Zeitung Heute : Einer fürchtet um seine Mitte

Als Tilmann Wauer kam, gab es nur verfallene Häuser ohne Duschen. Längst ist die Gegend rund um den Hackeschen Markt eine Top-Lage in Berlin. Das Viertel wandelt sich rasant, Wauer wandelt sich mit. Eine neue Entwicklung aber besorgt ihn

Matthias Oloew

Er stand auf einer wackeligen Leiter, es fuhren immer mal wieder Autos vorbei, er musste seine Arbeit unterbrechen, um nicht erwischt zu werden. Der Satz, den Tilmann Wauer an die Fassade eines Hauses in der Mulackstraße 37 in Berlins Mitte pinselte, war gefährlich für ihn. „Was der Krieg verschonte, überlebt im Sozialismus nicht!“ Systemkritik war in der DDR nicht sehr beliebt, auch an jenem Oktoberabend im Jahr 1989 nicht.

Es hat sich viel geändert in jenem Viertel, dass sich Spandauer Vorstadt nennt. Tilmann Wauer spaziert durch die engen Straßen, vorbei an schicken Läden von Adidas, Boss und anderen angesagten Markenschneidern, die sich hier ballen wie nirgends sonst in der Stadt. Zu Tausenden kommen die Touristen in diese Gegend. Sie ist die Keimzelle dessen, was Berlin und allen voran sein Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit für Berlin reklamieren: jung, kreativ, irgendwie in. Das diffuse Berlin- Mitte-Gefühl dort lässt Hausbesitzer und Immobilienmakler schwärmen: „Top-Lage“ mit entsprechenden Renditen. Es passiert, dass selbst Gastronomen die Preise nicht mehr zahlen können.

Die Spandauer Vorstadt hat sich rasant verändert und Tilmann Wauer mit ihr, sie beide haben eine ähnliche Entwicklung genommen. Nun ist es so weit gekommen, dass Wauer sich Sorgen macht. Er fürchtet, dass etwas verloren geht.

Ohne Menschen wie ihn gäbe es diese boomende Gegend heute gar nicht. Nicht so. Vielleicht wäre es ein Plattenbauviertel oder eine Gegend mit baufälligen alten Häusern. So aber ist die Spandauer Vorstadt schick, und Wauer trägt dezente Markenkleidung, die so viel kostet, wie er vor zehn Jahren noch für die Miete gezahlt hat. Er hätte das alles damals nicht geglaubt, als er mit Freunden diesen Satz an ein verfallenes, zum Abriss freigegebenes Haus malte, den keiner von ihnen systemkritisch meinte. „Uns ging es darum, die Häuser zu retten“, sagt Wauer heute. In erster Linie jedenfalls. Gegen ein bisschen Systemkritik hatte er nichts, aber die Häuser waren ihm wichtiger. Häuser, in denen seine Freundin Brita und er zum ersten Mal erfuhren, was Gemeinschaft bedeutet. Sie waren groß geworden in der Anonymität von Hochhäusern.

„Diese fast schon kleinstädtische Geborgenheit war uns neu“, sagt Wauer. Er wirkt ruhig, konzentriert, er überlegt, bevor er losspricht. Die Geborgenheit damals hatte auch pragmatische Gründe. Brita und Tilmann Wauer hatten im Gegensatz zu ihren Nachbarn warmes Wasser. Also kamen die zum Duschen. Überhaupt war nachmittags, gegen vier, viel los. „Alle wussten, dass wir dann aus dem Büro nach Hause kamen“, sagt Wauer. Es klopfte ständig. Wer nicht duschen wollte, kam zum Kaffeetrinken. Angemeldet hat sich nie jemand. Wer nicht zu Hause war, fand eine Notiz auf einer Papierrolle an der Wohnungstür vor. Dort stand, wer da war und wo und wie lange er warten würde: in einer Kneipe um die Ecke oder bei Nachbarn.

Nach ihrem Ingenieurstudium in Dresden hatten Brita und Tilmann Wauer eine Dienstwohnung in der Spandauer Vorstadt bekommen, die in einem erbärmlichen Zustand war. Jahrzehnte hatte sich niemand um die Häuser gekümmert. Ende der 80er stürzten Dächer ein, selbst Gebäude, die bewohnt waren, bröckelten. Von den Zierfassaden mit teils barockem Schmuckwerk war kaum etwas übrig. Ein Schatz drohte verloren zu gehen.

Die Spandauer Vorstadt ist der einzige in seiner historischen, gewachsenen Struktur erhaltene Teil des alten Berliner Stadtgebiets. Sie ist im 17. Jahrhundert entstanden, vor den Mauern des mittelalterlichen Berlin in Richtung des damals selbstständigen Spandau. Die Vorstadt ist geprägt von einem engen, unregelmäßigen Straßenraster, ganz anders als das übrige Berlin, in dem Lenné’sche Sichtachsen, breite Straßen und Boulevards aus der Gründerzeit des Deutschen Kaiserreichs dominieren. Das Viertel ist trotz Baubooms, zweier Weltkriege, Teilung der Stadt und Verfall bis heute in seiner kleinteiligen Struktur weitgehend erhalten. Und dann die Lage: mitten in der wiedervereinigten Stadt, zwischen Alexanderplatz, Friedrichstraße und dem neuen Regierungsviertel im Spreebogen.

