Zeitung Heute : Einer muss den Job ja machen

Oft Ärger im Beruf? Fragen Sie mal eine Politesse, einen Schiedsrichter oder einen Gerichtsvollzieher

Felix Gaber[Alexander Visser],Silke Zorn

Jeder hat mal Ärger bei der Arbeit, aber manche Berufe ziehen geradezu Hass auf sich. Politessen werden schon aus der Ferne kritisch beäugt, Schiedsrichter erbarmungslos ausgepfiffen, Gerichtsvollzieher gelten grundsätzlich als herzlos. „Diese Berufsgruppen sind durch die häufigen Konfliktsituationen einer starken psychischen Belastung ausgesetzt“, sagt Stress-Experte Michael Ertel von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. „Man kann diese Arbeit nur auf Dauer machen, wenn man zum Profi im Umgang mit Konflikten wird.“ Menschen in anderen Jobs können von den Konflikt-Profis lernen. Schließlich haben es auch Callcenter-Agenten oder Kundendienstmitarbeiter häufig mit Menschen zu tun, die vor allem Dampf ablassen wollen. Wir haben einen Schiedsrichter, eine Politesse und einen Gerichtsvollzieher gefragt, wie sie mit ihrem Job klarkommen: Wer eine Karriere als professioneller Spielverderber nicht scheut, braucht ein dickes Fell, Menschenkenntnis und Gelassenheit.

DER SCHIEDSRICHTER

Er pfeift, und ein Aufschrei geht durch die Kehlen tausender aufgebrachter Fans: Für Schiedsrichter in der Fußball-Bundesliga gehört das zum Arbeitsalltag. In den unteren Klassen werden sie teilweise sogar tätlich angegangen. „Es ist natürlich schöner, wenn man Anerkennung für seine Tätigkeit erhält. Es ist aber Schicksal eines Schiedsrichters, dass er zumindest mit Kritik rechnen muss“, sagt Hellmut Krug, Leiter der Schiedsrichterabteilung beim Deutschen Fußball-Bund (DFB). Der heute 49-Jährige war selbst jahrelang Unparteiischer und pfiff im Europapokal wie auch bei Länderspielen. Neutralität, Gerechtigkeitssinn und Durchsetzungsvermögen sind die Eigenschaften, die ein Referee besitzen sollte. „Er muss sich mit der Kritik anderer auseinander setzen und sie richtig einordnen, um daraus zu lernen“, sagt Krug. „Er muss sich zu einer Persönlichkeit entwickeln.“

Der angehende Schiedsrichter muss eine schriftliche Prüfung zum Fußball-Regelwerk ablegen und einen Ausdauertest absolvieren, beispielsweise einen 1300-Meter-Lauf in sechs Minuten. Nachwuchsprobleme hat der DFB keine. „Das Problem ist, dass viele zu früh wieder aufhören“, sagt Krug. Der teilweise erhebliche psychische Druck sei dafür verantwortlich. Deshalb ist er auch gegen Profi-Pfeifer. „Trifft ein Schiedsrichter im Laufe kurzer Zeit mehrere unglückliche Entscheidungen, will ihn doch keiner mehr sehen und er ist am Ende schnell arbeitslos.“

Zudem darf man den Beruf national nur bis 47 Jahre ausüben, internationaler ist schon mit 45 Schluss. Deshalb plädiert Krug auch für das aktuelle Halbprofitum: Die Unparteiischen gehen ihrem eigenen Beruf weiter reduziert nach. Krug selbst war bis zu 150 Tage im Jahr im schwarzen Dress unterwegs, bis er 2003 seine Karriere beenden musste. Anfangs für 72 Mark Aufwandsentschädigung am Tag. Heute gibt es pro Bundesligaspiel 3068 Euro. „Es ist also schon erheblich besser geworden“, sagt Krug. Der Aufstieg in Liga eins dauert aber lange. Krug fing seine Karriere mit 16 an, 14 Jahre später pfiff er in der Ersten Liga.

