Zeitung Heute : Eine Siedlung wie aus dem Katalog

Diepensee präsentiert sich nach der Umsiedlung mustergültig. Doch hinter der Hand wird viel geredet

Selina Byfield

„Is' doch allet schön jeworden hier und so modern", sagt eine blonde Frau in feinster Brandenburger Mundart, die mit Sohn und Tochter die Goldfische im Diepenseer Dorfteich füttert. Zeit für ein längeres Gespräch hat sie nicht, doch wer sich umschaut, sieht von selbst, was die Frau meint: Landhäuser mit Fassaden in kräftigem Blau, Miniaturburgen mit Rapunzeltürmen, Mehrfamilienhäuser mit großen Fensterfronten. Vor einigen Residenzen wachen Hunde, vor anderen nagelneue Gartenzwerge. Dazwischen viel Wiese und junge Bäume, noch durch Holzgestelle vor Wildverbiss und Sturmschäden geschützt.

Es ist eine Idylle, die am Reißbrett entworfen wurde: Weil das 600 Jahre alte Dorf Diepensee bei Schönefeld dem künftigen Airport Berlin Brandenburg International (BBI) weichen musste, hatte ein Hamburger Architektenbüro ein neues Diepensee entworfen, über den Standort stimmte die Dorfgemeinschaft ab. Die Wahl fiel auf ein knapp dreißig Hektar großes Grundstück am Rande von Königs Wusterhausen im Landkreis Dahme-Spreewald, fünfzehn Kilometer von der alten Heimat entfernt. Grundlage für den Umzug war der Umsiedlungsvertrag, den die Gemeinde mit den Ländern Berlin und Brandenburg sowie der Flughafengesellschaft ausgehandelt hatte. Nach dem Motto „neu für alt“ bekamen 335 Dorfbewohner ersetzt, was sie vorher hatten – ob Haus mit Einbauküche und Garten oder Mietwohnung im Erdgeschoss. Nur Extrawünsche mussten aus eigener Tasche bezahlt werden. Und während die Häuser von „Alt-Diepensee“ zum Teil verwittert, die Straßen holprig und die Mietwohnungen zugig waren, wirkt „Neu-Diepensee“ wie aus dem Ei gepellt.

Ortsbürgermeister Helmut Mayer ist mit dem Ergebnis zufrieden und fühlt sich im neuen Dorf längst heimisch. Schräg gegenüber seiner gemieteten Doppelhaushälfte in der Hauptstraße hat er seine Amtsstube in einem großen Klinkerbau. „Die Gemeinde hat eine großzügige Entschädigung bekommen, davon konnten wir dieses schöne Dorfgemeindehaus bauen. Wir haben hier viele Sportangebote, unsere Bowlingbahn ist gut ausgelastet, und es kommen auch viele Leute aus der Innenstadt von Königs Wusterhausen, um hier ihre Feiern auszurichten“, sagt er. Auch sonst findet Mayer das neue Dorf besser als das alte. Vor allem die Wohnqualität habe sich verbessert. „Die meisten Eigentumshäuser waren einfache Bauernhäuser aus der Zeit nach 1945, viele davon waren in schlechtem Zustand. Auch in die Miethäuser wurde schon lange nichts mehr investiert, weil die Besitzer so lange im Ungewissen waren, ob sie nun umsiedeln müssen oder nicht“, so Mayer.

Einige Bewohner der Hoherlehmer Straße am westlichen Ortsrand teilen diese Begeisterung nicht. „Ich hatte vorher schon ein neues Haus und jetzt hab ich wieder eins. Dafür hab ich's jetzt weiter zur Arbeit in Berlin“, sagt ein Mann, der nur kurz aufhört, das Laub vor seinem Haus zusammenzuharken, und ergänzt: „Wenn sie die von nebenan fragen, werden sie auch hören, dass die nicht zufrieden sind.“ Nebenan ist niemand zu Hause. Aber noch ein paar Meter weiter die Straße herunter steht Peter Martin, 65, vor seinem Haus und raucht. Über seinen eisernen Gartenzaun hinweg sagt er: „Ich fühle mich überhaupt nicht wohl hier. Die Dorfgemeinschaft war vorher viel besser, hier sind sie doch alle miteinander neidisch, weil einer mehr gekriegt hat als der andere.“

Tatsächlich gibt es im Dorf Gerüchte, dass das Verhandlungsgeschick der einzelnen eine Rolle bei der Umsiedlungsentschädigung gespielt hat. Vor allem aber ist Martin ist sauer, weil die Baufirma „nur Mist gemacht hat hier. Die Bodenplatten sind komplett schief, trotzdem verlangt die auch noch mehr Geld, als im Vertrag ausgemacht war“. Deshalb kämpfe er jetzt vor Gericht, doch wenn der Fall entschieden sei, wolle er auswandern. „Nach all dem Ärger will ich mit meinen Söhnen nach Mallorca auswandern. Für das Geld vom Haus krieg ich da eine Finca am Meer“, sagt er und verabschiedet sich. Bürgermeister Mayer gibt zu, dass nicht alles reibungslos lief bei der Umsiedlung. „Das Tragische ist, dass einige Baufirmen geschlampt haben, aber das sind Einzelfälle“, so Mayer. Abgesehen davon, dürfe es keinen Grund zur Klage geben, schließlich seien die Diepenseer in alle wichtigen Entscheidungen einbezogen worden. „Selbst die Mieter durften sich ihre Nachbarn aussuchen und über den Grundriss der Wohnungen mitentscheiden.“

Ein älterer Herr aus der Straße „An der Koppel“ sieht die Sache ähnlich positiv wie Mayer. „Natürlich ist es besser hier, es ist alles in einem super Zustand, und ich muss nicht mehr die Kohle für den Ofen ins Haus schleppen.“ Nur die Miete sei ein wenig höher, weil auch die Wohnung etwas größer sei. Seinen Namen möchte der Mieter allerdings nicht nennen. Denn Diepensee ist jetzt zwar ein Ortsteil der 17 000 Einwohner-Stadt Königs Wusterhausen, aber eben ein Dorf geblieben – und im Dorf wird viel geredet.

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