Es war nicht immer ein Privileg, dort zu wohnen. Der nordöstliche Teil wird auch als „Scheunenviertel“ bezeichnet. Vor dem Holocaust war es das Zentrum jüdischen Lebens in Berlin. Zunächst, weil es Juden verboten war, innerhalb der Stadtmauern zu leben. Sie hausten in drangvoller Enge der einstigen Scheunen vor den Toren. Später, weil die gewachsene und zunehmend selbstbewusste jüdische Gemeinschaft an der Oranienburger Straße ihre zentrale Synagoge baute.

Geschichte, Lage und der städtebauliche Wert zählten nichts in der Endphase der DDR. Zahlreiche Häuser standen auf den Listen der Sprengmeister, sie sollten Plattenbauten weichen. Eine detailgetreue und aufwendige Sanierung war unbezahlbar, zudem galten die Häuser mit ihrer bourgeoisen Geschichte als verpönt.

In der Mulackstraße 37 waren schon Löcher für die Sprengladungen gebohrt. Nennenswerten Widerstand gab es nicht.

„Die Leute“, sagt Wauer, „konnten sich nicht vorstellen, dass aus den alten Häusern noch etwas zu machen war.“ Neidisch blickten die Bewohner des Viertels auf die, die sich eine Neubauwohnung in den Platten von Hellersdorf oder Marzahn gesichert hatten, mit allem Komfort. Wauer und seine Freunde nicht. Sie wollten den Abriss verhindern. Sie waren Mitte 20, sie diskutierten, als mal wieder Besuch zum Duschen oder Kaffeetrinken da war. Sie wollten ein Zeichen setzen.

Die Pinselaktion in der Mulackstraße 37 stand am Anfang einer bürgerlichen Protestbewegung in der Mitte der Hauptstadt der DDR, ein großer Plan steckte aber nicht dahinter. Deshalb mag Wauer es nicht, wenn er zum Retter der Spandauer Vorstadt stilisiert wird. Es kommt ihm vor wie eine Hochstapelei. Denn in der Mulackstraße, der Gips-, August-, und der Linienstraße stellten sich Bewohner den Sprengtrupps in den Weg. Sie schrieben „Dieses Haus ist in Obhut genommen“ an abrissbedrohte Wände. Es entstand eine der ersten Bürgerinitiativen im Ostteil Berlins.

15 Jahre Sanierung, 1,5 Milliarden Euro Investitionen. Tilmann Wauer lebt noch in der Spandauer Vorstadt, aber es ist ein anderes Leben. Öffentliche Fördergelder, rund 230 Millionen Euro, haben dazu beigetragen. Und mehr noch die steuerlichen Sonderabschreibungsmöglichkeiten, durch die sich nach der Wiedervereinigung sogar eine Investition in eine denkmalgerechte Sanierung lohnte.

Fast alle der 420 Häuser sind instandgesetzt und die meisten der einst 150 Lücken durch Neubauten geschlossen. Der Senat hat das Gebiet nun aus dem Sanierungsrecht entlassen. Ein Schritt, der in solchen Fällen nach 15 Jahren üblich ist. Die Stadt will versuchen, die lebendige Mischung aus Wohnen und Arbeiten durch ein differenziertes Baurecht zu erhalten und die Mietkostensteigerungen erträglich zu halten. Es ist festgelegt, wie hoch der Wohnanteil sein soll und wie viel Platz für Läden oder Kneipen ist. Die Frage ist, ob der Plan aufgeht.

Die weitgehenden Mitspracherechte, die das Sanierungsrecht den Bewohnern zubilligte, gibt es jedenfalls nicht mehr. Ein Recht, das sogar Baulöwen wie den Heidelberger Roland Ernst verwunderte. 1994 fand er sich an einem runden Tisch wieder, an dem über die Zukunft der soeben von ihm erworbenen Hackeschen Höfe diskutiert werden sollte. In über 20 Sitzungen kamen Details bis hin zu den Klauseln und Quadratmeterpreisen zur Sprache, die Ernst in seinen Mietverträgen festlegen sollte. Trotzdem war der Investor am Ende zufrieden. Die Kleinteiligkeit der Höfe. Wohnen, Kultur und Gewerbe: die Mischung stimmte, das, was die Hackeschen Höfe besonders macht.

