Zeitung Heute : Eine grüne Alternative

Berliner Start-ups treiben die Energiewende voran Ihre Motivation: die Welt ein bisschen grüner zu machen.

von
Sieht futuristischer aus als es ist: So könnte demnächst schon Energie produziert werden. Foto: Promo
Sieht futuristischer aus als es ist: So könnte demnächst schon Energie produziert werden. Foto: Promo

Schon früh war klar, dass Uwe Ahrens einmal ein Tüftler werden würde. Das zweite Wort, das er als Kind sagen konnte, war „Eisenbahn“, wenig später bekam er die erste geschenkt. Im Wohnzimmer baute er die Schienen auf, ein ovaler Kreis, eine Lok zog die Waggons. Heute, fünf Jahrzehnte später, will er wieder so einen Schienenkreis bauen, nur ein bisschen größer. Auf ihm sollen Waggons fahren, die Funktion der Lok übernehmen Energiedrachen, ähnlich wie die beim Kitesurfen. Mithilfe des Windes und eines Generators entsteht so Strom.

Von Berlin aus will Ahrens die Energiewende vorantreiben. Auf die Idee mit dem Drachen kam er, „weil meine Töchter eine umweltfreundliche Energiequelle haben wollten und die Spargel in der Landschaft nicht mögen“. Ahrens meint die Windräder. „Schön sehen die nicht aus.“ Mehr als 23 000 Windräder erzeugen allein in Deutschland Strom, und obwohl nur eines davon in Berlin steht – im Norden Pankows, gleich neben dem Autobahndreieck –, spielt die Hauptstadt eine wichtige Rolle in der Energiewende.

Nirgendwo sonst in Deutschland haben sich so viele Start-ups angesiedelt, dass der Energiemarkt im Umbruch ist, darin sehen sie eine Chance. Wie die Gesellschaft eines Tages bei 100 Prozent Strom und Wärme aus erneuerbaren Energien ankommen wird, ist ungewiss, es gibt nicht den einen Weg. Die Chance liegt darin, Alternativen zu entwickeln.

Auf den ersten Blick entspricht Ahrens nicht dem typischen Bild, das man von einem Start-up-Gründer hat. Das sind junge Menschen in weiß gestärkten Hemden, je nach Branche tragen manche dazu Jeans und bunte Turnschuhe, und sie durchsetzen ihr Deutsch mit englischen Begriffen. Ahrens ist anders: Er ist 60 Jahre alt, das gestreifte Hemd hängt über der Hose, auf der Nase sitzt eine Brille Typ Teilrand. Ahrens ist Ingenieur für Luft- und Raumfahrttechnik, und er begeistert sich für Luftdichte, Aerodynamik und Auftriebskraft, seine Hände kennen dabei nur eine Richtung, nach oben, hin zur Zimmerdecke. In 200 bis 500 Meter Höhe will Uwe Ahrens Wind ernten, so nennt er das.

Bei einem Windrad liegt der sogenannte Kapazitätsfaktor – der zeigt, wie effizient eine Anlage arbeitet – zwischen 10 und 38 Prozent, weil es bei zu starkem Wind und Windstille nicht laufen kann. Der Winddrache von Uwe Ahrens kommt auf einen Kapazitätsfaktor zwischen 40 und 70 Prozent, der Grund: „Sobald sich der Wind verändert, können wir reagieren.“ Heißt: Die Drachen können höher oder niedriger steigen, je nachdem, wo der Wind weht.

Freunde haben Uwe Ahrens anfangs als Spinner bezeichnet, mit Drachen Energie zu erzeugen sei doch Blödsinn. Er ließ sich davon nicht beirren. 2007 gründete er die nts Energie- und Transportsysteme GmbH, seitdem hat er eine Million Euro Eigenkapital in das Projekt gesteckt. Das Geld hat Ahrens, weil er schon einmal erfolgreich ein Unternehmen aufgebaut hat, 1990 die app Implantate AG, ein Medizintechnikunternehmen, 1999 war der Börsengang. Doch die Sache mit den Drachen war nicht so einfach: Vier Jahre lang lief Ahrens von Behörde zu Behörde, er wollte die Baugenehmigung für sein Projekt erhalten. 2011 bekam Ahrens dann die Erlaubnis, eine erste Testanlage bauen zu dürfen. Kasachstan und Südafrika sind an dem Konzept von Ahrens interessiert, in Deutschland will eine Energie-Genossenschaft Strom aus dem Höhenwindkraftwerk nutzen. Für eine weitere Testanlage sammelt er Geld über die Internetplattform greencrowding.com.

Die Idee mit den Energiedrachen hatte nicht nur er, weltweit versuchen mehr als 20 Unternehmen und Forschungsprojekte, das Konzept zu kommerzialisieren, in Berlin heißt die Konkurrenz Enerkite.

