Zeitung Heute : Eine Stippvisite in der baden-württembergischen (Narren-)Stadt

Stefan Eggert

"Ist das ein Rottweiler?", fragen wir angesichts eines wuscheligen Tierknäuels, das sich am Neckarufer an unsere Füße schmiegt. "Nein, das ist ein Labrador!" Hier in Rottweil begegnen wir dem gleichnamigen Hund vor allem in der plüschigen Variante, als Stofftier in etlichen Schaufenstern. Leibhaftige Rottweiler, oft auch unter der Rubrik "Kampfhunde" eingeordnet, die nachweislich aus Rottweil stammen und dort heute noch gezüchtet werden, sieht man hingegen eher in der großstädtischen U-Bahn als in den schönen Gassen des baden-württembergischen Städtchens.

Rottweil hat eine Lage, die fast schon italienisch anmutet, wenn man sich - aus welcher Richtung auch immer - der weit über dem Neckar auf einer Anhöhe gelegenen Ortschaft nähert. Die Silhouetten der mittelalterlichen Kirchtürme recken sich in den Himmel empor. Über Viadukte gelangt der Reisende dann direkt in den Kern der wohl ältesten Stadt Baden-Württembergs. Der Neckar schlängelt sich meist träge durch die Landschaft und streift die ehemalige Reichsstadt. Der Bahnreisende steigt am Fuß der Stadt aus, doch für bequeme Anschlüsse ist gesorgt, und auch mit einem zünftigen Marsch gelangt man rasch in das Zentrum der Stadt mit den vielen Brunnen und Bürgerhäusern. Und wer die Kirchtürme der Altstadt besteigt, genießt eine wunderbare Aussicht auf die Schwäbische Alb und das Schwarzwaldvorland. Zum Beispiel vom Kapellenturm der gleichnamigen Kirche aus, die schon 1320 hier erbaut wurde und in der Fassadengestaltung an nordfranzösische Kathedralen erinnert.

Der gotische Kapellenturm ist das Wahrzeichen Rottweils, allein die Figuren der Propheten und Apostel am spitzbogigen Haupteingang sind in ihrer Anschaulichkeit und Kunstfertigkeit auf jeden Fall einen Besuch wert. Die Originale der Reliefs findet man allerdings ein bisschen weiter in der Lorenzkapelle am Bockshof.

Hier öffnet sich ein großzügig gestalteter Platz, der durchaus zum längeren Verweilen animiert und der im Sommer auch als Freilichtbühne genutzt wird. Vom Pulverturm an dieser Stelle hat man einen weiten Blick ins Ländle hinein. Unterhalb dieses einmaligen Bauensembles fließt ruhig der Neckar und es klappert sogar noch eine Mühle. Eichendorffs Taugenichts könnte von dort seine Wanderung begonnen haben, als ihn der Vater in die Welt hinausschickte.

Wer noch mehr Kirchen und Kunst betrachten möchte, kommt an dem Dominikanermuseum mit seinen vielen Holzbildwerken, Tafelmalereien und dem gut erhaltenen, römischen Orpheus-Mosaik nicht vorbei. Die Römer hatten links und rechts des Neckars 73 nach Christus einen Militärstützpunkt mit mehreren Kastellen angelegt. Ausgegrabene Funde dieser frühen Besiedlung kann man im Museum bestaunen. Das obligatorische Römerbad wurde in Rottweil-Altstadt ausgegraben, nicht zu verwechseln mit der mittelalterlichen Altstadt im Zentrum.

Ist Rottweil mit seinen mittelalterlichen Häusern im Stile des Barocks, der Renaissance und der Gotik ein Wolkenkuckucksheim mit Museumscharakter, eine Art Rothenburg ob dem Neckar? Weit gefehlt! Das anschaulich Museale verträgt sich in Rottweil mit der lebendigen, modernen Atmosphäre einer mittelgroßen Stadt. Für Jung und Alt gibt es in Rottweil seit jeher ein buntes und anspruchsvolles Kultur- und Freizeitangebot. Seit Jahren wird etwa im Frühjahr in Rottweil ein Jazzfestival sowohl mit etablierten als auch jeweils noch zu entdeckenden Musikern veranstaltet. Im Sommer folgt ein Klassikfest, bei dem auch Tango und moderne Musik geboten werden. Während der Ferien leisten Kinder und Jugendliche in einem eigens dafür geschaffenen Areal ihren Anteil dazu, Rottweil zu "Flottweil" umzugestalten, mit eigenen Gesetzen, eigener Währung und vielen selbst verwalteten Attraktivitäten.

Wer das jugendliche Flair der Stadt mit ihren altehrwürdigen Fassaden zusammen erleben möchte, der braucht nicht unbedingt nach speziellen Veranstaltungen zu suchen, sondern flaniert einfach durch die zentrale Hauptstraße - eine Fußgängerzone, was sonst? - und die anliegenden Gassen. Eiscafés sind hier noch der große Hit. Allerdings kommt auch der nicht zu kurz, der die deftige Gemütlichkeit einer schwäbischen Wirtschaft schätzt. Er muss nicht lange suchen. Überall kann man sein "Viertele schlotze" - also, anders ausgedrückt, ein Viertel Wein zu sich nehmen.

Typisch für das gesamte Stadtbild Rottweils sind zum einen die steilen Dächer (Traufen), wie man sie sonst nur in der Schweiz sieht - Rottweil trat 1463 der Schweizer Eidgenossenschaft für lange Zeit bei - sowie die überall hervorstehenden Erker, die bunt verziert sind und nicht selten über zwei bis drei Stockwerke reichen. Hier gibt es einiges an Wappen und Zunftzeichen zu entdecken, Doppeladler, Löwen, Bären und andere Motive. Es lohnt sich also, den Blick von den Schaufenstern in die Höhe schweifen zu lassen, zu den kunstvoll geschmiedeten Stechschildern und den Satteldächern der Speicheraufzüge.

Aber auch moderne Kunst findet der Besucher zum einen im "Forum Kunst" in wechselnden Ausstellungen oder als Dauereinrichtung am modernen Skulpturenboulevard entlang der Königstraße. Sie führt übrigens auch zum Römerbad, das dereinst unter Kaiser Trajan errichtet wurde.

So kann man in Rottweil von Brunnen zu Brunnen, von Kirche zu Kirche, von der Antike bis in die Moderne und wieder zurück schweifen, ohne die Fülle des Ortes auch nur annähernd während eines kurzen Aufenthaltes ausschöpfen zu können. Dabei war von der Rottweiler Fasnet und dem Narrensprung, wie hier die Faschingsprozession genannt wird, noch gar nicht die Rede. Sie gehört zu den ältesten Ritualen, die ursprünglich alemannische Fasnet zu feiern. Wer aber zum Fasching nicht nach Rottweil kommen kann, der hat allemal die Möglichkeit, die Masken und Kostüme, die Narrenkleider und das "Gschell" (Glockenspiel) in multimedialer Vielfalt ganzjährig im Stadtmuseum zu erleben.

Rottweil ist zur Fasnet regelmäßig ausgebucht, aber ein Besuch lohnt zu jeder Jahreszeit, auch als Standquartier für Ausflüge in die Umgebung des Neckars zwischen Alb und Schwarzwald. Sicherlich begegnet einem dann auch mal ein wohlerzogener Rottweiler mit Hundeschnauze.

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