Die Einwohnerzahl in der Spandauer Vorstadt ist in den vergangenen zehn Jahren um gut ein Fünftel gestiegen, darauf sind die Sanierer in der Verwaltung besonders stolz. Knapp 9000 Menschen leben dort. Von denen, die zu Beginn der Sanierung hier wohnten, sind laut Verwaltung 40 Prozent geblieben. Menschen wie Wauer. Inzwischen lebt er mit seiner Familie in der Steinstraße. Brita ist nun seine Frau, sie haben zwei Kinder, das Haus mit Sauna und Schwimmbad, in dem sie wohnen, haben sie mit einer Baugruppe aus 15 Mitstreitern selbst errichtet. Sie sind Eigentümer. Sie arbeitet im Quartiersmanagement, er hat mit einem Geschäftspartner eine gefragte Software für Ampelanlagen entwickelt und eine eigene Firma aufgebaut.

Sie engagieren sich noch immer für die Nachbarschaft. Die Kinder brauchten Kitaplätze in der Nähe? Die Wauers gründeten mit anderen Eltern einen Kinderladen. Die Kinder sollen auf eine Schule in kirchlicher Trägerschaft gehen? Die Wauers hoben mit anderen die Evangelische Schule Mitte aus der Taufe. In ihrer Baugruppe kultivieren sie die Gemeinschaft von einst. Einmal im Jahr fahren sie alle für ein Wochenende in die Uckermark.

Vertrautheit. Das, sagt Wauer, sei sein Berlin-Mitte-Gefühl. „Auch mir gefällt es, in schicken Boutiquen einzukaufen, aber ich werde nie verstehen, warum Hugo Boss gleich zwei Läden in direkter Nähe haben muss.“ Dafür wird der Weg zum Bäcker immer länger. Die vielen Modeläden verändern die Spandauer Vorstadt. Sie zahlen Mieten, die selbst ein Gastronom nicht mehr aufbringen kann. Ende vergangenen Jahres traf es das Restaurant „Schwarzenraben“, einen Treff der Kreativ- und Jungschauspielerszene. Bald werden dort Jeanshosen verkauft.

Wieder einmal ist im Viertel von Verdrängung die Rede. Erst die Sprengmeister, dann die vielen Regierungbeamten, jetzt die Modeläden.

Das Sanierungsrecht schuf der Bürgerinitiative mit der „Betroffenenvertretung Spandauer Vorstadt“ einen institutionellen Rahmen. Investoren der Hoppla-jetzt- komm-ich-Fraktion rollten die Augen, wenn sie das Wort „Betroffenenvertretung“ hörten. Die Bewohner sollten froh, nicht betroffen sein, wenn saniert werde. Wauer schmunzelt heute über solche Anekdoten. Konsens statt Konfrontation, das klappte hier meistens. Bis jetzt.

Vor den Modeläden waren es Restaurants, Bars und Clubs, die ihren Teil zum Ruf der Gegend beigetragen haben. Wauer sagt: „Da war es schwierig zu schlafen, wenn angetrunkene Gäste morgens um drei lautstark unter unserem Fenster darüber räsonierten, wie schön der Abend war.“ Seit zehn Jahren streiten die Parteien im Bezirksamt über einen Bebauungsplan, der die Kneipendichte regulieren soll. Doch die sind gar nicht mehr das Problem. Wenn Wauer jemandem erzählt, wo er wohnt, sind die ersten Fragen die nach den hohen Mieten und dem Rummel, den lärmenden Touristen. Ob das nicht störe? Er erzählt dann von seiner schönen 160- Quadratmeter- Wohnung, der ruhigen Lage, dem Hof und der kleinen Straße, in der kaum Autos fahren, „Noch ist alles wunderbar“, sagt er. – Noch?

Wauer wird nachdenklich. Wegen der vielen Luxuskarossen, die sich durch die Straßen schieben. Wegen der vielen Wohnungen, die jetzt, nachdem sie saniert sind und gesetzliche Schutzfristen enden, in Eigentum verwandelt werden. „Daraus werden 60- bis 80-Quadratmeter-Wohnungen, weil sich bei dieser Größe mehr Miete oder ein höherer Kaufpreis erzielen lässt“, sagt Wauer. Es sind vor allem Käufer aus dem Ausland, die sich in der Gegend mit ihren Designermode-Läden eine ihrer Dependancen einrichten und denen die Preise nicht vermessen, sondern adäquat erscheinen.

„Es gibt immer weniger Ältere in der Nachbarschaft“, sagt Wauer. „Zum ersten Mal habe ich das Gefühl: Wir haben die Entwicklung nicht mehr im Griff.“ Die Bürgerinitiative von einst, aufgegangen in der Betroffenenvertretung, ist nach der Aufhebung des Sanierungsrechts überflüssig. Sie wird gerade abgewickelt. Der Mietvertrag für die Räume, in denen sie diskutierten, ist gekündigt.

Das Haus in der Mulackstraße, an das Wauer seinen Spruch malte, gibt es noch. Frisch, die Fassade in einem Braunton getüncht. Der Satz ist verschwunden. Es gibt ihn nur noch auf Fotos.

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