DIE POLITESSE

Die Busspur war ihr Schicksal. Als die Ende der Achtzigerjahre in Berlin eingeführt wurde, stellte die Polizei 100 Angestellte für die Verkehrsüberwachung ein. Martina Radtke war eine davon und ist ihrem Beruf jetzt seit 16 Jahren treu. Heute schreibt sie Knöllchen für das Ordnungsamt Charlottenburg-Wilmersdorf. „Je nach Gebiet 20 bis 40 Stück am Tag“, sagt sie. Pöbeleien muss sie sich häufig anhören. Ein Dutzend mal waren sie so bösartig, dass sie die Falschparker auch noch wegen Beleidigung anzeigte. Einmal wurde sie von einer erbosten Frau geohrfeigt. „Ganz am Anfang, da war ich noch nicht so geschickt im Umgang mit den Leuten“, erinnert sich Radtke.

Heute bleibt sie meist souverän, wenn die Aufgeschriebenen losgiften. „Wenn man freundlich reagiert, regen sich die Leute meist wieder ab.“ Sie kennt kein Pardon, wenn Autofahrer Behindertenparkplätze blockieren. Aber wenn jemand höflich bleibt und glaubhaft versichert, dass er wirklich „nur ganz kurz was abgegeben hat“, drückt sie auch mal ein Auge zu. Trotz der Anfeindungen macht sie ihren Job gerne. „Man hat viel mit Menschen zu tun und bewegt sich an der frischen Luft.“ Zuweilen leidet sie aber schon unter dem schlechten Ruf ihres Berufs – wenn Leute sie böse anschauen, denen sie nicht mal ein Ticket ausgestellt hat. Manchmal wünscht sie sich, es gäbe mal eine Woche lang keine Parkverbote – „damit die Leute merken, was dann für ein Chaos ausbricht“. Weil das niemand wolle, gebe es eben Regeln, die überwacht werden müssten. „Und einer muss den Job ja machen.“

DER GERICHTSVOLLZIEHER

Wenn Gerd Schultz zu Besuch kommt, dann muss der Sparstrumpf geplündert werden – denn er will Geld sehen. Seit über 40 Jahren arbeitet der Berliner als Gerichtsvollzieher und gibt augenzwinkernd zu: „Die Freude hält sich in Grenzen, wenn unsereins in die Familie einheiratet.“ Gerd Schultz begreift sich nicht als Handlanger des Gläubigers, sondern als Vermittler. „Längst nicht alle Schuldner nehmen mich als Buhmann wahr, der an ihrem Elend schuld ist“, sagt er. „Einige sind sogar dankbar, zum Beispiel wenn ich beim Gläubiger eine Rückzahlung der Schuld in Raten erwirken kann.“ Die Ausbildung zum Gerichtsvollzieher dauert zwischen eineinhalb und zwei Jahren. Sie findet an Justizschulen und im praktischen Ausbildungsteil direkt bei einem späteren Berufskollegen statt.

Schon während der Ausbildung lernen Gerichtsvollzieher, wie man mit aggressiven Schuldnern umgeht, mit denen es Schultz oft zu tun bekommt. Er setzt auf Deeskalation – je lauter einer schreit, desto ruhiger muss man selbst werden. Gerd Schulz gesteht, dass ihm das nicht immer gelingt. „Über manche Leute ärgert man sich einfach grün und blau. Da fällt es dann schwer, gelassen zu bleiben.“ In erster Linie sind es aber die menschlichen Schicksale hinter den Vollstreckungstiteln, die ihm auch nach 40 Berufsjahren noch zu schaffen machen. Tauschen würde er seinen Job aber keinesfalls. „Ich mag den Umgang mit Menschen und auch die Selbstständigkeit, die viele andere Berufe im öffentlichen Dienst nicht bieten.“ Und so ist bei Gerd Schultz von Verbitterung keine Spur: „In meinem Gesicht überwiegen immer noch die Lachfalten.“

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar