Zeitung Heute : Eine virtuelle Reise durch das Anwesen von Bill Gates

Holger Schlösser

"Willkommen zu Hause, Bill. Hier spricht Cora, Ihr Hausserver. Während Ihrer Abwesenheit sind zwei Anrufe und eine E-Mail eingegangen. Wollen Sie die jetzt lesen?" So könnte es klingen, wenn Bill Gates von einem anstrengendem Arbeitstag in sein neues Heim kommt - ein 54 Millionen Dollar teures High-Tech-Haus in Seattle, vollgestopft mit Kabeln, Fiberglas-Leitungen, Sensoren und Computern. Was die einen als Traumhaus eines technikverliebten Multimillionärs abtun, sehen andere als Beispiel für das Haus der Zukunft.

Dieses Haus ist kein bloßes "Dach über dem Kopf", zum Schutz vor Unwetter. Dieses Haus kennt seine Bewohner, merkt sich ihre Vorlieben und möchte ihnen den Aufenthalt so angenehm wie möglich machen. Betritt Bill beispielsweise das Wohnzimmer, erkennt das der Rechner sofort, schaltet die Lampen ein und dreht die Klimaanlage auf die Temperatur, die er mag. Aus den Lautsprechern erklingt sein momentaner Lieblings-Song. Per Sprachsteuerung kann er sich auf dem Flachbildschirm an der Wand die E-Mails anzeigen oder von einer sanften Computerstimme vorlesen lassen. Nicht belegt ist, dass er mit dem Hausserver über eine virtuelle Person kommuniziert, die an die Wand projeziert wird. Denkbar ist aber so ein virtueller Butler, der freundlich auf die Befehle seines Herrn wartet. Ein solches Projekt betreibt die Telekom-Tochter T-Noya in Deutschland mit "Cora".

Ein Besucher muss sich vor Gates "Gate" übrigens eine kleine elektronische Marke anlegen, bevor sich ihm die Tür öffnet. Denn nur mit Hilfe der Signale aus dieser elektronischen Marke weiss der Hauscomputer, wer Gates Gast ist und wo er sich gerade aufhält. Läuft er durchs Haus, kommt ihm die Musik hinterher. Der Rechner speichert alle Aktivitäten, merkt sich Vorlieben. Beim nächsten Besuch ist der Gast dann schon ein alter Bekannter.

Im Haus von Bill Gates hängen anstelle von Bildern oder Postern Flachbildschirme an den Wänden, mit wechselnden Motiven. Mal sind es grandiose Werke aus der Kunstgeschichte, die aus einer Million Bilder ausgewählt wurden, für die Bill Gates das Copyright besitzt. Dann kommt vielleicht ein Foto seiner Kinder dazu oder eine Szene aus dem letzten Urlaubsvideo. Überall im Haus lassen sich auch E-Mails lesen oder Videokonferenzen führen - und da der Hausserver jederzeit den Aufenthaltsort des Hausvaters kennt, leitet er die Daten immer in die richtige Richtung.

Im Haus der Zukunft wird Unterhaltung und Zeitvertreib immer wichtiger. Es gibt ein rustikales Bootshaus und ein "Activities Building" mit kleinem Golfplatz, auf dem Bill den richtigen Abschlag üben kann. Um mit seiner Familie ins Kino zu gehen, braucht der reichste Mann der Welt nur mit dem Fahrstuhl in sein "Theatre" im Kellergeschoss zu fahren. 20 Sitze, Plüschsessel, Couch und eine Popcornmaschine sorgen für authentisches Kinofeeling, wenn die Filme in hervorragender digitaler HDTV-Qualität abgespielt werden. Für größere Anlässe ist ein feudaler Empfangsraum vorgesehen, in dem 150 Menschen für eine Cocktail-Party Platz finden.

Die Cocktails dürften noch echte Handarbeit sein. Doch in Zukunft wird sicher auch die Küche von Bill Gates mit Computern aufgerüstet. Technisch bereits heute leicht zu realisieren sind Kühlschränke, die sich ihren Inhalt und dessen Verfallsdatum merken. Denkbar, dass sie sich mit dem Herd zusammenschalten, der sich dann anhand dieser Informationen Rezepte aus dem Internet herunterladen und die nötigen Zutaten gleich im Online-Shop ordern kann.

Im Garten des Anwesens soll ein 140-jähriger Ahorn-Baum stehen, den Bill Gates weiter in den Himmel wachsen sehen möchte. 24 Stunden wird der Baum daher elektronisch überwacht. Lässt er seine Blätter hängen, wird automatisch gegossen. Ob automatisch geschossen wird, wenn sich eine Axt nähert, lässt auf einer virtuellen Tour durch Gates Anwesen nicht ermitteln ( www.usnews.com ). Die Garten-Computer scheinen also noch keine weitern Aufgaben zu haben, doch könnte sich das schon bald ändern. Roboter-Hund "Aibo" und Legos "Mindstorm"-Spielzeug haben es gezeigt: elektronische Heinzelmännchen - eingepackt in intelligente Haushaltsgeräte und Roboter - stehen kurz vor der Produktionsreife.

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