Zeitung Heute : Eine Frage des Charakters

ANDREAS CONRAD

Wenn sie nicht will, will sie nicht, und meint man es noch so gut.Als Barbara Baum 1994 den Bayerischen Filmpreis erhielt, für ihr Schaffen als Kostümbildnerin insgesamt und vor allem für "Das Geisterhaus" und "Der Kinoerzähler", hatte sich das Festkomitee etwas Besonderes ausgedacht.Als Höhepunkt der Preisverleihung sollten Models die Kreationen der Berlinerin vorführen, gewiß alles ansehnliche Geschöpfe, und doch: "Die Kostüme wurden für einen bestimmten Charakter geschaffen, nicht für Models." Barbara Baum ließ da nicht mit sich handeln.Gegen dezent gewandete Tänzer, die mit kostümierten Puppen über die Bühne schwebten, hatte sie nichts einzuwenden, was freilich neue, choreographische Probleme aufwarf.Am Ende, nach langen Proben, wußte sie kaum mehr, wo ihr der Kopf stand, aber sie hatte ihn durchgesetzt.

Solche Beharrlichkeit, gepaart mit, wie Barbara Baum selbst findet, "sehr sicherem Geschmack", wird von ihren Klienten geschätzt."To my dear brilliant Barbara who made me look so good", hatte ihr Julie Christie auf ein Foto geschrieben, das jetzt im Flur von Barbara Baums Wohnung in Friedenau hängt, gleich neben einem von Burt Lancaster, den sie für Bernhard Sinkels "Väter und Söhne" eingekleidet hatte.Immer wieder habe Lancaster behutsam über seine Anzüge gestrichen und versichert, dergleichen nie zuvor getragen zu haben.

Auch ihre jüngste Arbeit für "Aimée & Jaguar", mit dem die Berlinale heute abend eröffnet wird, hat Barbara Baum meist zufriedene Mienen eingebracht.Für Maria Schrader alias Felice Schragenheim war es etwas ganz Neues, daß ihr die Kostüme, sogar die Wäsche, auf den Leib geschneidert wurden.Noch nie im Leben sei sie "so schön angezogen gewesen", habe sie in eine kleine Schachtel mit einem Foto geschrieben und ihr geschenkt, erzählt die allseits Gepriesene und lobt nun ihrerseits die Aufmerksamkeit der jungen Schauspielerin bei den Anproben.Sie braucht wohl diese Anerkennung, ärgert sich auch, daß die Arbeit des Kostümbildners in deutschen Medien kaum Anerkennung finde, anders als etwa in England.

Juliane Köhler, die Felices Geliebte Lilly Wust spielt, reagierte nicht ganz so enthusiastisch, das war nun mal nicht zu ändern.Die Garderobe sollte typisieren, unterschiedliche Charaktere und Herkunft signalisieren, und da kam eben Felice der Part der jungen Jüdin aus gutem Hause zu, die doch einiges von ihrer eleganten Garderobe retten konnte, während Lilly Wust die erschöpfte Mutter verkörperte, irgendwie hübsch anzusehen, doch eher in "Fähnchen" gekleidet, wie Regisseur Max Färberböck die Figur skizziert hatte.

Zwei Tage lang, weit im Vorfeld der Dreharbeiten, hatten die beiden in Barbara Baums Wohnung zusammengesessen und über das Projekt gesprochen, und die Augen des Regisseurs waren vielleicht ebenfalls verwundert über die Fülle der bunt zusammengewürfelten und doch stimmigen Ausstattung gestreift, über die vielen Lampen und Spiegel, die an Decken und Schränken herumturnenden Engel, und nicht zuletzt die vielen Dinge, die an frühere Arbeiten erinnern."Das Mädchen Rosemarie" zum Beispiel, Bernd Eichingers Sat-1-Remake mit Nina Hoss, die nun unentwegt aus ihrem roten Cabrio auf Gastgeberin und Besucher herniederlächelt.

"The Decades of Beauty 1890 - 1990" liegt, schöner Zufall, gleich auf dem Tisch, Hinweis auf die modehistorischen Studien, die einem Film stets vorausgehen.Ohnehin, als Stoff bevorzugt Barbara Baum allemal die Vergangenheit.Gegenwartsfilme glichen doch meist einem Galopp durch die Boutiquen, die Garderobe sei mehr eine Frage der Ausstattung, des Sponsorings womöglich, keine Aufgabe für eine Kostümbildnerin, die vor allem die Charakterisierung wolle, den "dramaturgischen Effekt", ohne zu verkleiden oder gar zu behindern."Der Schauspieler muß sein Kostüm vergessen können."

Die Vergangenheit stellt für Barbara Baum eine größere Herausforderung dar, wobei sie akribisches Uniformknopfzählen langweilt.Da hält sie es lieber mit Rainer Werner Fassbinder, mit dem sie in acht Filmen zusammengearbeitet hat."Wir machen einen historischen Film, aber aus unserer Sicht", habe er bei den Dreharbeiten zu "Lili Marleen" gesagt und sich darum, daß die SS-Uniform des Tourneebegleiters zur geschilderten Zeit grau gewesen sein müßte, nicht groß geschert.Schwarz paßte für die Figur besser.

So bestand die gelernte Modedesignerin, die als Kostümbildnerin Autodidaktin ist, auch mit Bravour vor den Hollywood-Stars in "Das Geisterhaus", Meryl Streep, Jeromy Irons, Winona Ryder und Glenn Close, die laut Vertrag die entworfenen Kostüme ohne weiteres ablehnen konnten.Nur einmal, da ist auch Barbara Baum mit ihrer Kollektion in eine Falle getappt, die jedes Gewerbe nun mal bereithält.Der Ärger entzündete sich nicht mal an einem feingesponnenen Entwurf zu großer Galagarderobe, sondern um ein abgenutztes T-Shirt, vorne drauf mit Pluto.Das trug in "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" der kleine Junge, dessen Tod die Geschichte ausgelöst hatte.Mit dem T-Shirt war er an Smillas Seite durchs Museum und den Zoo spaziert, alles sehr gelungene Aufnahmen - bis die Produktion wegen der Pluto-Figur vorsichtshalber bei Disney nachfragte."Unmöglich", lautete die harsche Antwort, daran ließ sich nicht rütteln.Schon drohte wegen des schmuddeligen T-Shirts der Kostenplan zu rutschen, ein Nachdreh schien unvermeidlich, wurde aus Termingründen immer wieder verschoben, entfiel schließlich ganz.Pluto war im Film dann doch nicht zu sehen - auf dem Schneidetisch hatte man sich von ihm kurzerhand getrennt.

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