Zeitung Heute : „Eine zynische Grundstimmung“

Jo Groebel

Im Lauf der Zeit hat sich der Begriff der Würde in den Medien stark verändert. Es wäre vor zwanzig Jahren nicht vorstellbar gewesen, auf einen Sterbenden zu zoomen. Heute ist das gang und gäbe, die Kamera in intimen menschlichen Situationen verharren zu lassen. Das korreliert mit einem ausdrücklich positiven Ereignis: der Demokratisierung des Fernsehens. Jeder Normalbürger kann sich in den Medien exponieren – im Guten wie im Schlechten.

Dadurch verschieben sich Grenzen. Ein Thema wie Sexualität ist dabei stärker kulturabhängig als die Abbildung eines Menschen, der in Panik gerät – und an jemanden erinnert, der Todesangst hat. Schulterzuckend habe ich in der RTL-Show „Ich bin ein Star“ noch die Kakerlaken beobachtet, die zwar eklig, aber nicht entwürdigend sind. Aber als man Daniel Küblböck in ein Wasserbecken mit allem möglichen Getier ließ, war meine persönliche Grenze erreicht, was mit Menschenwürde vereinbar ist. Ich habe ein Gesicht gesehen, das mimisch eine Todesangst ähnliche Situation widerspiegelte.

Wie konnten sich die Nuancen so verändern? Darauf gibt es keine juristische oder wissenschaftliche Antwort. In die Debatte hinein wirkt die Frage, inwieweit wir uns abgewöhnen, empathisch auf einzelne Personen zu reagieren. Menschenwürde geht einher mit dem Verständnis, in welcher Situation sich ein anderer befindet. Sei es nur für eine Sekunde. Das hält unsere Gesellschaft zusammen. Heute haben wir eine generelle Tendenz, den Mensch zur Disposition des eigenen Gespötts zu machen. Das kultiviert im Moment Würde – und ist nicht mit Menschenwürde in Einklang zu bringen. Das Argument, jemand tue das freiwillig, sticht nicht. Wenn Menschen zu einem visuellen Gut gemacht werden – das heißt: sie stehen uns für beliebige Art von Verhöhnung zur Verfügung –, gilt nicht mehr das Prinzip: Ich bin der Hüter meines Bruders.

Was nicht ausdrücklich verboten ist und Quote bringt, wird unter materialistischen Gesichtspunkten verhandelt. Das ist eine zynische Grundstimmung, die ich für hochproblematisch halte. Aufmerksamkeit scheint mehr zu zählen als Selbstrespekt. Nehmen wir Dieter Bohlen. Der hat sich nach allen Regeln unanständig verhalten, wird ein wenig kritisiert, gleichzeitig aber immens hofiert – und auf die diplomatische Ebene eines Bundespräsidenten gehoben, indem er auf den Bundespresseball eingeladen wird.

Das tut der Gesellschaft nicht gut. Sie kann nur funktionieren, wenn wir einen informellen Konsens über Anstand und Vertrauen haben. Der ist noch nicht gebrochen, aber immer weiter verschoben. Das Problem sind nie ganze Formate, sondern Elemente darin. Die Kreativität, die auf das Aushecken perfider Methoden zur Demütigung verwendet wird, wünsche ich mir genauso in eine quotenträchtige Richtung, ohne dass sie die Würde verletzt.

Der Autor ist Generaldirektor des Europäischen Medieninstituts in Düsseldorf.

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