Zeitung Heute : Eine Frage des Marktwertes

Meike Kröger wurde Elfte bei der Leichathletik-WM, Julia Wanner verpasste nur knapp die Qualifikation. Seither hat sich für die jungen Berliner Hochspringerinnen einiges geändert. Entscheidungen stehen an

Frank Bachner
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Standfest und doch zum Abheben bereit. Meike Kröger von der LG Nord (oben) hat einen Marktwert von 20 000 Euro. Julia Wanner vom...picture alliance / Photoshot

Ein paar Wasserdampfschwaden schlängeln sich Richtung Küchendecke, Meike Kröger trinkt gerade Schwarztee. Es ist Vormittag, durchs Fenster sieht man den wolkenverhangenen Himmel. Ein trüber Vormittag im Oktober in einer kleinen Wohnung in Kreuzberg. Meike Kröger sitzt an ihrem Küchentisch und redet über ihren Marktwert. Sie hat jetzt einen, über den es sich lohnt zu reden. Das ist neu an der Hochspringerin Kröger. Bisher war sie die Hochspringerin, die halt mitgefloppt ist. Jetzt liegt ihr Marktwert bei 20 000 Euro im Jahr. Die Zahl kommt von ihrem Trainer Jan-Gerrit Keil, und Kröger bestätigt sie mit ihrem sanften Lächeln.

Meike Kröger von der LG Nord Berlin ist bei der Leichtathletik-WM im Olympiastadion auf Rang elf gelandet mit 1,87 Metern, damit sprang sie natürlich im Schatten des Duells Ariane Friedrich gegen Blanka Vlasic. Aber sie ist gestartet, das ist entscheidend. 1,93 Meter hatte sie vor der WM überquert, damit erfüllte sie die B-Norm. 1,93 Meter hatte auch Julia Wanner vom LAC Berlin überquert, das nützte ihr aber nichts. Die 21-Jährige vom LAC Berlin musste trotzdem bei der WM zuschauen. Nur eine Deutsche mit B-Norm durfte starten. „Berlin ist in der Leistungsdichte europa- und weltweit führend“, sagt Keil anerkennend. Es gibt ja noch eine dritte Berliner Spitzen-Hochspringerin, Melanie Bauschke von der LG Nike Berlin. Sie ist 2009 auch schon über 1,90 Meter gesprungen. Aber eigentlich ist sie eher Weitspringerin.

Für Wanner und Kröger hat sich seit dem Sommer einiges geändert. Kröger musste Autogramme geben, als sie beim Berlin-Marathon am Straßenrand stand, sie erhält von ihrem Sponsor nicht mehr bloß Ausrüstung, sondern auch Bargeld, außerdem hat sie bei einer Mitarbeiterfortbildung der Telekom Übungen vorgemacht. Am stärksten beschäftigte sie zuletzt allerdings die Frage, wer in Zukunft ihre Miete zahlt. Bis Jahres-Ende übernehmen das ihre Eltern, dann können sie es nicht mehr.

Deshalb kommt ihr Marktwert ins Gespräch. 20 000 Euro, das ist die Hochspringerin Kröger wert, sagt Keil, der Trainer. 20 000 Euro könnte sie in Hamburg erhalten, weit mehr als sie jetzt in Berlin bekommt. Von dem Geld könnte sie in Hamburg ihre Wohnung bezahlen. Die 23-Jährige hat ein Angebot aus der Stadt, ebenso wie Keil. Hamburg will eine attraktive Leichtathletik in der Stadt aufbauen, Keil könnte hauptamtlich als Leitender Landestrainer einsteigen. Im Moment arbeitet er hauptberuflich als Polizei-Psychologe.

Dabei wird es bleiben. Kröger und Keil bleiben in Berlin, seit Mittwoch ist das offiziell. Aber diese Absage, die erzählt auch viel über die Situation der Leichtathletik in Berlin. Jedenfalls für eine Spitzenathletin wie Kröger. Die 23-Jährige ist seit der zweiten Schulklasse bei der LG Nord, sie mag Berlin, sie studiert Architektur an der Technischen Universität Berlin.

Nur sind da auch diese Bedingungen. „Krasse Fahrtwege“ zum Beispiel, sagt Kröger. Es gibt nur die Harbig-Halle und die Halle im Sportforum, wo man angemessen trainieren kann. Beide sind weit weg. Die Sportforum-Halle haben sie wegen Sanierung gerade eine Woche lang geschlossen. Und in der Harbig-Halle stehen 30 Jahre alte Kraftgeräte. Zudem, klagt Keil, ist von dem seit drei Jahren geplanten Sprunggarten mit höhenverstellbaren, tartanbelegten Sprungkisten immer noch nichts zu sehen. In Hamburg dagegen wird gerade ein hochmoderner Kraftraum eingerichtet.

Kröger gibt nicht den neuen Star, der nur fordert, das wäre albern, aber sie geht jetzt anders ans Thema ran. Sie ist ja einerseits ihrem Verein dankbar, ein „sehr sozialer Verein“, der ihr seit Jahresbeginn 250 Euro bezahlt, damit sie nicht noch zusätzlich arbeiten muss. Aber auf der anderen Seite sind da die 20 000 Euro. Ihre Schmerzgrenze liegt tiefer, viel tiefer. Bei 12 000 Euro liegt sie noch nicht. Diese 12 000 Euro im Jahr erhält sie ab 2010 in Berlin, sie hat die Summe akzeptiert. Diese Summe ist das Ergebnis eines enormen Kraftakts. Die LG Nord, der Olympiastützpunkt, die Berliner Sporthilfe, der Senat, der Berliner Verband, sie alle haben zusammengelegt. Nur deshalb kann Kröger gehalten werden. Und da Kröger bleibt, bleibt auch Keil. Aber dass er „neidisch“ wird, wenn er an Hamburg, an die Bedingungen dort, denkt, das sagt er auch.

Julia Wanner sagt das nicht. Sie nimmt magere Bedingungen hin wie Wind und Regen. „Ich komme aus einem kleinen Verein, da ist das so“, sagt die 21-Jährige. Der kleine Verein ist der SSV Lichtenrade, ein Teil des LAC Berlin. Sie wuchtete die Hanteln im Kraftraum einer Schulturnhalle oder in ihrem Vereinsheim. „Kein Problem“, sagt sie. „Das reicht völlig aus.“

Ja klar, sagt Helge Plöger, ihr Trainer, grundsätzlich reiche das schon. „Wir sind damit groß geworden.“ Aber die Sicherheitsfrage, die stelle sich halt auch manchmal. Doch Sportforum und Harbig-Halle sind einfach zu weit weg. Und Wanners Physiotherapeut hat seine Praxis bei ihr um die Ecke. Eigentlich müsste sie ihn privat bezahlen, aber die Rechnungen begleicht ein Sponsor.

Es hat sich nicht wirklich viel geändert im sportlichen Leben der Julia Wanner, es kommt ihr nur so vor. Sie besitzt nun einen Ausrüstervertrag, sie erhält jetzt mehr Zuschüsse für Lehrgänge, weil sie ins Elite-Team des deutschen Verbands aufrückt, sie durfte beim Istaf springen, und bei Wettkämpfen betteln jetzt Kinder um ihre Unterschrift. Ist das viel? Für Julia Wanner schon. „Wenn man vorher nichts hatte, ist alles Neue toll.“ Eine weitere Trainingseinheit in der Woche, das ist auch neu. „Es ist alles ein bisschen stressiger geworden“, sagt Plöger.

Aber er hält sich noch in Grenzen der Stress. Autogrammwünsche mit der Post, die hat Julia Wanner noch nicht bekommen.

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