Zeitung Heute : Eine schrecklich nette Familie

6000 neue Entlassungen – trotzdem hoffen sie bei Daimler, dass der Stern bald wieder glänzt. Wie sich Stuttgart die Lage schön redet

Gabriele Renz[Stuttgart]

Die Stimmung entspricht exakt dem Wetter. Eiseskälte auf der Stuttgarter Höhenlage in Möhringen. Satte Minusgrade. Die trotzig strahlende Sonne stört geradezu. Regnen hätte es sollen aus Sicht der Beschäftigten. Schnürlregen, tagelang.

An solchen Tagen der schlechten Nachricht herrscht mediales Großaufgebot. Trauben von Kameras, Mikrofone und Reporter rücken den Beschäftigten zu Leibe, die, dick vermummt, die Konzernzentrale mit dem gewaltigen Daimler-Stern auf dem Hochhaus verlassen oder betreten. Keiner und keine will seinen Namen nennen, alle spüren „Druck“.

6000 Arbeitsplätze in der Verwaltungszentrale von DaimlerChrysler sollen gestrichen und der Vorstand um drei auf neun Personen verkleinert werden. So kündigte es der neue Vorstandschef Dieter Zetsche in einer englischsprachigen Schaltkonferenz an. Zum dritten Mal in kürzester Zeit hat der Betriebsrat des Autokonzerns „ehrgeizige“ Pläne des Autobauers zu verdauen. Doch die Mitarbeitern wussten längst, dass der Stern von Stuttgart, der in der Vergangenheit so viel von seiner Strahlkraft eingebüßt hat, nun alles versuchen würde, um wieder seinen alten Glanz zu bekommen.

Im September wurde die Streichung von 8500 Stellen an allen deutschen Pkw-Standorten verkündet. In der Aufsichtsratssitzung im Dezember legte die Konzernspitze ihre mittelfristige Planung auf den Tisch, wonach etwa 7500 Arbeitsplätze ausgerechnet im gewinnträchtigen Nutzfahrzeugbereich wegfallen sollen. Nun die 6000 Mitarbeiter der Verwaltung, das sind etwa 20 Prozent. Wie viele es in der Zentrale Stuttgart-Möhringen sein werden, ist noch unklar. Sicher ist nur, dass Zetsche rund 1,5 Milliarden Euro einsparen will. Noch arbeiten noch rund 5000 Menschen in dem üppigen Bürokomplex auf der Stuttgarter Anhöhe. Die „Daimler-City“ ist Zeuge einer Zeit, da der Autobauer noch das ganz große Rad drehen wollte.

Edzard Reuter ließ ins Zentrum des Areals mit seinen 50 000 Quadratmetern Bürofläche eine Piazza mit einem pompösen Gesamtkunstwerk von Max Bill gestalten. Damals gehörten VIP-Bereiche und eine Kunstsammlung zum guten Ruf. Knapp 290 Millionen Euro soll der Prachtkomplex gekostet haben. Es war der Stolz der damaligen Daimler-Benz AG. Doch schon sein Nachfolger Jürgen Schrempp entschlackte den Konzern. Den Repräsentationstraum des kunstsinnigen Vorgängers nannte er „Bullshit Castle“. Dass Zetsche nun wieder in den Schoß der werktätigen Familie nach Untertürkheim will, überrascht kaum einen Mitarbeiter. Manche freut es sogar. „Das war absehbar“, sagt einer am Tor. Mit 60 Quadratmetern sei das Büro Zetsches zu klein, wiederholt der Mitarbeiter staatstragend die offizielle Lesart. Ohnehin, heißt es, fühle sich der Manager des Weltkonzerns nahe an der Produktion viel wohler. Selbst Stuttgarts Finanzbürgermeister Michael Föll (CDU) findet es „psychologisch“ wichtig, dass der Vorstand „dort präsent ist, wo Autos gebaut werden“. So viel Verständnis.

