Zeitung Heute : Einer für hundert

Alle israelischen Regierungen haben gefangene und gefallene Soldaten ausgetauscht – und waren dabei stets zu großen Konzessionen bereit

Charles A. Landsmann[Tel Aviv]

Von Charles A. Landsmann,

Tel Aviv

Jüdische Friedhöfe sind für die Ewigkeit angelegt – bis zur Ankunft des Messias. Tote werden beerdigt, nicht eingeäschert. Ein Grab wird niemals aufgelöst, die Totenruhe ist absolut. Daraus ergibt sich für Israels Regierung die moralische, religiöse und nationale Pflicht, allen Gefallenen „ein israelisches Grab" zu verschaffen. In Feindeshand geratene Soldaten auszulösen, das ist darum eine von allen Regierungen seit Staatsgründung praktizierte Strategie.

Die arabischen Gegner wissen Israels Willen, Leichname und Gefangene heimzubringen, auszunutzen. Im Laufe der Jahrzehnte stieg der Preis für jeden ausgelösten Israeli immer mehr in die Höhe. Seit 1979 gab es sechs Gefangenenaustausche mit libanesischen Gruppierungen. Der größte erfolgte am 26. März 1983, als 4700 palästinensische Gefangene des Libanon-Krieges und 65 Häftlinge gegen acht in Gefangenschaft geratene israelische Soldaten eingetauscht wurden. Am 20. Mai 1985 folgte der „Jibril Deal": Drei im Libanonkrieg in Gefangenschaft des extremistischen Palästinenserführers Ahemd Jibril geratene Soldaten gegen 1150 meist palästinensische Häftlinge. Die Entrüstung in der Öffentlichkeit allerdings war groß, als die Regierung später behauptete, die Freigelassenen hätten den harten Kern der ersten Intifada und die Speerspitze des Terrorismus gebildet. Seither löste Israel nur noch Leichen aus – in drei Aktionen insgesamt vier tote Soldaten – und überstellte dafür 163 Leichen von Palästinensern und libanesischen Schiiten. Zusätzlich ließ Israel 60 Libanesen frei und veranlasste den Austausch von 20 Hisbollah-Gefangenen durch die alliierte südlibanesische Miliz SLA gegen 19 SLA-Kämpfer aus Hisbollah-Haft.

Beim jüngsten Tausch gilt die öffentliche Kritik weniger dem erneuten zahlmäßigen Missverhältnis. Ohne Ron Arad, ohne irgendeine glaubwürdige und bewiesene Information über das Verbleiben des seit 17 Jahren vermissten Navigators, dürfte kein Tauschgeschäft gemacht werden, wird argumentiert. Vorher dürfe Arads Folterer Mustafa Dirani, der als Faustpfand für Arad Freilassung im Südlibanon gekidnappt wurde, nicht freigelassen werden, argumentierte Arads Familie vor Gericht – ohne Erfolg. Dass für einen zwielichtigen Geschäftsmann ein so hoher Preis gezahlt werden müsse – einschließlich der Freilassung von Dirani – will vielen Israelis nicht in den Kopf. Hisbollah-Generalsekretär Scheich Hassan Nasrallah ist jedenfalls der Überzeugung, dass Israel auch in Zukunft sehr hohe Preise für in Gefangenschaft geratene Soldaten oder Bürger zu zahlen bereit ist. Entführungen von Israelis würden weitergehen, verkündete er in seiner triumphalen Pressekonferenz in Beirut.

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