Zeitung Heute : Eine Übersicht über die Tarife der Bewag

Andreas Lohse

Seit geraumer Zeit kann sich jeder Verbraucher aussuchen, von welchem Produzenten er seinen Strom kauft. Glaubt man der Werbung, ist Strom angeblich sogar farbig. Die Farbenlehre aber kann man leicht entschlüsseln: Alles, was nicht ausdrücklich als "Grün" deklariert ist, stammt vorzugsweise aus Kraft-Wärme-Kopplung, aus Kohle- oder Atomkraftwerken. Grüner Strom hingegen wird aus regenerativen Quellen erzeugt, gemeinhin aus Wind-, Wasser- oder Sonnenenergie.

Ende vergangenen Jahres spielte auch die Bewag "Bäumchen-wechsel-Dich" und bietet seitdem den Berlinern verschiedene Tarife, sowohl preislich als auch produktionstechnisch. Der alte Tarif wurde eingängig "BerlinKlassik" genannt. Der Grundpreis liegt bei 5,50 Mark pro Monat, der Verbrauchspreis beträgt 30,3 Pfennig pro Kilowattstunde (inklusive Steuern). Daneben hat die Bewag KlassikPlus im Angebot. Der Grundpreis ist zwar drei Mal so hoch (16,90 Mark), der Verbrauchspreis jedoch billiger (25 Pfennig). In beiden Fällen wird der Strom durch Kraft-Wärme-Kopplung produziert: 12 der 13 Bewag-Kraftwerke erzeugen dabei außer Strom auch noch Wärme, was in solchem Ensemble weniger umweltschädlich ist und rund zwei Millionen Tonnen Kohlendioxid im Vergleich zur herkömmlichen Kohleverstromung spart.

Umweltfreundlich wird es beim Tarif "ÖkoPur" - aber auch etwas teurer. ÖkoPur wird, so garantiert die Bewag, aus Wind, Wasser und Sonne erzeugt: Dabei werden keine fossilen Ressourcen verbraucht, mithin entsteht auch kein klimaschädliches Kohlendioxid. Kosten: Grundpreis 5,50 DM, Verbrauchspreis 39,4 Pfennig.

Wer auf den Pfennig schauen muss, wählt die Tarife MultiConnect und MultiConnect 24. Die Grundpreise betragen 20,40 DM (19,80 DM), die Verbrauchspreise 22,5 Pfennig (21,8 Pfennig). Die Bewag garantiert allerdings hinsichtlich der Herkunft des Stroms für gar nichts - also wird er wohl aus Atomkraftwerken stammen.

Wer sich aus ökologischen Gründen für grünen Strom entscheidet, kann bundesweit unter mehreren Anbietern wählen. Dabei lässt sich unterscheiden, ob der Strom vom jeweiligen Grünstrom-Erzeuger "zeitgleich" oder "mengengleich" ins öffentliche Stromnetz eingespeist wird. Bei der mengengleichen Variante zählt der Jahresverbrauch des Kunden. Der Anbieter garantiert, dass über das Jahr gerechnet genauso viel ökologischer Strom produziert wie verbraucht wird und im öffentlichen Netz zur Verfügung steht. "Zeitgleich" bedeutet: Die Produktion ist genauso hoch wie der tatsächliche momentane Verbrauch. Zur Erklärung muss man in Bildern sprechen: Man stelle sich die Stromproduktion und den Stromverbrauch als See vor, dessen Wasserspiegel Tag und Nacht immer gleich groß sein muss, um optimal zu funktionieren. Physikalisch bedeutet dies, die Stromspannung zu halten, andernfalls würde das Stromnetz zusammenbrechen. Um das zu erreichen, wird dem Reservoir genauso so viel zugeführt (Stromproduktion) wie abgenommen (Verbrauch). Derzeit ist der "Strom-See" vorrangig durch Atom- und Kohlestrom gespeist. Doch je mehr Erzeugungsanlagen aus erneuerbaren Energien ihren Strom einspeisen, desto mehr wird der Anteil an Atomstrom zu Gunsten ökologischen Stroms verdrängt.

Bundesweit Öko-Strom-Anbieter

Das jedoch beinhaltet, dass das Versprechen, der Kunde würde mit dem Kauf von Ökostrom auch seine elektrischen Geräte mit eben diesem Strom versorgen, absurd ist: Die Energie stammt aus dem "StromSee", so dass noch immer auch - anteilig - Atomstrom durch die Leitungen fließt. Der Sinn einer Vermarktung von ökologischem Strom besteht nun darin, durch zunehmende Produktion und Einspeisung grünen Stroms in das öffentliche Netz, im "StromSee" den Anteil ökologischen Stroms zu erhöhen und den Anteil anderen Stroms zurückzudrängen - die Gründe liegen also im Umweltschutz.

Bei der Herstellung von Atomstrom entsteht zwar nicht unmittelbar das klimaschädliche Treibhausgas Kohlendioxid - weshalb die Atomwirtschaft ihren Strom als "klimafreundlich" vermarktet. Allerdings sind die Gefahren, die von den Kraftwerken ausgehen können - wie die Unglücke in Russland, aber auch in dem hochtechnisierten Japan zeigen - größer als beispielsweise die bei Windkraftanlagen. Große Kohlekraftwerke können demgegenüber zum Kohlendioxid-Ausstoß beitragen.

Wer sich aus grundsätzlichen Erwägungen für Ökostrom entscheidet, sollte auf der Grundlage seines eigenen Verbrauchs das Bewag-Angebot vor Vertragsabschluss mit anderen Anbieter aus dem Bundesgebiet vergleichen. Eine Erhebung des Aachener Solar Verlages ergab, dass mancher Ökostrom preislich bereits mit Atomstrom mithalten kann. Demzufolge gibt es derzeit gut ein halbes Dutzend Anbieter, auch für Privatkunden, die rein ökologischen Strom vermarkten. Die Preise liegen zwischen 26,9 und 45 Pfennig pro Kilowattstunde, die Grundgebühren zwischen Null und 25 Mark pro Monat. Je nach Tarif und Kombination kann mancher mit geringem Stromverbrauch mit grünem Strom jetzt schon günstiger fahren als beispielsweise mit aufwendig vermarktetem gelben. Aber: Trotz fallender Preise bleibt ein Tarif immer unschlagbar. Wer einfach weniger Strom verbraucht, spart nicht nur Geld, sondern tut auch etwas für die Umwelt.Eine Übersicht (Stand: November) mit rund 70 Ökostromanbietern für Privathaushalte findet man in der Zeitschrift PHOTON 6-99, zu beziehen beim Solar Verlag, Wilhelmstraße 34, 52070 Aachen, t 02 41 -470 55 -0; 6,90 DM zuzüglich Porto.

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