Zeitung Heute : „Eine Epochenwende zur Freiheit“

Hunderttausendefeiern den 20. Jahrestagdes Mauerfalls in Berlin Köhler: 9. Novemberbleibt immer auch Tagder ReichspogromnachtMerkel: Freiheit muss immer wiedererkämpft werdenSymbolischerMauerfallam Brandenburger Tor

Lutz Haverkamp,Matthias Meisner

Berlin - Deutschland und die Welt haben den 20. Jahrestag des Mauerfalls mit einem beeindruckenden Freiheitsfest am Brandenburger Tor in Berlin gefeiert. Trotz Dauerregens strömten am Montagabend Hunderttausende Berliner und Touristen an das Brandenburger Tor, um mit mehr als 30 aktiven und ehemalige Staats- und Regierungschefs aus aller Welt, mehreren Friedensnobelpreisträgern und zahlreichen Bürgerrechtlern das historische Ereignis zu würdigen.

Kanzlerin Angela Merkel nannte den Mauerfall eine der glücklichsten Stunden der deutschen und europäischen Geschichte und „einen der glücklichsten Momente meines Lebens“. Sie sprach von einer epochalen Zeitenwende: „Endlich war das Ende des Kalten Krieges gekommen.“ Freiheit entstehe nicht von selbst, „Freiheit muss erkämpft werden“. Sie erinnerte auch an die Rolle des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl am Vereinigungsprozess, der „leider“ an der Festveranstaltung in Berlin nicht habe teilnehmen können. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit appellierte, jetzt Mauern auf der ganzen Welt zum Einsturz zu bringen, „die Mauern aus Stein und die Mauern in den Köpfen“.

Auch die Staats- und Regierungschef Frankreichs, Großbritanniens und Russlands sowie US-Außenministerin Hillary Clinton ergriffen das Wort. US-PräsidentBarack Obama wurde per Videobotschaft eingeblendet. „Lassen Sie uns das Licht der Freiheit auch in den dunkelsten Nächten der Tyrannei aufrecht erhalten“, sagte er. Höhepunkt der Feier war ein symbolischer Mauerfall: 1000 überdimensionale Dominosteine wurden auf einer Strecke von zwei Kilometern zwischen Potsdamer Platz und Brandenburger Tor umgestoßen. Die Steine waren in aller Welt künstlerisch gestaltet worden.

Bereits am Nachmittag hatte Merkel mit einem Spaziergang über die Bösebrücke am ehemaligen DDR-Grenzübergang Bornholmer Straße an die historischen Ereignisse erinnert. Der Mauerfall sei das „Ergebnis einer langen Geschichte von Unfreiheit und vom Kampf gegen die Unfreiheit“ gewesen, sagte sie auf der Brücke, wo vor 20 Jahren die ersten DDR-Bürger in den Westen gelangten. Begleitet wurde sie unter anderem vom ehemaligen sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow und Polens Ex-Präsident und Mitbegründer der Gewerkschaft Solidarnosc, Lech Walesa. An Gorbatschow gewandt sagte Merkel: „Sie haben mutig die Dinge geschehen lassen, und das war viel mehr, als wir erwarten konnten.“

Für Bundespräsident Horst Köhler sind die beiden Jahrestage am 9. November, der Mauerfall und die Reichspogromnacht, untrennbar miteinander verbunden. „Die Teilung konnte auch deshalb überwunden werden, weil wir Deutsche die nötigen Lehren aus unserer Geschichte zwischen 1933 und 1945 gezogen haben“, erklärte Köhler, der den Mauerfall als „eine Epochenwende zu Freiheit und Demokratie“ bezeichnete. „Der 9. November 1989 war ein Tag der Freude“, sagte der Bundespräsident bei einem Staatsempfang in Schloss Bellevue. „An diesem Tag der Freude heute vergessen wir nicht den 9. November 1938.“ Er erinnerte daran, dass damals jüdische Bürgerinnen und Bürger angegriffen, zu Hunderten getötet oder in den Selbstmord getrieben und fast alle Synagogen zerstört oder geplündert wurden. Weil die Deutschen die nötigen Lehren aus der Geschichte gezogen hätten, „darum hat die Welt uns 1989 vertraut. Darum haben wir die Einheit in Freiheit wiedererlangt. Diesen Zusammenhang und die daraus wachsende Verantwortung werden wir immer beherzigen.“ Die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, forderte eine stärkere Beachtung des Jahrestages der Reichspogromnacht. Sie bedauerte, dass 2009 das Gedenken von der Freude über 20 Jahre Mauerfall „überlagert“ werde.

Auch in vielen anderen Ländern wurde an das Ereignis erinnert. In London schmolz symbolisch eine Mauer aus Eis. Frankreich beging den 20. Jahrestag mit einer großen Gedenkfeier am Pariser Place de la Concorde. Während Präsident Nicolas Sarkozy nach Berlin gereist war, nahmen die meisten übrigen Regierungsmitglieder an den Pariser Feierlichkeiten teil. In Rom wurde mit einem Mauerteil und einer multimedialen Show auf der Spanischen Treppe gefeiert.

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