Zeitung Heute : Eine Wahl treffen

Wie ein Vater Berlin erleben kann

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Paul wählt nicht, Paul wird nicht umworben. Obwohl es schon das eine oder andere gäbe, womit so ein Vollpubertist und Demnächst-Jungwähler zu begeistern wäre. Mit einem Verbot von elterlichen Fragen zum Beispiel.

Neulich erst wieder. Paul brauchte neue Schuhe. Paul braucht immer neue Schuhe, zum einen, weil so ein Pubertist ja wächst, man glaubt es kaum. Zum anderen, weil Pubertisten neue Schuhe rund um die Uhr anziehen und nach zwei Wochen die neuen Schuhe wie die alten aussehen und sie dann neue brauchen. Zurück zu neulich. Paul kam mit neuen Schuhen heim, Skaterschuhe heißen sie, rot sind sie. „Aha“, sagte der Vater. „Und was ist jetzt an denen so besonders?“ Pauls Gesicht machte „Ahrg!“, als ob das alleine schon eine illegale Frage sei. „Gar nichts“, sagte Paul, „die sehen nur gut aus.“ „Finde ich nicht“, sagte der Vater und Pauls Ahrg sagte, dass das Verbot von Finden auch ins Wahlprogramm gehöre. Dann wollte der Vater den Preis wissen, „och“, sagte Paul, „der ist auch nicht besonders, nur 135 Euro, ich habe mein Taschengeld dazugegeben.“ Und es sah so aus, als gehörte auch die Frage nach dem Preis zu den Fragen, deren Verbot demnächst ein für alle Mal vom Bundesrat zu verabschieden ist. „Reg dich bloß nicht auf“, sagte Paul abschließend, „der Einzelhandel muss doch auch wieder leben.“

So Pubertisten kriegen ja schon ganz schön was mit, was in der Welt passiert. Der große Konrad, Mitpubertist von Paul, zum Beispiel, ist eifriger Zeitungsleser. Paul ist nicht ganz so eifrig, aber was der Kandidat so alles verspricht – „androht“, sagt Paul, dazu reicht es.

Der große Konrad ist ein außerordentlich talentierter Zeichner. Kürzlich hat er mal den Kandidaten karikiert, da würde der Kandidat sich aber umschauen. Paul hingegen ist ein talentierter Sprayer, legal natürlich, nur legal. Die beiden sind sozusagen Brüder im kreativen Geiste. Nun hat der Kandidat dieser Tage angekündigt, kreative Sprayer künftig zu behandeln, wie Paul es sich von elterlichen Fragen wünscht. Und dann saßen der große Konrad und Paul beisammen und der Vater konnte mithören, wie sich die beiden erst über den kleinen Konrad lustig machten, den mögen sie nämlich nicht so sehr, und dann über den Kandidaten, den mögen sie auch nicht so sehr. Sie sprachen dabei die Pubertistensprache und waren auch ansonsten argumentativ nicht auf der sachlichen Seite. Man kann, gemäßigter, zusammenfassen, dass sie den Kandidaten für einen ausgesprochenen „Trottel“ halten, schon der Sprayer wegen.

Kinder und Narren sagen ja die Wahrheit, heißt es, weswegen der Vater auch schnell darauf verzichtete, politische Korrektheit einzufordern. „Was denn, was denn“, sagten der große Konrad und Paul beim Versuch der Versachlichung, „Computer spielen sollen wir nicht, und kreativ sein sollen wir auch nicht?“ „Doch, doch“, hatte der Vater gemurmelt und gedacht, dass der Kandidat ganz schön froh sein kann, dass Pubertisten nur Demnächst-Jungwähler sind.

Helmut Schümann

Wählen gehen, natürlich wählen gehen, die Wahllokale öffnen um 8 Uhr und schließen um 18 Uhr.

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