Mit der Energiewende ist das Wissen über die Endlichkeit der Ressourcen in der Politik angekommen. Bundeskanzlerin Angela Merkel wusste wohl schon immer, dass man nicht einfach den Reset-Knopf drücken kann, um die Erde wieder in ihren Urzustand zu katapultieren. Das Reaktorunglück im japanischen Fukushima machte jedoch wieder einmal deutlich, dass es im schlimmsten Fall umgekehrt laufen kann.

Die Energiewende brachte Fotovoltaikanlagen (bis Ende 2012 sind deutschlandweit rund drei Millionen installiert worden), Solarkollektoren (16,5 Millionen Quadratmeter gibt es hierzulande inzwischen) und eben Windräder. Die Energiewende schuf aber auch Begriffe wie Strompreisbremse und Energiearmut. 2014 wird sich die Ökostromumlage auf 6,2 Cent erhöhen, zurzeit müssen Verbraucher 5,3 Cent pro Kilowattstunde zahlen. Höhenwindkraftwerke, meint Uwe Ahrens, könnten die Energie der Zukunft liefern. „Sonnenenergie wird es nicht werden, die ist zu teuer“, sagt er. Bleiben Erdwärme und Biomasse, Wasser und Wind. Die Energie aus den Winddrachen würde nur drei Cent pro Kilowattstunde kosten, beinahe so günstig wie Kohlestrom.

Ridha Azaiz würde Ahrens widersprechen. Der 29-Jährige hofft, dass die Welt auf Sonnenenergie setzt, er würde davon profitieren. Azaiz hat einen Roboter entwickelt, der die Flächen von Solaranlagen reinigt. Sind die Anlagen verschmutzt, können sie weniger effektiv arbeiten, in Mitteleuropa liegen die Verluste bei bis zu zehn Prozent, im Nahen Osten bei bis zu 35 Prozent, nach einem Sandsturm können es sogar 80 Prozent sein. Azaiz hatte die Idee bereits mit 13 Jahren, weil die Familie Solarkollektoren zu Hause hatte, den ersten Roboter montierte er auf dem Balkon, Fellbach bei Stuttgart, erster Stock. Ein Jahr später wurde er in eine WDR-Sendung eingeladen, auf Youtube gibt es einen Mitschnitt davon.

Bei Solaranbietern stieß Azaiz mit seinem Roboter anfangs auf Unverständnis, schließlich hatten die Unternehmen die Anlagen als wartungsfrei und selbstreinigend verkauft. „Das betrübte mich“, sagt Azaiz heute. Für das Maschinenbaustudium kam er nach Berlin, in den Semesterferien jobbte er, um seinen Roboter weiterentwickeln zu können. Die Bauteile erhielt er oft billiger, manche Unternehmen gaben ihm Musterteile. „Hardware wie ein Roboter ist hart“, sagt Azaiz. „Sie ist nicht so einfach zu finanzieren wie Software.“ Investoren unterstützen nicht die Entwicklung, sie wollen direkt ein marktreifes Produkt. Programmieren ist günstiger als Bauen. Bei Förderprogrammen durfte er sich nicht bewerben, weil er noch studierte. Als er vor knapp einem Jahr zu einer Konferenz in Abu Dhabi eingeladen wurde, war unklar, ob er dorthin reisen kann. 3000 Euro sollte er als Aussteller zahlen, das Geld hatte er nicht. Weil den Veranstaltern die Idee gefiel – in Abu Dhabi gibt es viel Sonne und viel Sand –, durfte er kostenlos auf die Messe. Um Flug und Unterkunft zu finanzieren, verkaufte er ausrangierte Bauteile seines Roboters auf Ebay. Im März dieses Jahres hat Azaiz sein Studium abgeschlossen, jetzt konzentriert er sich auf seinen Roboter. Solarbrush hat er sein Unternehmen genannt. Bei einem Start-up-Wettbewerb gewann er 10 000 Euro, eine Woche lang durfte er ins Silicon Valley. Demnächst wird er nach Chile fliegen, wieder ein Förderprogramm, in der Atacamawüste hat er die Möglichkeit, den Roboter zu testen.

