Zeitung Heute : Eine Frau wie ein Regenwald

MORITZ RINKE

Liebeserklärung an Brasilien: "Central do Brasil", der Film von Walter Salles, beschreibt die Odyssee einer Vatersuche.Und das große Gefühl eines ganzes LandesVON MORITZ RINKEIch glaube, dieser Film gewinnt! Wenn nicht den Goldenen Bären, dann den Bronzenen Bären, den es auf der Berlinale ja gar nicht gibt, aber das wäre genau der richtige Preis für diesen Film.Diesen Film gibt es nämlich eigentlich auch gar nicht.Also, das große Gefühl, die offene Sehnsucht und das grenzenlose Pathos, das er vermittelt, das findet man ja gar nicht mehr.Zumindest nicht, wenn man nach dem Kino hinauswankt aus dem Zoopalast ins unterkühlte und sachliche Berlin und dann am Bahnhof Zoo auf dem Parkplatz gleich den Strafzettel an der Windschutzscheibe findet.Dabei hatte ich noch auf den Parkschein geschrieben: "Liebe Politesse vom Bahnhof Zoo: Kann etwas länger dauern.Muß gleich nebenan über die Berlinale berichten!" Der Film beginnt auch am Bahnhof.Auf dem Hauptbahnhof von Rio de Janeiro.Dora, eine pensionierte Volksschulleherin, sitzt mitten im Menschengewühl und schreibt Briefe.Sie läßt sich von Menschen, die nicht schreiben können, Briefe diktieren, bekommt dafür Geld, steckt die Briefe in einen Umschlag, adressiert sie vor den Augen ihrer Kunden und schmeißt sie zuhause weg oder in die Schublade.Diese Schublade, sagt ihre Freundin, gleicht einem "Fegefeuer".Die meisten dieser Briefe handeln nämlich von tragischen Geschichten: Frauen, die ihre Männer suchen und Männer, die ihre Frauen suchen und alle sind sie irgendwo verstreut über das ganze Land. Der kleine Josué zum Beispiel sucht seinen Vater.Seine Mutter hatte Dora gerade noch einen Brief an seinen Vater diktiert, dann wurde sie von einem Bus überfahren.Josué hat niemanden mehr, und Dora verkauft den Jungen für einen neuen Fernseher an einen Kopfgeldjäger, der dann seinerseits die Organe von Josué weiterverkaufen wird, so ist das in Brasilien.Dora sitzt jetzt vor ihrem neuen Fernseher wie ein Eisblock.Doch darunter merkt man bereits wie die Wärme, das große Pathos in ihr brodelt.Sie befreit den Jungen wieder aus den Klauen der Organverwerter, nimmt den Brief, den ihr die Mutter diktierte und sie brechen gemeinsam auf zur großen Reise.Eigentlich ja ein Klassiker: die Suche nach dem Vater - Tausende von Kilometern durchs Land. Sie finden ihn natürlich nie.Aber vielleicht wollen sie ihn am Ende auch gar nicht mehr finden, denn das Schöne des Films ist diese zärtliche Geschichte, wie Dora und Josué Freunde werden.Er, dieser Rotzbengel und sie, diese verbiesterte alte Schachtel! Wunderbar gespielt von Fernanda Montenegro, der großen alten Dame des brasilianischen Theaters und des Films, so eine Art Jeanne Moreau unterhalb der Äquatorlinie, die einerseits soviel Pathos und Tränen fassen kann wie ein ganzer Regenwald, aber andererseits das alles immer wieder in präziser und zurückgenommener, vielleicht müßte man sagen: europäischer Technik auffangen kann.Eine Weltschauspielerin! Sie hat Josué (Vinicius de Oliveira: Talent! Talent!) bei seinen Brüdern, die sie doch noch gefunden haben, zurückgelassen und sitzt jetzt im Bus zurück nach Rio.Hinter ihr läuft Josué im Schlafanzug dem Bus im Sonnenaufgang hinterher.Er weint.Sie weint.Aber plötzlich lacht sie beziehungsweise sie lacht so wunderbar ins Weinen hinein und sagt dann: "Saudade".Das ist ein gutes Schlußwort für einen brasilianischen Film.Ich glaube, Saudade heißt Sehnsucht und meint in Brasilien, daß das Traurigste noch nicht traurig genug sein kann, daß man nicht mehr lachen könnte.Und daß das Schönste niemals so schön sein kann, daß man das Weinen vergessen könnte. Also: Wenn die Jurymitglieder alle schon mal in Brasilien waren, dann gewinnt dieser Film von Walter Salles.Und wenn die Politesse aus Rio de Janeiro käme, dann hätte ich keinen Strafzettel! Heute 12 Uhr (Royal), 23.30 Uhr (Urania), morgen 20 Uhr (International)

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