Zeitung Heute : Einen Mann fordern - das ist Erotik

Sie haben sich im Fernsehen rar gemacht[sind nach]

Nina Hoss erspielte sich vor vier Jahren als "Das Mädchen Rosemarie" die Anerkennung von Publikum und Kritik. Nachdem sie sich im Fernsehen rar gemacht hatte, um weiter an ihrer Bühnenausbildung zu arbeiten, kehrt die 24-Jährige mit dem Drama "Die Geiseln von Costa Rica" (Pro 7 am Donnerstag) auf den Bildschirm zurück. Mit Andreas Kötter sprach Nina Hoss über die Dreharbeiten in Mexiko, über Medien und über Erotik.

Sie haben sich im Fernsehen rar gemacht, sind nach dem Erfolg mit "Das Mädchen Rosemarie" wieder zum Theater zurückgekehrt. Sie haben aber auch erklärt, dass die spannenderen Dinge momentan beim TV geschehen ... So habe ich das nicht gesagt, ich finde vielmehr, dass in beiden Bereichen unbedingt etwas passieren muss. Was vermissen Sie im deutschen Theater, in Film und Fernsehen?

Im Theater tut sich bereits etwas, zumindest in Berlin. Dort finde ich sehr spannend, was an der Schaubühne vor sich geht. Sowohl thematisch als auch vom Projekt, Schauspiel und Tanz zu kombinieren. Was den Film und TV betrifft, fehlt es nicht an guten Themen, sondern schlicht an der Umsetzung. Das Buch, die Ausführung ist allzu oft klischeehaft. Einen eigenen Stil, wie ihn die Engländer haben oder auch die Dänen mit ihrer Dogma-Bewegung, haben wir noch nicht gefunden. Ein Film wie "Das Fest" berührt, fasziniert und beschäftigt mich auch noch Tage, nachdem ich ihn gesehen habe. Einen deutschen Film, der so etwas in mir auslöst, habe ich dagegen schon lange nicht mehr gesehen. Dabei gäbe es genug zu erzählen, etwa über das Zusammenkommen von Ost und West.

Berührt es Sie auch, dass ein Lifestyle-Magazin Sie kürzlich neben internationalen Stars wie Laetitia Casta zu einer der 50 erotischsten Frauen gekürt hat oder schütteln Sie über solchen Körperkult den Kopf?

Das freut mich schon, denn Erotik halte ich ja für etwas Gutes. Und solange ich nicht das Gefühl habe, dass ich nur als erotisches Vollweib wahrgenommen werde, halte ich das für ein Kompliment. Ich hätte etwas dagegen, würde man mir nur noch Rollen als Sexsymbol anbieten. Dann würde ich mich eingeschränkt fühlen und das hätte dann auch nur wenig mit mir zu tun.

Was macht für Sie Erotik aus?

Ich finde es auf jeden Fall erotischer, wenn man noch einen Hauch angezogen ist. Bei einer Frau zeigt sich für mich Erotik, wenn sie weiß, was sie will, wenn sie weiß, wie sie ihren Körper einsetzen kann. Sie muss gar nicht hübsch aussehen. Im Gegenteil: Ich finde mollige Frauen, die zu ihrem Körper stehen, hoch erotisch. Kurz: starke, lebensfähige Frauen.

bei einem Mann?

geht es mir ähnlich. Wenn ich merke, da sitzt mir jemand gegenüber, den ich fordern, mit dem ich mich auseinandersetzen kann, dann ist das für mich Erotik.

Wie kommen Sie mit den Medien überhaupt zurecht?

Eigentlich gut. Allerdings hat kürzlich eine TV-Zeitschrift mit mir getitelt: "Neue Karriere der Filmhure". Da wird mir dann schon schlecht und ich frage mich, warum so etwas sein muss. Schließlich schmeiße ich als Privatmensch auch nicht mit solchen Worten um mich.

Jetzt kommt am 27. Januar der Film "Die Geiseln von Costa Rica" ins Pro 7-Programm, der die tatsächliche Entführung zweier Touristinnen Anfang 1996 schildert. Suzanne von Borsody spielt eine Geisel, Sie die andere, nämlich Kiki. Kiki steht für die echte Geisel Nicola Fleuchaus. Haben Sie Frau Fleuchaus kennengelernt?

Ich hätte Sie sehr gerne kennengelernt, konnte aber lediglich mit ihr telefonieren, weil Sie längere Zeit auf Kuba gelebt hat und erst nach Deutschland zurückgekehrt ist, als wir bereits in Mexiko waren. Wir konnten aber telefonieren, was mir sehr wichtig war. Denn alles, was ich gelesen hatte zu dieser Entführung, etwa im "Spiegel", war mir zu faktisch. Ich wollte unbedingt mehr über die Emotionen dieser Frauen wissen, darüber, wie sich der Alltag zweier weiblicher Geiseln in Gesellschaft von fünf männlichen Kidnappern entwickelt, wie man sich wäscht, zur Toilette geht usw.

Wie haben Sie sich sonst vorbereitet?

Ich habe einige Bücher gelesen, unter anderem "Nachricht von einer Entführung" von Garcia Marquez und natürlich "Der Keller" von Philipp Reemtsma. Denn ich wollte diese Emotionen, etwa das so genannte Stockholm-Syndrom, das besagt, dass sich Geiseln mit ihren Kidnappern solidarisieren, verstehen können. Reemtsma hat über seine Entführung geschrieben: "Plötzlich freute ich mich wie ein Kind über ein Lächeln des Kidnappers.

Es wurde spekuliert, die Entführung könnte inszeniert gewesen sein.

Es mag tatsächlich sein, dass sich Frau Fleuchaus damals verliebt hat. Von einer Inszenierung zu sprechen, halte ich aber für völlig an den Haaren herbeigezogen. Sie selbst gibt dazu keine Auskunft. Wohl auch, weil sie sich nach Ihrer Befreiung Vorwürfe gefallen lassen musste. Das war sicher auch ein Grund für sie, nach Kuba zu gehen.

Ihr Vater leitet ein Selbsthilfe-Projekte in Brasilien.

Ich habe ihn schon mehrere Male begleitet, so dass mir bei den Dreharbeiten zum Beispiel der Dschungel nicht fremd war. Und natürlich wusste ich Bescheid über die Lebensumstände dort, etwa über den brutalen Umgang mit den Landarbeitern. Das war mir auch bei diesem Film wichtig, dass sich die Kidnapper erklären können und nicht nur als böse Buben gezeigt werden. Denn ich denke, dass wir auch eine Verantwortung denen gegenüber haben, die all das Gezeigte vor erst vier Jahren erlebt haben.

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