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WOLFGANG JOST

Jan Ullrich betreibt einen Sport, der wie kein anderer nach Tugenden wie Zusammenarbeit, Opfermut und Durchhaltewillen verlangt - eben wie im Team Deutsche Telekom bei der 84.Frankreich-Rundfahrt besonders gepflegt und gelebt.VON WOLFGANG JOSTEs ist überhaupt keine Frage, daß dies ein historisches Datum wird: 27.Juli 1997, der in Merdingen am Kaiserstuhl lebende Rostocker Jan Ullrich, 23 Jahre alt, gewinnt als erster Deutscher die Tour de France, das mit fast 4000 Kilometern, dreiwöchiger Dauer und 95jähriger Geschichte schwerste Radrennen der Welt.Ein Datum von Bedeutung auch über den Sport hinaus, wenn man sich erinnert, daß Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac genau vor 20 Jahren als Pariser Bürgermeister schon die Fahrten eines Dietrich Thurau im Gelben Trikot mit den Worten würdigte: "Keiner hat seit Adenauer mehr für die deutsch-französische Freundschaft getan." Übertrieben? Zu euphorisch? Ist Jan Ullrich nicht eine jener Sport-Ikonen, wie es sie immer wieder gibt? Gestern Steffi Graf und Boris Becker, deren Sterne am Tennishimmel langsam verblassen, oder Henry Maske, durch den das Boxen zum gesellschaftlichen Ereignis hochstilisiert wurde, ehe er mit seinem Rücktritt Leere hinterließ; inzwischen und bis auf weiteres hat man ja den Formel-1-Star Michael Schumacher und fortan also auch noch Jan Ullrich.Das Volk, immer dankbar für Heroen, an deren Glanz es sich im Alltagseinerlei erfreuen kann, hat im Falle des jugendlichen Pedaleurs indes schon sehr feinsinnig Unterschiede ausgemacht.Das Licht, das Jan Ullrich verströmt, ist nicht glänzend und kalt wie das manch anderer Stars, die als Individualsportler Wert auf ihr Einzelgängertum und auf Abschottung legen.Der Athlet aus einfachen Verhältnissen, der "eigentlich nur radfahren will", betreibt einen Sport, der wie kein anderer nach Tugenden wie Zusammenarbeit, Opfermut und Durchhaltewillen verlangt, Tugenden, die im Team Deutsche Telekom bei der 84.Frankreich-Rundfahrt besonders gepflegt und gelebt wurden. Jan Ullrich, herangezogen in den Talentschmieden des DDR-Sports, hat von Jugend auf nichts anderes als solch solidarisches Handeln gelernt.Abend für Abend suchte er seine Mannschaftskameraden in ihren Zimmern auf, um jedem einzeln und persönlich für die Arbeit am gemeinsamen Vorhaben zu danken.Ein Vorgang völlig unvorstellbar in der vergleichsweise gut harmonierenden Elf des letztjährigen Fußball-Europameisters Deutschland, auch wenn dort ein Egomane wie Rekordnationalspieler Lothar Matthäus, dem das Versagen seines Intimfeindes Jürgen Klinsmann vor kurzem sogar eine 10 000-DM-Wette wert war, längst keinen Platz mehr hat. Nach marktschreierischer Selbstdarstellung oder auch nur Entertainment-Qualitäten forschen die elektronischen Medien beim spröden Sportsmann Ullrich vergebens.Auch alle Vergleiche mit den Größten seines Metiers lehnt er ab.Das läßt hoffen.Dennoch: Er wird vereinnahmt werden, wie jeder erfolgreiche, schöne und junge Athlet.Nur mit Siegern, möglichst unverbraucht, lassen sich schließlich die Werbebotschaften der Konsumgesellschaft am überzeugendsten anbringen und die gewinnbringenden Einschaltquoten für die TV-Anstalten erzielen.Als Ullrich im vergangenen Jahr immerhin schon Tour-Zweiter geworden war, interessierte das außer ein paar Insidern fast niemanden. Es wird nun also der neuerlichen Teamarbeit der Telekom-Leute und ihres strengen sportlichen Leiters Jan Godefroot und vielleicht anderer Dinge mehr bedürfen, damit der lawinenartig einsetzende Star-, Werbe- und Medienrummel keine schweren Schäden hinterläßt.Aber der junge Mann mit dem Lausbubengesicht hat auch ganz gute Chancen: Er brachte sein Talent mit, gefördert durch erstklassige Trainer, er hatte das Glück, auf einen gewieften Teamchef zu treffen und die Bühne zu betreten, als der finanzielle Boden für den Erfolg bereitet war, und er erkannte, als es darauf ankam, was Sache ist."Was jetzt zählt", hat Jan Ullrich vor der Woche der Wahrheit gesagt, als es ins Hochgebirge ging, "ist nicht mehr Talent.Jetzt zählt der ganze Mensch." Und der ganz junge Mensch Jan Ullrich hat dann bis zum guten Ende neben Können und Gemeinsinn auch Charakter bewiesen.Ohne Heldenposen.Sein Charisma ist, bisher, einfach nur seine Normalität. Wenn es stimmt, daß jede Ära diejenigen Idole hervorbringt, die sie braucht oder verdient, könnte man direkt hoffnungsfroh in die Zukunft blicken - selbst in einer dopingbelasteten Sportart wie dem Profi-Radfahren.

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