Zeitung Heute : Eine Menge alter Feinde

Martin Gehlen

In Afghanistan haben Taliban vermutlich einen Hubschrauber der US-Armee mit 17 Soldaten an Bord abgeschossen. Wie stark sind die Taliban seit dem Krieg wieder geworden?

Anfang des Jahres waren die alliierten Militärs noch optimistisch. Die Taliban seien nahezu besiegt, hieß es in den Hauptquartieren der amerikanischen und afghanischen Streitkräfte in Kabul. Zum einen sei es den fundamentalistischen Kämpfern nicht gelungen, die Präsidentschaftswahlen im vergangenen Oktober entscheidend zu stören. Zum anderen habe es den ganzen Winter über praktisch keine Angriffe mehr gegeben.

Aber die Entwarnung kam zu früh. Seit Beginn des Frühlings hat sich einiges deutlich verändert. Die Rebellen unter dem Kommando des ehemaligen Machthabers Mullah Omar sind aktiver denn je. Besonders der Osten, aber auch der Süden des Landes – einstige Hochburg der Taliban – erleben eine Welle der Gewalt.

Nahezu täglich liefern sich seither Glaubenskämpfer Gefechte mit afghanischen und amerikanischen Soldaten, werden Konvois überfallen oder Bombenfallen gezündet. Ein Taliban-Sprecher brüstete sich sogar gegenüber westlichen Medien, man habe den amerikanischen Helikopter vom Typ CH-47 Chinook nach schweren Kämpfen „mit einer neuen Waffe“ abgeschossen.

340 Rebellen und fast 50 US-Soldaten sind seit März ums Leben genommen – deutlich mehr als im gesamten Jahr 2004. Allein in dem abgeschossenen Hubschrauber starben 17 US-Insassen. Zudem verloren fast 40 afghanische Polizisten und mehr als 100 Zivilpersonen ihr Leben. Mitte Juli beispielsweise nahmen die Taliban 31 Polizisten gefangen. Wie ein Sprecher zynisch erklärte, wurden acht von ihnen „nach einer Gerichtsverhandlung“ hingerichtet – darunter ein örtlicher Polizeichef aus der Provinz Kandahar.

Neben den 8000 europäischen Nato-Soldaten sind etwa 18000 amerikanische in Afghanistan im Einsatz, um die Kämpfer der Taliban und ihrer Al-Qaida- Verbündeten zu jagen. Sie sollen sicherstellen, dass die Bevölkerung trotz verstärkter Angriffe am 18. September wie geplant erstmals ein Parlament wählen kann. „Die afghanische Armee und die afghanische Polizei werden für Sicherheit sorgen“, bekräftigte Anfang der Woche noch einmal ausdrücklich ein Sprecher der US-Streitkräfte in Kabul.

Denn die Taliban haben noch immer substanziellen Rückhalt bei der Dorfbevölkerung, auch wenn dieser längst nicht mehr so stark ist, wie in den 80er Jahren für die Mudschahedin, die gegen die Sowjetunion kämpften. Nach Erkenntnissen der US-Streitkräfte agieren die Rebellen in Kampfgruppen von 30 bis 60 Personen. Diese sind ausgezeichnet bewaffnet, mit dem unwegsamen Gebirgsgelände bestens vertraut, verfügen über beträchtliche Geldsummen und ein Netz von Nachschublagern für Munition und Lebensmittel. Auch bei der Rekrutierung neuer Kämpfer gibt es offenbar keine Probleme. Ständig kommen aus den Westprovinzen Pakistans junge Männer dazu, die von islamischen Geistlichen zum heiligen Krieg gegen die Amerikaner aufgestachelt worden sind. Über die Stärke der Rebellen jedoch gibt es nur sehr grobe Vorstellungen. Pentagon und britisches Verteidigungsministerium schätzen ihre Zahl auf 2000 bis 4000.

Insofern fehlt den Taliban offenbar die Kraft, ganze Provinzen unter ihre Kontrolle zu bringen. Ihre Strategie ist es, örtliche Regierungsvertreter einzuschüchtern, ausländische Hilfsorganisationen zu vertreiben und in den umkämpften Regionen so viel Chaos zu stiften, dass diese de facto unregierbar werden. Die Regierung in Kabul versucht seit November 2004, Rebellen durch ein Amnestieangebot zum Aufgeben zu bewegen und damit die Taliban zu spalten – bisher ohne großen Erfolg.

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