Zeitung Heute : Einfach mal schreien lassen

UNSERE KLEINE FAMILIE

Tanja Stelzer

UNSERE KLEINE FAMILIE

Und wie lange hat es gedauert, bis Noah durchschlief?“ Die Stimme in der Leitung klang ziemlich ängstlich. Es war meine Freundin M. aus Paris, die zurzeit häufig anruft, weil sie wissen will, wie sie sich das Leben mit Kind denn vorzustellen hat. Sie ist im neunten Monat. Die kleine Margot, die in ihrem Bauch strampelt („Sie wütet!“, sagt meine Freundin), ist lange ersehnt. Dem Kinderwunsch musste M. sogar mit Hormonen nachhelfen. Trotzdem fällt ihr jetzt, wo es soweit ist, auf einmal der Abschied von ihrem alten Leben schwer. Dramatisch verkündet sie: „Wenn ich weniger als acht Stunden Schlaf bekomme, sterbe ich!“

Ich erinnere mich noch gut, wie ich meiner Hebamme die Schlaf-Frage stellte. Noah war zwei Wochen alt. Die Hebamme sagte ziemlich lapidar, im ersten Lebensjahr könne man von einem Kind nicht erwarten, dass es durchschläft. Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen, aber ich war ziemlich geschockt. Ich sah uns schon mit Augenrändern wie Gerhard Schröder und Angela Merkel nach dem Vermittlungsausschuss, nur dass ich mich darauf einrichtete, dass unsere Verhandlungsrunde nicht ein paar Tage, sondern ein ganzes Jahr dauern würde. Seltsam, wie kamen die älteren Damen im Park darauf, sich über den Kinderwagen mit dem Neugeborenen zu beugen und zu fragen: „Und, schläft es schon durch?“

Früher sei das alles anders gewesen, klärte mich die Mutter meines Freundes C. auf. Als sie vor 30 Jahren ihren Sohn zur Welt gebracht hatte, fragte die Säuglingsschwester: Soll der Kleine durchschlafen oder nicht? Natürlich antwortete sie mit Ja. Es war, als hätte die Schwester dem Kind ein Hexenmittelchen gegeben: Als Mutter und Kind nach Hause entlassen wurden, schlummerte C. die ganze Nacht lang selig in seinem Bettchen. Ich glaube, der Trick der Säuglingsschwestern bestand einfach darin, dass sie die Kinder ins Babyzimmer legten und die Tür zumachten. Nach ein paar Tagen hatten die Kinder gelernt, dass Schreien nichts bringt.

Heute liegt das Baby im Krankenhaus neben der Mutter, die spätestens nach zwei Minuten Kindergeschrei all ihre gesammelten Zickentäschchen hergeben würde, wenn sie dadurch ihren Seelenfrieden und den des Babys retten könnte, was – das dämmert der Mutter schnell – sowieso dasselbe ist. Ist die Mutter dann mit ihrem Kind zu Hause, trägt sie das Buch „Jedes Kind kann schlafen lernen“ mit sich herum, verstaut in einem der unzähligen Fächer ihrer neuen XXL-Wickeltasche. In dem Buch ist erklärt, dass man das Baby erst drei Minuten schreien lassen soll, bevor man zu ihm geht, dann fünf, dann sieben, dann neun. Man braucht gute Nerven, um das durchzuziehen. Neun Minuten Geschrei – das ist, zumindest wenn es sich ums eigene Kind handelt, ungefähr so, als hielte man die Hand auf eine heiße Herdplatte und dürfte sie neun Minuten lang nicht wegziehen. In dem Buch ist ein Mann beschrieben, der seine Frau in den Kleiderschrank einsperren musste, um sie davon abzuhalten, vor der Zeit zum Kinderbett zu stürzen.

Ich habe M. das Buch samt Stoppuhr geschickt. Leider funktioniert die Methode erst, wenn das Kind ein halbes Jahr alt ist. Aber das verrate ich M. erst nach der Geburt. Es heißt, die Hormone, die bei der Geburt ausgesetzt werden, nehmen den Schmerz.

Übrigens: Als C.s Mutter damals mit ihrem Baby zu Hause war, verbrachte sie Stunden vor der Wiege, guckte ihr Kind an und strich ihm über den Kopf, bis C. wach wurde. Mit dem Durchschlafen war es vorbei.

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