Zeitung Heute : Eine sagenhafte Schönheit

Der Korallenbaum lockt Mensch und Tier

Brigitte Zimmer

Im Botanischen Garten der Freien Universität Berlin werden Pflanzen, die besonders sehenswert sind, sei es durch die Blüte oder einen außergewöhnlichen Fruchtstand, durch einen roten Punkt gekennzeichnet. In einer Serie stellen wir diese botanischen Schätze vor. Diesmal: der Korallenbaum.

Sind sie nicht äußerst attraktiv, die korallenroten, ungewöhnlich großen Schmetterlingsblüten der Korallenbäume (Erythrina)? Es wundert nicht, dass der wissenschaftliche und auch der deutschsprachige Gattungsname von der Blütenfarbe abgeleitet wurde (griech.: erythros = rot). Zur Gattung gehören etwa 100 Arten laubwerfender oder immergrüner, meist dorniger Bäume oder Sträucher. Sie sind weltweit in den Tropen und Subtropen und gelegentlich auch in wärmeren gemäßigten Klimazonen verbreitet. Ihre dekorativen Blüten stehen entweder einzeln oder häufiger in endständigen oder achselständigen Trauben. Die Blüten aller Korallenbaum-Arten zeigen den für Schmetterlingsblüten typischen Aufbau aus fünf Kronblättern. Sie bilden jeweils eine Fahne, zwei Flügel und das aus zwei verwachsenen Kronblättern bestehende Schiffchen.

Was beim hier abgebildeten Korallenstrauch (Erythrina crista-galli) wie ein Schiffchen aussieht, ist jedoch die nach unten weisende Fahne, denn die Blüten sind umgedreht. Aus den hier nach oben gerichteten röhrenförmigen Schiffchen ragen die Staubbeutel der zehn Staubfäden pinselartig hervor. Durch die Ähnlichkeit der Blüten mit Hahnenkämmen erhielt die Art ihren Namen (griech.: crista-galli = Hahnenkamm). Die Blütenknospen haben die Form von Flamingoschnäbeln und sitzen auf orangeroten, fleischigen, schüsselförmigen Blütenkelchen.

Erythrina crista-galli ist im südöstlichen Südamerika heimisch und die Nationalpflanze Argentiniens, dort Ceibo genannt. Der etwa drei Meter hohe Strauch oder kleine Baum hat dicke, dornige Zweige. Seine langstieligen, hellgrünen Fiederblätter sind aus je drei Teilblättchen zusammengesetzt. Wegen der dekorativen Blüten, die in langen Trauben am Ende der Zweige sitzen, wird er vielerorts als Kübelpflanze kultiviert. Auch der Berliner Botanische Garten begrüßt im Hochsommer seine Besucher am Eingang Königin-Luise-Platz mit dem prächtigen Blütenflor des Korallenstrauchs. Die Pflanze kann nur bedingt Frost vertragen (bis minus zehn Grad Celsius) und sollte deshalb in unseren Breiten am besten im Gewächshaus überwintern.

Die duftlosen, korallenroten Blüten werden, ebenso wie bei den übrigen Erythrina-Arten, von Vögeln, zum Beispiel Kolibris und Sperlingsvögeln, bestäubt. Für sie steht ein reiches Nektarangebot bereit, das auch zahlreiche Insekten anlockt. War die Befruchtung erfolgreich, entwickeln sich typische Hülsenfrüchte mit großen, bohnenartigen Samen.

Korallenbäume sind oft mit Legenden, Sagen und Mythen verbunden. In einigen tropischen Gegenden betrachtet man sie als heilig. Die Pflanzen enthalten in allen Teilen giftige Erythrina-Alkaloide, deren Wirkung dem südamerikanischen Pfeilgift Curare ähnlich sein soll. Blüten und andere Pflanzenteile werden deshalb auch seit jeher volksmedizinisch genutzt. Auch die bohnenförmigen Samen gelten als magisch. Unter dem Namen colorines werden sie auf Märkten angeboten und zu Schmuck verarbeitet. Bei indianischen Frauen soll die Einnahme von zwei bis drei „Bohnen“ einer bestimmten Art zu erotischen Rauschzuständen geführt haben, was den prächtigen Korallenbaum etwas in Verruf gebracht hat.

Die Autorin ist promovierte Biologin am Botanischen Garten der Freien Universität Berlin. Der Garten und die Gewächshäuser sind täglich ab 9 Uhr geöffnet. Internet: www.botanischer-garten-berlin.de.

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