Zeitung Heute : Eine neue Ära in Südkorea

MARTIN BARTH

Der Sieg Kim Dae Jungs bei den Präsidentschaftswahlen in Südkorea bedeutet eine echte Zäsur.VON MARTIN BARTHZum ersten Male in der Geschichte Südkoreas wird es einen wirklichen Machtwechsel geben, hat die Opposition das "Blaue Haus", den Präsidentenpalast in Seoul erobert - und das in einer wahrlich schwierigen Situation für das Land.Kim Dae Jung will wie einst Willy Brandt mehr Demokratie wagen.Aber wenn er in zwei Monaten sein Amt antritt, muß er zunächst einmal den wirtschaftlichen Scherbenhaufen abräumen, für den sein Vorgänger Kim Young Sam auch nur bedingt verantwortlich ist.Denn der wirtschaftliche Zusammenbruch, der die bisher größte Rettungsaktion des Internationalen Währungsfonds erzwang, ist systemimmanent: Südkorea ist geprägt von einem Bankenwesen, das mit der Politik verwoben ist und dem unabhängige, allein wirtschaftlich bedingte Entscheidungen nicht unbedingt geläufig waren, und industriellen Agglomerationen, den sogenannten Chaebols, die auf Pump aufgebläht wurden und gewaltige Überkapazitäten schufen. Ein solches System konnte nur funktionieren, solange die hohen Wachstumsraten von keinerlei Absatzschwierigkeiten auf den Weltmärkten begleitet waren.Man darf aber nicht übersehen, daß Südkorea über modernste Produktionsstätten verfügt und in wenigen Jahrzehnten tatsächlich eine der führenden Industrienationen geworden ist.Doch umso größer sind die Gefahren für die gesamte Weltwirtschaft, wenn ein solches Land zusammenzubrechen droht.Kim Young Sam hatte immer wieder Deregulierung gepredigt, aber wenig dafür getan.Jedenfalls hat er Firmenzusammenbrüche wie des Hanbo-Stahlkonzerns und des Kia-Autobauers nicht verhindern können, und dazu war seine Amtszeit von einer Vielzahl von Korruptionsfällen begleitet.Selbst sein Sohn wurde zu einer Haftstrafe verurteilt. Es ist dies das Klima, in dem der Wahlsieg Kim Dae Jungs möglich wurde und der als späte Gerechtigkeit gelten muß.Nur hätte man dem gealterten Oppositionspolitiker ruhigere Zeiten gewünscht.Denn die auch notwendige weitere innere Demokratisierung wird nun weniger im Rampenlicht stehen als die Notmaßnahmen zur Stabilisierung der Wirtschaft.Zudem verdankt Kim Dae Jung seinen Sieg nicht allein der Attraktivität seines Programms und seiner Person, sondern nicht weniger auch der Zerstrittenheit des Regierungslagers, das seinen Wählerstamm zersplittern ließ.Daß er mit erheblichen Widerständen rechnen muß, das belegt allein schon die negative Resonanz an der Börse in Seoul, aber auch an den anderen asiatischen Finanzplätzen. Kim Dae Jung hat seinen Wählern Reformen versprochen, aber er muß ihnen erst einmal Opfer abverlangen.Kein Zweifel - wie die gesamte Wirtschaft haben die Südkoreaner über ihre Verhältnisse gelebt.Schon Kim Young Sam hatte sie vergeblich gemahnt, auf Luxusgüter und Auslandsreisen zu verzichten, die die Devisenbilanz des Landes belasteten.Jetzt wird dies schon der dramatische Kursverfall der Landeswährung Won erzwingen.Auch zweistellige Lohnzuwachsraten wie in den vergangenen Jahren wird es nicht mehr geben können.Es wäre ein Euphemismus, von einem südkoreanischen Standortproblem zu reden.Wird Südkoreas Arbeiterschaft, die noch zu Jahresbeginn gegen neue Arbeitsgesetze aufbegehrt hatte, Kim Dae Jungs Reformbemühungen willig folgen? Über all dem darf nicht vergessen werden, daß die koreanische Halbinsel nach wie vor einer der gefährlichsten Plätze der Welt ist.Nord und Süd stehen sich trotz der Aufnahme von Friedens-Vorgesprächen weiter unversöhnt gegenüber.Im kommunistischen Norden macht zudem die schwere Nahrungsmittelkrise die Situation völlig unberechenbar.Aber der Sieg Kim Dae Jungs könnte neue Bewegung bringen.Er hat in seinen langen Oppositionsjahren immer eine flexiblere Politik statt starrer Abgrenzung gefordert und dabei auch die Sympathie der rebellischen Studenten gehabt.Der Norden wiederum hatte erkennen lassen, daß er Gesprächen mit dem Nachfolger Kim Young Sams aufgeschlossener gegenüberstehen werde.So ist es nicht ausgeschlossen, daß die harten Zeiten, die Kim Dae Jung seinem Volk verkünden muß, wenigstens mit einer Entspannung in den Beziehungen der beiden koreanischen Staaten einhergehen.

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