Zeitung Heute : Eine Sprache auf Kurs

Experten reden. Über das Deutsche und die EU

Kerstin Decker

Der Autor der Bücher „Die internationale Stellung der deutschen Sprache“ sowie „Ist Deutsch noch eine Wissenschaftssprache?“ betrachtet die Formel „D (18 Prozent) > E = I (13 Prozent) > F (12 Prozent) > S (9 Prozent)“ und fährt fort: E > F > I = S > D! Genau das sei das Problem. Fassungslos folgen Ulrich Ammon die Liebhaber der deutschen Sprache. Die erste Relation drückt aus, dass (D)eutsch vor (E)nglisch, (I)talienisch, (F)ranzösisch und (S)panisch EU-weit die meisten Sprecher hat, auch sind EU-weit sogar mehr Nicht-Muttersprachler in der Lage, ein Gespräch auf Deutsch als auf Französisch zu führen. Und ökonomisch gilt ohnehin: D > E > F > I > S.

Dienstag im Auswärtigen Amt, die ungewöhnliche Expertenrunde, miteingeladen von der „Initiative Deutsche Sprache“, schaut abwechselnd auf den Professor und seine Formeln. Er hat noch viel mehr. Aber das Schlimme ist eben: E > F > I = S > D. Und wegen E > F > I = S > D sind sie alle hier. Denn diese Relation drückt die Wertschätzung und Akzeptanz der deutschen Sprache als Symbol der Gemeinschaftsidentität aus. Deutsch, gleichsam als gefühlte Sprache, ist das Schlusslicht unter den großen Sprachen der EU. Sollte sich da nicht etwas machen lassen?

Ein Herr mit kleinem Lächeln im Gesicht steht auf und gibt seiner Hoffnung Ausdruck, dass alle ihn verstehen. Auch Florian Haug weiß: Deutschland und Österreich unterscheiden sich vor allem durch die Sprache. Haugs Österreich habe im Unterschied zu den hier Anwesenden keine Sprachpolitik, nur eine Haltung. Kurz: 75 Prozent der EU-Mitarbeiter kommen mit Englisch aus, was man, schon aus Kostengründen, sehr befürworte. Deutsch dagegen verstehe man vor allem als „Kultursprache“. Wohlgezielte Blicke durchbohren Haug.

Michael Roth von der SPD-Bundestagsfraktion mit knallrotem Schlips hält eine leidenschaftliche Rede, in der das Wort „Rambo-Manier“ vorkommt zur Kennzeichnung des Die-sprechen-doch-eh- alle-englisch-Standpunkts. Thank you for your clear remarks!, antwortet der Moderator, worauf Jutta Limbach, die Präsidentin des Goethe-Instituts, mit dezent gehobenen Augenbrauen fragt: Und, Herr Haug, heißt Kultursprache nicht Freizeitsprache? Freizeitsprachen, die nicht mehr gebraucht werden zur Begriffsbildung, verkümmern. Beifälliges Nicken, insbesondere von der Terminologie-Spezialistin des Goethe-Instituts.

Sie hat die Polen schon vor Jahren zu einem polnischen Terminologie-Zentrum überredet statt an jedes lateinische Stammwort nur eine polnische Endung anzuhängen. Mut zur eigenen Begrifflichkeit bei Strafe der Freizeitsprache! Wahrscheinlich ist das ein Aspekt der hier vielberaunten Huckepack-Funktion des Deutschen für kleinere Sprachen. Jutta Limbach schlägt vor, jeder hier ausgebildete Dolmetscher könne gleich eine kleine Sprache mitlernen, Litauisch zum Beispiel. Und im Übrigen würden die Spanier uns vormachen, wie viel charmanten Nachdruck man auf die eigene Sprache legen kann ohne befremdlich zu wirken.

Spanisch ist im Unterschied zum Deutschen nicht Arbeitssprache der EU, was die spanischen Weltspracheninhaber nur schwer bis gar nicht einsehen. Deutsch ist neben Englisch und Französisch zwar Arbeitssprache, hat aber jahrzehntelang aktiv-vorauseilenden Selbstverzicht geübt, weshalb es heute undenkbar ist, dass ein EU-Kommissionsbeamter kein Englisch oder Französisch kann, aber fast normal, dass er kein Deutsch kann. Einer neuen EU-Regelung zufolge müssen Beamte mit Beförderungswunsch künftig drei Sprachen beherrschen. Der babylonische EU-Sprachen-Turm ist in Bewegung. Nur Mehr- statt Zweisprachigkeit schütze künftig vor anglophoner Einfalt.

Vorerst beschließt man, mit spanischem Charme Deutsch zu sprechen, die vorauseilenden English-Speaker à la Joschka Fischer zu ächten und in den EU-Institutionen ein bisschen Werbung fürs Deutschlernen zu machen.

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