Zeitung Heute : Eine O-Ton-Elegie im Deutschlandfunk

Heinz Klunker

Als Roland Schäfer, 68-er Flausen im Kopf, sich beim Ensemble der Berliner Schaubühne vorstellte, meinte er, konventionelles Vorsprechen sei nicht angesagt, ein bisschen improvisieren reiche, man kenne ihn ja schließlich "und wir sprechen miteinander". Peter Stein ("Ich bin ja nicht blöd und entscheide das alleine"), mit gestandenen Schauspielern wie Otto Sander und Jutta Lampe, entgegnete kühl: "Ja, wir versprechen miteinander."

Im Reigen allfälliger Nachrufe auf die irgendwie doch treulos abgewickelte Schaubühne, wo der Draufblick dominiert, ist das Radiofeature "Der Vorhang fällt oder Abschied von der Schaubühne" von Tita Gaehms (Deutschlandfunk Köln, 1. Oktober, 19.15 Uhr) ein Unikum: Es präsentiert authentische Innenansichten. Mitglieder des ausgefallensten deutschen Nachkriegstheaters gewähren ungeschminkte Einblicke in ihre künstlerische Sozialisation. Tita Gaehme hat sie nicht befragt, sondern zum Sprechen gebracht. Eine Atmosphäre wird spürbar, die den Nachrichten aus dem innersten Kreis ("Es war ja wie im Kloster", so Jutta Lampe, die "Bienenkönigin") eine lichte Aura verleihen, ohne einen dumpfen Mythos zu füttern. Otto Sander spricht von gleichzeitiger Distanz und Nähe, Peter Simonischek beschreibt den Prozess, "aus der knienden Haltung in den aufrechten Gang zu kommen. Bewunderung ist gut, man kann aber auch daran ersticken."

Unisono ist das ein Hohelied auf das (ja, mitbestimmende) Ensemble, das "Blumenbeet", und seine integrierende Produktivität, eingeschlossen der Respekt vor den sogenannten kleinen Rollen. In einer Riege der Einzelkämpfer freilich fühlte sich Karoline Eichhorn, "da konnte man sich einfach nicht freisprechen". Es herrschte, bis hinein ins Gagengefüge, eine Hierarchie, die aber war akzeptiert und nicht lähmend. Einen hohen Grad "von Mitwissen und Mitverantworten und Mitwollen" konstatiert Corinna Kirchhoff, der eine spezifische Kreativität, "ein bestimmtes Verhältnis zur Welt und zu den Stoffen, die man bearbeitete" ausbildete.

Ein durchaus nicht idyllischer Kosmos, in dessen Mittelpunkt zwei Theatergötter die Regie führen. Der eine hatte "ein unglaubliches handwerkliches Können, der hatte eine Musikalität und ein Gefühl für Rhythmus und für Widersprüche", der "so offen und klar war bis zur Brutalität, manchmal": Peter Stein. Der andere "eine wunderbare Mischung aus Theaterliebender und gleichzeitig voller Wissen und sprachgewaltig, wir saßen alle mit offenem Mund, wir waren absolut glücklich, ihn zu hören": Dieter Sturm. "Das waren Welten, die wir nicht kannten", schwärmt Jutta Lampe: "Wir hatten große Achtung und fast Angst vor ihm". Als Stein ging, war die Schaubühne nicht mehr, was sie sein wollte. Das Mitbestimmungsmodell sei "einfach gestorben".

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