In Afrika, im Norden Tansanias, liegt der Kilimandscharo, mit 5895 Metern höchstes Bergmassiv des Kontinents. Vor einiger Zeit kraxelte Christopher Schläffer dort hoch, wie alle Österreicher sagt er kraxeln und nicht klettern. Der 44-Jährige, dunkle Stimme mit feinem Singsang, arbeitete jahrelang bei der Deutschen Telekom, sein Team war an der Entwicklung des ersten Mobiltelefons auf Basis des Betriebssystems Android beteiligt. Dann kündigte er. „Das nächste große Thema im Internet ist Smart Home“, glaubt er. Mit Yetu will er dafür eine Plattform entwickeln. Der Name Yetu ist eine Ableitung aus dem Suaheli, „etu“ heißt unser. Unsere Welt, unsere Verantwortung. Yetu will eine Echtzeitüberwachung des Energieverbrauchs anbieten, Kunden sollen ihren Verbrauch managen. Voraussetzung ist ein intelligenter Stromzähler, ein sogenannter Smart Meter. Yetu ist nicht für den Endkunden gedacht, Kunden wären beispielsweise Energiekonzerne.

In den Büroräumen hängen überall gelbe Post-its an den Wänden, in strukturierten Wolken, mal heißt die Ansammlung „To do“, mal „In progress“, mal „Done“. Zurzeit befindet sich Yetu in der Testphase. Ein Demo-Haushalt trägt den Namen „Rosa Kohl“, eigentlich ist das aber der Haushalt von Schläffer persönlich. Herr Schläffer, Frau Schläffer, zwei Kinder, irgendwo in Berlin. An diesem Tag hat Familie Schläffer bereits Energie im Wert von 1,96 Euro verbraucht, unter anderem 16 Cent für die Kaffeemaschine, 15 Cent für den Wasserkocher. Rechts neben der Anzeige gibt es Spartipps: Wasserkocher regelmäßig entkalken, nur nach Bedarf füllen, also nicht unnötig Wasser erhitzen. Wer wie Christopher Schläffer sportlichen Ehrgeiz hat, kann zu Energiesparwettbewerben antreten.

Schrittzähler, Körpergewicht, Arbeitspensum. Der Mensch optimiert sich selbst, strebt nach dem Superlativ. Man will sportlicher, gesünder, produktiver sein. Mit Yetu kommt nun auch Energiesparen dazu. Kilowattstunden sollen so normal wie Kilometer oder Kilogramme werden. Auf dem Tablet-PC oder dem Smartphone kann man nicht mehr nur seine Mails abrufen oder das Wetter abfragen, man sieht auch direkt, wie viel Energie man verbraucht. Inzwischen ist Yetu im dritten Jahr der Entwicklung, 2014 wird das Unternehmen auf den Markt gehen.

Wenn von der Energiewende die Rede ist, denken die meisten an den Verbrauch, kaum einer an Effizienz. Für die Internationale Energieagentur (IEA) ist Effizienzsteigerung die wichtigste Energiequelle der Erde. Wo lässt sich die Effizienz steigern? Bei Heizungen, zum Beispiel, ein Viertel des gesamten Energiemarktes entfällt darauf. In Deutschland stehen rund 20 Millionen Gebäude, 15 Millionen sind Einfamilienhäuser. In ihnen sind die meisten Heizungen veraltet, Schätzungen gehen von 50 bis 85 Prozent aus. „Heizungen, die älter als 15 Jahre sind, sollten ausgetauscht werden“, sagt Philipp Pausder. „Das spart Geld und CO2.“ Pausder ist einer der drei Gründungsmitglieder der Thermondo GmbH, kein Ingenieur, sondern Betriebswirt, lila Plastikuhr, Manschettenknöpfe, seine Initialen hat er sich auf den linken Ärmel sticken lassen. Er sieht nicht so aus, aber Thermondo ist ein echter Handwerksbetrieb.

Die Welt wird digital: Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass man heute nahezu alles übers Internet einkaufen kann? „Wir gehen davon aus, dass es im Handwerk genauso laufen wird“, sagt Pausder. Thermondo, ein Handwerksbetrieb 2.0. Pausder und seine Kollegen haben die relevanten Daten ermittelt, die für eine Heizungsberatung wichtig sind, 14 Punkte sind das, daraus generierten sie einen Algorithmus. Auf der Internetseite kann der Verbraucher seinen Ist-Zustand beschreiben, unter anderem beheizte Fläche, Gebäudeart, Etagenanzahl, Thermondo liefert dann verbindliche Angebote.

„Heizung ist nicht the most sexy topic“, weiß Pausder, „das Thema ist eher schmerzgetrieben, weil kostenintensiv.“ Mit Thermondo will er das Handwerk digitalisieren. Seit knapp sechs Jahren arbeitet Pausder in den Bereichen Energie und Nachhaltigkeit, davor war er Marketingmanager bei Adidas. Früher setzte er sich dafür ein, dass Leute Schuhe und Kleidung mit den drei Streifen kaufen, jetzt will er den Menschen Heizungen verkaufen. Noch schreibt Thermondo keine schwarzen Zahlen, aber es läuft. „Ich gehe davon aus, dass wir im Laufe des kommenden Jahres profitabel werden“, sagt Pausder.

Autor

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben