Zeitung Heute : Eine Kontrolle ist nicht unmöglich

PETRA HÄUSSERMANN (dpa)

"Über knappe weiße Höschen regen wir uns nicht auf." Die Medienpädagogin Petra Müller unterstreicht ihre Worte mit Original-Bilder aus dem Internet von extremen und gewalttätigen Sexualpraktiken.Im Saal ist es plötzlich ganz still."Wenn Kinder damit unvorbereitet konfrontiert werden, kann sie das psychisch sehr belasten und traumatisieren", sagt die Leiterin der länderübergreifenden Einrichtung "jugendschutz.net" bei einer Tagung über Jugendschutz im Internet am Freitag in Mainz.

Seit Anfang des Jahres durchwühlt eine spezielle Software Nacht für Nacht selbständig das weltweite Netz nach Pornographie, rassistischem und gewaltverherrlichendem Material.Das Programm orientiert sich an Listen mit bestimmten Begriffen und mit Adressen einschlägig bekannter Anbieter.Am Morgen präsentiert der Rechner dann rund 200 bis 300 Angebote, die die Mitarbeiter von "jugendschutz.net" in Rheinland-Pfalz auf ihren Inhalt überprüfen.

"Zwei Drittel der Sachen sind für den Jugendschutz relevant", sagt Müller.Bislang ist die Auswahl auf Anbieter beschränkt, die in Deutschland ansässig sind oder ihre Inhalte über einen deutschen Rechner verbreiten.Private wie kommerzielle Anbieter erhalten Post von "jugendschutz.net" mit deutlichen Hinweisen auf die Verstöße gegen Strafgesetze oder Ordnungswidrigkeiten.Wird das Angebot im Internet nicht verändert oder verschlüsselt, geht es an die zuständige Behörde.

Das freundlich abgefaßte Schreiben bekam auch ein Sado-Maso-Studio in Bremen.Dieses antwortet prompt per E-Mail und gab sich überrascht: Die Internetseite sei doch mit "viel Liebe und Aufwand gestaltet" worden.Von Jugendschutzbestimmungen für Mediendienste will das Studio nichts gewußt haben."Als wir ein paar Tage später das Angebot prüften, war der Zugang zu den beanstandeten Bildern nur noch einer geschlossenen Benutzergruppe möglich", berichtet Müller.

Doch nicht nur die Homepage, auch die "Links" genannten Verweise auf andere Angebote sind im Sinne des Strafrechts ein "Zugänglichmachen" und können für Anbieter brisant werden.Der Rechner von "jugendschutz.net" spürte eine Anleitung zum Bau einer Trockeneisbombe auf."Die Links verwiesen zudem auf ernsthafte Anleitungen zum Bombenbau in englischer Sprache", erzählt die Medienpädagogin.Sie verschwanden nach einem Anschreiben von "jugendschutz.net" ebenso wie die Links einer Prostituierten, die für sich und ihre Praktiken im Internet warb, und die Homepage offensichtlich mit Geld für Hinweise auf hartes pornographisches Material finanzierte, so die Pädagogin.

Bislang hat sich noch kein Anbieter standhaft geweigert.Überraschend für alle Beteiligten, auch für das federführende Mainzer Jugendministerium, reagieren sie schnell und bauen ihrerseits ein Kontrollsystem zur Zugangsberechtigung auf."Offensichtlich hat die Arbeit von jugendschutz.net eine abschreckende Wirkung", sagt Jugendministerin Rose Götte.Dies beweise, daß Jugendschutz auch im Internet wirksam durchsetzbar sei.Notwendig seien aber in Zukunft eine europaweite Zusammenarbeit und gemeinsame Standards mit den USA.

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