Auch manche Mitarbeiter destillieren eine gute Nachricht aus der schlechten: „Wenn man unten mit weniger auskommt, kann man auch oben mit weniger auskommen“, sagt einer. Doch kein Vorstandsmitglied verliert seinen Posten. Die meisten Veränderungen existieren längst: Der Vorstand für Mitsubishi und EADS, Manfred Bischoff, ist ebenso im Ruhestand wie Klaus Mangold, der Dienstleistungschef, dessen Geschäft zuletzt kräftig ausgedünnt wurde. Doch ein „Weniger“ in der Überschrift klingt einfach gut.

Die politischen Akteure in Baden-Württemberg reagieren auf die neuerliche Streich-Botschaft mit demonstrativer Gelassenheit. Der Arbeitsplatzabbau sei „schmerzlich, aber viel schmerzlicher wäre, die Motorenproduktion ins Ausland zu verlagern“, kommentierte Regierungschef Günther Oettinger (CDU). Er sei dem größten Arbeitgeber selbstredend weiterhin verbunden. Entscheidend, so der regierende Christdemokrat, sei doch: DaimlerChrysler halte den Standort im Land. Als hätte je etwas anderes zur Disposition gestanden.

Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster, auch er ein CDU-Mann, äußerte gar „Verständnis“, da das Unternehmen dadurch „langfristig besser aufgestellt sein wird“. Mit der Verlegung der Zentrale ins Neckartal könne er „gut leben“.

Nur die wahlkämpfende SPD wundert sich. Dass sich die neue Daimler-Spitze einen „derart pauschalen und radikalen Personalabbau auf die Fahnen schreibt“, sei „kein hoffnungsvoller Start“, formuliert Spitzenkandidatin Ute Vogt und geißelt die „blinde Gefolgschaft“ Oettingers. Doch die Chancen der früheren Innenstaatssekretärin, das Thema mit dem Daimler-Chrysler-Chef Auge in Auge als Regierungschefin besprechen zu können, sind vergleichsweise gering.

Die Macht des Sterns ist im Südwesten groß. So groß können die Umwälzungen gar nicht sein, dass die Daimler-Familie am Ende nicht doch zusammenhielte. Die Corporate Family. In der Belegschaft empört man sich über Zetsche, doch so richtig schlecht ist sein Ruf nicht. Wie Schuster oder Oettinger vertrauen auch viele Mitarbeiter des traditionsreichen Autobauers darauf, dass der Stern wieder glänzen wird. Dass der großkotzige Ausflug in die Welt der Handels mit allem und jeden definitiv zugunsten des Kerngeschäfts entschieden wurde. Zetsche im Mercedes-Stammwerk Untertürkheim ist das Bild dazu.

Zwei Männer bleiben in der frostigen Kälte stehen – der eine aus Bremen, der andere aus dem Osten Deutschlands. „In Bremen wurde man auch nicht übernommen“, sagt der junge Mann mit traurigem Ton in der Stimme. „Deswegen bin ich jetzt hier gelandet und arbeite eben, solange es geht.“

Der andere, er kommt aus Brandenburg, wo die Arbeitslosigkeit „sowieso ’n Thema is“, liest den süddeutschen Kollegen die Leviten. „Ich muss leider sagen: So mancher Schwabe lebt inner ganz bunten Welt hier. Der muss sich mal umgucken, wie et wirklich aussieht in Deutschland.“

Als Dieter Zetsche gestern vor seine Verwaltungsmitarbeiter tritt, definiert er seine Vorstellung von „Unternehmenskultur“ nicht, wie noch in der Schaltkonferenz, mit „Konzentration aufs Auto, nur Fakten zählen, kein Bullshit, keine Intrigen“. Da hätte er sogar Lacher auf seiner Seite gehabt. Doch Zetsche sprach eine knappe Stunde lang von schlanken Strukturen, beweglichen Prozessen und einem „starken Portfolio“, auf das es aufzubauen gelte. Die Stimmung war gelöst. Am Ende gab es Applaus. Die Daimler-Familie hat sich auf neue Zeiten eingeschworen.

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