Zeitung Heute : "Einfach kein Metropolenstatus"

HELMUT MERSCHMANN

Um sich an den Petitionsausschuß des Berliner Abgeordnetenhauses zu wenden, braucht niemand mehr das Haus zu verlassen.Dasselbe gilt, will man die Bauarbeiten am Spreebogen verfolgen oder am Potsdamer Platz gemütlich einkaufen gehen.Denn längst ist Berlin eine "Cyber-City" und hat ein getreues Abbild seiner selbst ins Internet gelegt.

So hilft der "Pet Man", eine virtuelle Symbolfigur, einem gerne bei den demokratischen Rechten und den verwinkelten Gängen im Abgeordnetenhaus, und die Kamera von "Cityscope" hält bei Wind und Wetter den baulichen Fortgang in Tiergarten fest.Ferner hat Online-Shopping den Vorteil, daß die Waren bis vor die Haustür, notfalls in den vierten Stock geliefert werden.Zu erreichen sind diese Sites über die beiden Stadtinformationssysteme "Berlin.de" und "Open-Berlin" im Internet.Und das sind zwei miteinander um die Gunst des Surfers ringende Versionen eines virtuellen Spree-Athens.

Auf einer Veranstaltung der "Softmoderne", einem eigentlich mehr für die elektronische Literatur engagierten Projekt, kam am Wochenende die sogenannte Virtualisierung der Stadtkultur zur Sprache.Die "Plattform für die kritische Auseinandersetzung mit der Netzkultur, mit ihren utopischen Leerformeln und Sprechblasen", so der Pressetext, versammelte Vertreter zweier Stadtinformationssysteme im Berliner Podewil, wo man sich zunächst verträglich gab.

Sascha Korp von "Berlin.de", einem von Debis und der Metro-Handelskette getragenen Projekt, berichtete von den Problemen mit der "Komplettabbildung der Stadt" und ging mit den eigenen vollmundigen Versprechungen aus früheren Tagen ins Gericht.Gleichzeitig kündigte er an, zum Sommer einige Info-Terminals im Stadtbild aufzubauen.Ihm zur Seite saßen Vertreter einzelner, kleinerer Internet-Projekte, wie "Kreuzberg.de", "Echtzeit" und "Cityscope", die sich zu der neuen, dreidimensional aufbereiteten Plattform "Open-Berlin" zusammenschließen wollen - offensichtlich um der Marktdominanz von "Berlin.de" zu begegnen.Auf der Cebit, kündigte Thomas Schwer von "Kreuzberg.de" an, soll der Berlin-Brandenburgische Projektverbund präsentiert werden, der sich nicht als "Portal" versteht und keine "zentralistischen Strukturen" ausbilden will.

Es hat in der Vergangenheit einiges Gerangel um die Stadtinformationssysteme gegeben, insbesondere um die prominente Adresse "Berlin.de".Sie zu vergeben, so merkte ein Teilnehmer an, sei wie den Potsdamer Platz zu verschenken.Durch einen wundersamen Zufall gelangte nun mehr beides in die Hände derselben Firmengruppe, deren Profitstreben ein offenes Geheimnis ist und auf der Veranstaltung auch niemanden sonderlich erregte.Immerhin handelt es sich bei diesem Stadtinformationssystem um die offizielle Repräsentation der deutschen Hauptstadt und des Berliner Senats im Internet.Vielleicht hängt das Desinteresse damit zusammen, daß mit den neuen Medien auch immer neue Jobs versprochen wurden, und Debis wenigstens dreißig Leute bei "Berlin.de" beschäftigt.

Dem Stadtforscher Albrecht Göschel vom Deutschen Institut für Urbanistik will der Ausbau Berlins "zum modernsten Telekommunikationszentrum", wie es Telekom-Chef Ron Sommer einmal verlauten ließ, überhaupt marginal erscheinen.Für Göschel hat Berlin einfach keinen Metropolenstatus inne, auch wenn seine Prestige-Projekte wie der Potsdamer Platz dies zu suggerieren versuchen.Wahre Metropolen wie London, Tokio und New York zeichneten sich durch die Überlagerung von Netzwerken aus, von Wirtschafts- , Handels- und politischen Netzen, nicht aber von virtuellen.Wohl bescheinigte der Urbanist der Hauptstadt eine "versuchte Zentralität" und den "Versuch der Inszenierung von Wohlstand", vor allem um Kapital anzulocken.

Den einzigen Sinn, den Göschel im Internet entdecken kann, ist die Produktion von Ungleichheit durch eine Herrschaftsschicht.In seiner Generalkritik, die mit den Demokratiemythen der Netzgemeinde radikal aufzuräumen trachtet, ging er sogar soweit, eine Schere aufzumachen zwischen der "Informationselite" auf der einen Seite und "ressentiment-geladenen, lokal organisierten" Gruppen auf der anderen.Es blieb freilich dabei unausgesprochen, ob die Anwesenden sich auf den Schlips getreten fühlen durften.Zumindest ging ihnen die Puste aus, und auf dem ungleichgewichtig besetzten Podium trug der kritische Diskurs den Sieg davon.



Links zu den Stadtinformationssystemen und der Softmoderne im Podewil

www.berlin.de

www.open-berlin.de

www.softmoderne.de

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