Zeitung Heute : Eine Hauptstadt zum Anfassen

Mit Modellen Berliner Wahrzeichen präsentiert sich die Metropole auf der Expo in Schanghai

Katharina Jung
Spürbare Schönheit. Mit Hilfe von Gipsmodellen haben TU-Mitarbeiter die bekanntesten Symbole der Stadt detailgetreu nachgebildet. Foto: TU Pressestelle/U. Dahl
Spürbare Schönheit. Mit Hilfe von Gipsmodellen haben TU-Mitarbeiter die bekanntesten Symbole der Stadt detailgetreu nachgebildet....Foto: Ulrich Dahl/Technische Universit

Wie fühlt sich Berlin an? Wer mit seinen Fingern über das Dach des Reichstages „spazieren“ geht, den verblüfft der Detailreichtum und die Perfektion, mit der die unzähligen Vasen und Figuren gestaltet wurden. Ein fühlbarer Kontrast dazu sind die runden Formen der Nofretete-Büste.

„Close your eyes and see“ - „Schließe Deine Augen und schau“ heißt die Ausstellung mit der sich Berlin im Juni auf der Expo 2010 in Schanghai präsentiert. Neun Modellbauten von Wahrzeichen laden zum Anfassen und Betasten ein. Im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hat die TU Berlin die Ausstellung erstellt. Barbara Berninger, Leiterin des Bereichs EU und Internationales, entwickelte die Idee und so entstand die Kooperation mit der Bauabteilung und Burkhard Lüdtke, Mitarbeiter der TU-Fakultät „Planen Bauen Umwelt“. Er sagt: „Man soll Berlin nicht mit dem Verstand, sondern über die Sinne erfassen.“ Dazu bekommt jeder eine Dunkelbrille und tastet sich fast blind entlang des Stadtmodells mit Hauptbahnhof und Regierungsviertel, vorbei am Brandenburger Tor, dem Alex, der Gedächtniskirche, der Siegessäule, dem Stadtwappen, der Nofretete-Büste, der größten Gasturbine der Welt und dem Reichstag.

Burkhard Lüdtke und sein Team haben diese Modelle maßstabsgerecht gebaut und nichts dem Zufall überlassen. So begeht man die glatten Platten des Bahnhofvorplatzes. Vor dem Brandenburger Tor erklingen internationale Stimmen und auf dem Sandweg im Tiergarten die typischen Geräusche der Jogger. Am Reichstag-Modell hört man Ernst Reuter mit „Völker der Welt …“. Nimmt der Besucher jetzt seine Brille ab, kann er die Architektur auch mit den Augen erfassen.

Die schwarz und kühl aussehenden Modelle fassen sich warm und trocken an. Das Material, ein Sand-Kunststoffgemisch, entwickelte Lüdtke mit blinden Personen. Die Modell-Originale bestehen aus unzähligen Einzelteilen aus Gips. „Allein der Reichstag ist aus mehr als 1000 verschiedenen Profilen gebaut“, sagt er. Vom Original-Modell wird eine Kautschukform genommen, die dann mit dem Gemisch ausgegossen wird. Schließlich werden die Modelle mit einem speziellen Lack imprägniert. So halten sie dem tausendfachen Betasten stand. Ein Team aus 20 Studenten, Tutoren und Assistenten der TU Berlin arbeitet seit einem halben Jahr intensiv daran.

„Better City, Better Life“ ist der Titel der Expo, „Balancity – eine Stadt im Gleichgewicht“ heißt das Motto des deutschen Pavillons. Auf der farbintensiven und lauten Weltausstellung wird „Close your eyes and see“ ein Ruhepol sein. Farblich zurückgenommen und klar im Design hebt sich die Berliner Ausstellung von den Themenpavillons deutlich ab.

Berlin präsentiert sich mit der Ausstellung als eine Stadt, die sich um Barrierefreiheit und die Integration aller bemüht, greifbar, sichtbar und hörbar. Das sagt Hella Dunger-Löper, Staatssekretärin für Bauen und Wohnen. „Sich ohne Barrieren in der Stadt bewegen zu können, ist ein Anliegen städtischer Planung, das vor dem Hintergrund des demografischen Wandels zunehmend an Bedeutung gewinnt und nach einem ,Design for all’ strebt.“ Denn nur Berücksichtigung aller Menschen mache auf Dauer die Qualität urbanen Lebens aus. Rund 300 000 Euro investiert die Senatsverwaltung in dieses Projekt, das nach der Expo in Berlins Partnerstädten gezeigt werden soll. Erster Interessent ist Tokio.

Wissenschaftler der TU Berelin begleiten noch ein weiteres Expo-Projekt. „Spree2011“ will den Fluss wieder zum Mittelpunkt der Stadt machen. Die Spree soll sauber genug werden, um darin zu baden. Künstliche Inseln, Ufergärten und Strandbars sind geplant. Dazu wird ein System aus speziellen Rückhaltebehältern entwickelt, das Überschussmengen aus der Abwasser-Kanalisation auffängt.

Die Forschung zu dem Projekt ist im Institut für Bauingenieurwesen angesiedelt. Die vier Professoren Matthias Barjenbruch, Bernd Hillemeier, Reinhard Hinkelmann sowie Stavros Savidis und ihre Mitarbeiter untersuchen dabei unter anderem die technische Gestaltung der Anlage, die geeigneten Werkstoffe, die Strömungsverhältnisse und den Baugrund. In Schanghai auf der Expo lassen sie die Vision einer sauberen Spree zumindest in einer multimedialen Darstellung wahr werden. Katharina Jung

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