Zeitung Heute : Eine fehlende Farbe

Sie wurden keine Eltern – weil das Schicksal es so wollte oder sie selbst. Wie geht ein Leben ohne Kinder?

Christine Meffert

1945. Ursula wird ihr Kind nie zu Gesicht bekommen. Nur ihrer Mutter zeigt man es. Die Nabelschnur soll sich um seinen Hals geschlungen haben, aber das stimmt nicht, sagt die Mutter. Das Kind hat eingedrückte Schläfen von der Geburtszange des Arztes. Kaiserschnitt nicht nötig, hatte er gesagt, kein Grund, Sie nach Halberstadt in die größere Klinik zu verlegen, schon gar nicht in diesen Zeiten. Ein Junge, gestorben bei der Geburt. Den Namen, den Ursula ihm geben wollte, wird er nie tragen, nicht mal in ihrem Kopf.

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1979. Alle vier Wochen ein Eiertanz. „Natürliche Geburt, natürliche Verhütung, die Pille war nicht natürlich, heute kann man sagen, mein Gott! Aber damals war das so, man hatte auch in der Beziehung einen feministischen Anspruch.“ Ingrid, 29 damals, versucht es mit der Spirale, wird trotzdem schwanger, hat Albträume, dass das Kind mit einer Spirale im Kopf zur Welt kommt. Sie kann das nicht, nicht jetzt. Gerade erst angefangen als Lehrerin. „Wie soll ich das schaffen?“ Sie wird das Kind nicht bekommen.

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1994. Man stellt fest: Crescentia muss eine Entzündung der Eileiter gehabt haben. Sie erinnert sich an die Blinddarmoperation, als sie zwölf war. Bauchschmerzen und Fieber. Aber der Blinddarm – völlig in Ordnung. Der Arzt hat den Bauch wieder zugemacht und es auf sich beruhen lassen. „Über Schuld sollte nicht mehr gesprochen werden“, zitiert Otto, Crescentias Mann, Hans Henny Jahnn. Otto sagt auch, vielleicht ist es Schicksal, vielleicht sollte man damit leben. Die beiden entscheiden sich gegen eine künstliche Befruchtung.

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Menschen, die das Rentensystem ruinieren, von denen es in Deutschland, in Europa immer mehr gibt, die anders leben als die meisten vor ihnen – ohne Kinder. Egoisten, in der Not zum Untergang verdammt, wie Frank Schirrmacher, Debattenanstifter, sagt. Eine Bürde für die Gesellschaft sollen sie sein, die Kinderlosen. Sollen höhere Steuern zahlen.

Was Kinderlosigkeit für alle heißt, wird ausgerechnet, ausdiskutiert, was Kinderlosigkeit für den Einzelnen heißt, lässt sich nicht auf einen Nenner bringen.

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Otto und Crescentia. Es wird an diesem Tag nicht mehr aufhören zu regnen. Das Auge gewöhnt sich an die feinen Regenfäden vor den Hügeln des Allgäus, wie man sich schnell an etwas gewöhnt, das immer da ist. Man muss auf den Teich vor dem Hof schauen, um sich zu vergewissern, dass die Tropfen noch auf dem Wasser tanzen. Im Flur hängt das Bildnis eines Kindes mit tiefschwarzen Augen. Ein Kind, eine Möglichkeit, die sich nicht erfüllte im Leben von Otto und Crescentia. Sie sitzen am Holztisch im Wohnzimmer. Sie, 46 Jahre alt, im Schneidersitz, er, 48, schaut aus dem Fenster zu seinen Bäumen.

Ein Gespräch über Kinder, die es nicht gibt. Wie spricht man über etwas, das es nicht gibt? Und wissen nicht alle, wie das ist, weil alle mal keine hatten?

Was es gab: Crescentia, Mitte 20, voller Energie. Theaterpferd, haben sie an der Schauspielschule gesagt. „Ich bin zum Theater gegangen, weil ich ein unbürgerliches Leben führen wollte, dem Alltagstrott entfliehen, auch dem Konzept Frau und Mutter.“ Otto ist dunkel, ein Berg, der auf der Bühne bebt. Zwei junge Schauspieler, für die das Theater das Leben ist.

