft das Dilemma vermutlich genauer als die meisten Beiträge zu dieser Debatte.Es ist der mangelnde Beruf unserer Zeit zum Gedanken und zur Form des Denkmals.Wenn der Wettbewerb ein Ergebnis gehabt hat, dann den massiven Beleg dafür.Und an dieser Situation, das ist wahr, ändert auch ein neuer Wettbewerbs-Anlauf nichts.

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