Zeitung Heute : Einfach hinlegen?

FRANK DIETSCHREIT

Dreigroschenoper, frei nach Helen Vita, in der Bar jeder VernunftFRANK DIETSCHREIT "In mir habt Ihr einen, auf den könnt ihr euch nicht verlassen." Das klang schon immer wie eine Drohung.Aber wenn Otto Sander einen als Brecht-Hommage gedachten Liederabend mit dieser programmatischen Sentenz des Dichters und Denkers eröffnet, ahnt man, daß es diesmal ernst wird.Und wenn dann auch noch die unverwüstliche Helen Vita sich ihren Weg durch die dicht gedrängten Zuschauer bahnt, ihnen erst mit süßem Lächeln Blumen und dann mit kieksender Kopfstimme Brechts "Dreigroschenoper"-Lieder verbiegt, ist es klar: In der Bar jeder Vernunft werden aus ehedem politisch und moralisch ätzenden, Operetten-Melodien verfremdenden Songs kabarettistische Ulknummern."Einfach hinlegen!" nennen die propere Diseuse Helen Vita und der seinen Stammplatz am Tresen gegen die Bühne eintauschende Otto Sander ihre Brecht-Fledderei.Die Zuhörer sind willig und finden es einfach prima, was die beiden aus einem Jubilar herausquetschen, der sich nicht mehr wehren kann.Dabei ist allein das Klavierspiel von Frank Golischewski seinen Eintrittspreis wert.Die improvisierenden, den strengen Brecht/Weill-Gestus locker auflösenden Tastenläufe sind ein beachtenswerter Dreigroschen-Kommentar. Das kann man von Helen Vitas Liederreigen nicht behaupten.Mit leicht brüchiger, stets schräger Stimme persifliert sie die Moritat von Mackie Messser genauso wie das Lied der Seeräuber-Jenny, den Kanonen-Song oder die Ballade von der sexuellen Hörigkeit.Mal trägt sie einen Zylinder, mal greift sie zu rotem, blauem oder grünem Haarschmuck.Sie ist gleichbleibend ironisch und witzelt die Songs in Grund und Boden.Sie tastet Gemeinplätze ("Die Verhältnisse, sie sind nicht so", "Erst kommt das Fressen, dann die Moral") auf ihren kabarettistischen Mehrwert ab.Der Verfremdungseffekt der gegen die Melodien gesungenen Textzeilen oder die sich an kriminellen gesellschaftlichen Verhältnissen abarbeitende Kritik sind ihr schnuppe.Und Otto Sander? Er träufelt mit rauchiger Stimme ein paar verstreute Brecht-Gedichte dazwischen und konterkariert den Lieder-Ulk mit zarten, poetischen Tönen.Verläßt zum Schluß die sichere Deckung, schwingt sich zu einem munteren Duett auf und animiert gar die Zuhörer zum Mitsingen.Begeistertes Schenkelklopfen, große Ovationen.Mit wie wenig der Mensch heutzutage zufrieden ist.Merkwürdig. Bar jeder Vernunft, noch einmal heute um 20.30 Uhr.

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