Kinder? Kein Gedanke, damals.

Als Claus Peymann, der Intendant in Bochum, sie fragt, ob sie mit ans Wiener Burgtheater kommen, ist das ein Angebot, das man nicht ausschlagen kann. Sie tun es trotzdem, wollen weg von der Theaterinstitution, die mit anderen Institutionen so elend viel gemein hat, gründen ihr eigenes Theater. Sie sind mit ihrem „Zelt Ensemble Theater“ durch die Welt gezogen, Crescentia hat ganze Tourneen von der Telefonzelle aus organisiert, sie haben gespielt, inszeniert, diskutiert und irgendwie sind sie auch Mutter und Vater geworden. „Wir wollten diese Rollen nicht, aber Konstellationen erzeugten Energien und daraus wurden Muster, am Ende war das so komplex wie eine Familie“, sagt Otto. „Auch Theaterkinder wollten Liebe, Liebe, Liebe, und wie Kinder sind, wenn sie groß werden, wollen sie ihre Eltern auch schon mal abschaffen.“

„Einmal, nachts im Wohnwagen, habe ich Otto gefragt, ob er Kinder will“, sagt Crescentia, damals war sie Ende 20. Er sei ziemlich desinteressiert gewesen. „Ich wollte immer eine Frau, mit der ich arbeiten konnte, Kinder haben keine Rolle gespielt“, sagt Otto. Das Modell Kleinfamilie? Horror.

Als die Zeit des Zelttheaters ablief und die Theaterfamilie sich zerstreute, sagte Otto, dass er sich nun Kinder vorstellen könne. Hundert Mal lässt sie ihn auf ein Blatt schreiben: Ich bin ein Hornochse.

Und dann – ging es nicht. Crescentia brach der Schweiß aus. Ihre Stimmungen schwankten. Sie fühlte sich hässlich, alt. Sie konnte 1994 alle Begleiterscheinungen der Wechseljahre an sich ausmachen, mit 34 Jahren. Der Arzt sagte, das könne vorkommen, wenn eine Frau erfährt, dass sie kein Kind bekommen kann. „Es war so viel zu Ende damals“, sagt Crescentia. „Und ich saß hier am Ende der Welt, auf dem Traum anderer Leute.“ Otto hatte den Hof im Allgäu gewollt, den sie damals kauften. Sie wusste nicht mehr, was sie wollte. Keine Energie mehr, zum ersten und einzigen Mal Depression. „Es ist paradox, wenn man keine Kinder hat, fühlt man sich alt, aber gleichzeitig befindet man sich dadurch im Zustand ewiger Jugend. Wir sehen nicht, wie sie in den Kindergarten gehen, wie sie in die Schule gehen, wie sie den Führerschein machen. Diesen ganzen Kreislauf sehen wir nicht“, sagt Crescentia.

Es regnet und regnet, Otto ist mal weg, Pappeln kaufen. Er hat in diesem Frühjahr über 90 Bäume und Büsche gepflanzt. Am liebsten würde er Schweine halten, Schwalbenbäuchige Mangalitzas. Otto kann vor ihnen stehen wie andere vor Kindern, sagt Crescentia und lacht. „Ich glaube, diese Gartenkunstgeschichte ist Ottos Familienersatz.“ Und sie? Wie hat sie sich herausgeholfen aus dem Loch? Vielleicht war es einfach die Zeit, sagt Crescentia. „Ich glaube, wir ertragen die Kinderlosigkeit, weil wir all die Jahre dem Wachsen all dieser Kinder zusehen konnten.“ Sie meint die Kinder ihrer vier Geschwister, die alle in der Nähe wohnen. „Im kleinen Kreis sind wir 22.“

Einmal noch der Gedanke an Adoption. Zwei Geschwister aus Bolivien, Otto und Crescentia haben vor 13 Jahren die Patenschaft für sie übernommen, zahlen für Schule und Heim. Doch die Missionsschwester des Kinderheimes riet ab: Die Kinder hätten es besser in ihrer vertrauten Welt. Auch dieses Thema haben sie spielend erforscht: Im Herbst wird ein Film in die Kinos kommen, „Warchild“, Kriegskind, heißt er. Otto und Crescentia spielen ein Paar, das ein Kind aus Jugoslawien adoptiert.

Heute inszenieren, spielen und lehren sie in Stuttgart, Hamburg, Zürich, Berlin. „Wir sind immer unterwegs“, sagt Crescentia und meint damit unterwegs im Kopf. „Unsere gemeinsame Arbeit war immer befruchtend. Anders als bei Paaren, bei denen es immer nur um sie selbst geht. Das läuft sich irgendwann tot.“ Ein privilegiertes, interessantes, ein erfülltes Leben, ein glückliches sogar.

„Manchmal, wenn ich in ein Flugzeug steige, überlege ich, es wäre gar nicht so schlimm, jetzt zu sterben, das Leben war gut bis hierher“, sagt Otto.

Die einen haben keine Gesundheit, die anderen keine Liebe, die dritten keinen Beruf, und manche haben eben keine Kinder, sagt Crescentia.

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Ursula. Ein paar Wochen nach dem Tod des Kindes erhält Ursula aus der Ukraine Nachricht von ihrem Mann, eine Vermisstenanzeige. Sein Foto steht auf der Kommode seit über 60 Jahren. Er war ein großer Mann, sie eine zierliche Frau. Heute, mit 90, ist sie noch kleiner, sehr schmal, das weiße Haar frisch frisiert. Das war das Problem, ein großes Kind in einer kleinen Frau. Sie wollte nicht mehr leben danach. Dann begann sie zu warten, bis 1951, als Adenauer noch einmal nach Russland reiste, um die Gefangenen nach Hause zu holen. Auch diesmal war er nicht dabei. Wenn mir wenigstens das Kind geblieben wäre, sagt Ursula in ihrem hellen Wohnzimmer in Berlin-Steglitz, an der Wand hängen Fotografien ihrer Urgroßneffen.

Ursula hat andere Männer kennen gelernt, aber so gemocht wie Kurt hat sie keinen mehr. Für Kinder war es sowieso zu spät. Sie hat ihre Eltern gepflegt, bis die starben, hat als Buchhalterin gearbeitet, bis 65. Dann ist sie aus Ost-Berlin weggezogen, nach Steglitz, in die Nähe ihrer Schwester, die jeden Sonntag ihre Kinder und Enkelkinder zum Essen dahatte, Ursula ging auch manchmal hin. Einmal in der Woche kam ihr Großneffe zu ihr, sie spielten Karten, eines Abends, da war er schon älter, haben sie zusammen Sekt getrunken und getanzt.

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Volker und Ingrid . Sie sind anders als Crescentia, Otto und Ursula, es hat sie nicht getroffen, sie haben ihre radikale Entscheidung selbst gefällt, haben ein für alle Mal entschieden: keine Kinder.

Ingrid ist heute 56 Jahre alt, rotbraunes Haar, eine lebhafte Frau. 1979 nach der Abtreibung geht es ihr sehr schlecht. Ihr Freund Volker entschließt sich 1982, Verantwortung zu übernehmen, Konsequenzen zu ziehen, als Mann. Claudius hatte damit angefangen, ein Freund, als Erster im Bekanntenkreis ließ er sich sterilisieren. Volker ging zu Pro familia, sich beraten lassen. Das Wartezimmer war voll. Es war eine Welle, sagt Volker, eine Welle von Männern, die sich entschlossen, niemals Kinder zu zeugen.

Volkers und Ingrids Wohnung in Berlin-Wilmersdorf ist frisch renoviert, die hohen Räume strahlen weiß, die wenigen Möbel wirken neu, es könnte die Wohnung eines jüngeren Paares sein, das gerade eingezogen ist. Vor sechs Jahren haben sie geheiratet. „Bis dahin waren wir immer aus freien Stücken zusammen.“ Ingrid lacht.

Volker ist Richter, wenn er etwas sagt, überlegt er vorher, ein zurückhaltender Mann, sehr groß, sehr schlank. Seine eigene Kindheit, sagt er, war sehr bedrückend. Der Vater reaktionär, autoritär, die Mutter „so eine typische Mutter“. „Wenn schon ein Kind, dann unter ganz anderen Bedingungen, dachte ich. Aber dem Anspruch habe ich mich damals nicht gewachsen gefühlt.“ Sehr vom Kopf gesteuert, nicht aus dem Bauch, so fiel die Entscheidung. „Das hat sicher auch etwas verhindert.“

„Heute würde ich fast sagen, dass daraus eine Lebensfeindlichkeit sprach. Spontaneität im Leben ist gar nicht schlecht. Nicht alles berechnen, nicht alles in Quadrate setzen: Ist jetzt die richtige Situation oder später“, sagt Ingrid. „Wir hätten auch sagen können, unsere Liebe ist so groß, die trägt das, aber so war es nicht.“ Mangelndes Selbstbewusstsein nennen beide als einen Grund für die Sterilisation. „Für mich ist es so, dass ich das Leben erst richtig begriffen habe, als ich 40 war“, sagt Ingrid.

Und dann bekamen plötzlich alle Kinder: die Freundinnen – eine traf sie gestern, der Sohn ist heute 25. Und schließlich auch die Schwester. Die hat sie gebeten, ihr während der Geburt beizustehen. Ingrid ist mit zur Schwangerschaftsgymnastik, hat der Schwester die Hand gehalten und mit ihr geatmet. „Ich wollte einfach wissen, wie das ist.“ Und eine kleine „Heilung“ sei dieses Erlebnis für sie auch gewesen nach der Abtreibung.

„Als das erste Kind zwei Jahre alt war, wussten wir, das hätten wir auch geschafft. Das hätte jetzt einen guten Platz im Leben, da war ich 39, ein bisschen spät, was? Das hätte der Moment sein können, in dem alles kippte. Gott sei Dank wurde es kein Drama“, sagt Ingrid. Ihre beiden Nichten sind ihnen sehr ans Herz gewachsen. „Ja – als wären es die eigenen. Wir haben nicht nur die guten Seiten mit denen erlebt, auch Nächte wach gelegen und uns gesorgt.“

Volker und Ingrid hatten die Wahl, ist dabei mehr Glück entstanden als bei ihren Eltern? Ingrids Ja kommt entschieden, und Volker sagt: Das Leben meiner Eltern war unfrei, ich bin freier.

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Schmerzt es manchmal, dass Sie keine Kinder haben?

Ingrid: „Als die Kinder mich in der Schule fragten, warum haben Sie denn keine Kinder? Als die kleine Vietnamesin, ein Flüchtlingskind, mich fragte, kannst du mich nicht adoptieren? Als ein Vater sagte, Sie können das doch gar nicht beurteilen, Sie haben ja keine Kinder.“

Otto: „Letzte Woche auf einem Geburtstag, als die Kinder Reden auf ihre Eltern gehalten haben.Wenn man angeblich nicht mitreden kann über Erziehung, Schule, weil man nicht betroffen ist.“

Crescentia: „Manchmal denke ich: Es fehlt jemand, der mich in meinem egoistischen Leben stört. Ich kann immer tun, was ich will.“ Dieser Gedanke wächst in der Ruhe, ist also am lautesten im ruhigsten Moment, dem Sonntagmorgen, wenn sie und Otto den Tisch decken, wenn es keinen Laut auf der Welt gibt außer dem Knarren des Holzbodens. Sie können sich unterhalten, Musik hören, ihre Arbeit besprechen. Sie können all das tun oder auch nicht. Niemand wird Marmelade auf die Bücher von Hans Henny Jahnn schmieren. Niemand wird stören.

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Manchmal bekommt Ursula Besuch von den Kindern und Enkelkindern ihrer Schwester, der Neffe kommt samstags , erledigt die Einkäufe. Zweimal in der Woche trifft sie sich mit der Dame aus der Wohnung über ihr. Sie hätte sich vieles anders gewünscht im Leben. Aber, sagt sie und lächelt, ich hatte nicht die Wahl.

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