Zeitung Heute : Eine schändliche Lust der "nackenden Bilder"

PETRA WELZEL

Radierungen, die nicht geritzt, sondern gemalt erscheinen: Das Berliner Kupferstichkabinett präsentiert Rembrandt-GraphikVON PETRA WELZELSeine Frauen sind dick.Sie haben überall dort ein paar Pfunde zuviel, wo eine Frau sie gemeinhin nicht haben sollte.Fettpolster am Po und an den Oberschenkeln, einen Rettungsring rund um den Bauch.Wahrlich, mit Calvin Kleins Hungerkünstlerinnen im Drogenlook könnten Rembrandts Modelle heutzutage nicht mehr mithalten.Und tatsächlich hatte das Frauenideal des holländischen Malers schon zwölf Jahre nach seinem Tod scheinbar keinen Bestand mehr."Schlaffe Brüste, unförmige Hände, ja die Striemen des Gürtelbandes am Bauch, der Strumpfhalter am Bein, all dies mußte gezeigt werden, um der Natur Genüge zu tun - das heißt seiner eigenen, die weder Regeln noch sonstige Grundsätze in bezug auf die Ebenmäßigkeit des Menschenleibes duldete ...", schrieb 1681 sein Landsmann Andries Pels über Bilder wie das einer "Nackten Frau auf einem Erdhügel sitzend" (unsere Abbildung), das Rembrandt 50 Jahre zuvor radiert hatte. Damals hingegen, noch zu seinen Lebzeiten, rissen sich die Sammler europaweit um diese Radierungen - gerade weil Rembrandt sich an keine Regeln und Grundsätze der Menschendarstellung und Stecherkunst hielt.Bis heute ist deshalb auch unklar, wo der berühmte Amsterdamer Porträt- und Historienmaler den Umgang mit Nadel und Säurebad erlernt hat.Und das wird es auch nicht in der Ausstellung seiner Radierungen - Szenen von Bettlern und kleine Historien.Alle Welt sprach nur noch von dem Künstler, der seine Radierungen nicht ritzte, sondern malte.Gerade Rembrandts Bettler, angeregt durch eine Serie von Kriegskrüppeln des Franzosen Jacques Callot, unterscheiden sich von ihren Vorbildern durch subtile psychologische Studien, aufgelöst in malerische Schraffuren, während Callots beinamputierte Männer an Krücken in harten und kantigen Linien erstarren. Ein Großteil all dieser Werke war zuletzt während der großen Rembrandt-Retrospektive 1991 im Alten Museum in Berlin zu sehen.Und schon vor sechs Jahren wirkten sie auf das Publikum wie ein Magnet.In großen Trauben drängelte es sich vor den geätzten oder mit der Kaltnadel geritzten Meisterwerken des Künstlers, der noch aus heutiger Sicht um kein Thema verlegen war.Ein pissender Mann, ein kackender Hund im Vordergrund einer Darstellung vom barmherzigen Samariter, ein Flötenspieler, der einer Schäferin mit prallen Augen unter den Rock schielt, eine halbnackte Potiphar, die den Joseph zu sich ins Bett zerren will, ein Mönch, der es im Kornfeld recht munter mit einer Nonne treibt, oder Jupiter in Gestalt eines Satyrs, der es auf die Scham der schlafenden Antiphone abgesehen hat - und das alles in so perfekter Manier, daß es für diese Bilder einfach eine bestimmte Käuferschicht gegeben haben muß.Genauso wie es sie für seine großen Radierungen mit religiösem Inhalt gab, wie das "Hundertguldenblatt", das "Ecce homo" oder "Die drei Kreuze", die Rembrandt nicht zuletzt durch mehrmalige Überarbeitungen als hochbezahlte und beliebte Sammlerobjekte vertrieb. Die Ausstellung jetzt, die mit knapp 100 Werken aus dem eigenen Bestand des Kupferstichkabinetts bestückt ist, dokumentiert konsequenterweise diesen ganzen Rembrandt, seine sowohl thematische als auch handwerkliche Vielfalt.Ob es sich bei einem Bild wie dem "Mönch im Kornfeld" letztendlich um eine protestantische Kritik an den Lastern der katholischen Kirche oder um eine Form frühneuzeitlicher Pornographie handelt, bleibt dabei dem Urteil des Betrachters überlassen. Rembrandts laszive Bilder, die sich zu seiner Zeit noch größter Beliebtheit erfreuten, hatten jedenfalls 100 Jahre später schlechte Karten: "Hingegen wenn man sich an einem nackenden Bilde belustigt und dadurch zur Geilheit gereizt wird, so ist es eine schändliche Lust.Es muß nicht geduldet werden, daß man solche Bilder, die zur Geilheit reizen können, verfertige oder in Zimmern öffentlich habe", forderte nämlich 1721 Christian Wolff in seinen "Vernünfftigen Gedancken von dem gesellschaftlichen Leben der Menschen und insonderheit dem gemeinen Wesen zur Beförderung der Glückseligkeit des menschlichen Geschlechtes". "...in äußerst bizarrer Manier" - Rembrandt als Radierer, 17.7.bis 12.10., Kupferstichkabinett, Tiergarten, Matthäikirchplatz 6, Di-Fr 9-17, Sa / So 10-17 Uhr.

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