Zeitung Heute : Einheitskunst?

IWAN ZINN

Podiumsdiskussion in der Komischen Oper BerlinIWAN ZINNKann Kunst den Menschen in seinem Denken und Handeln beeinflussen? Als manipulative Kraft wurde sie in Diktaturen vielfältig instrumentalisiert.Doch wie sieht es aus mit der politisch-mobilisierenden, psychologischen oder gar indoktrinierenden Wirkung auf die Rezipienten? In der Komischen Oper stürzte sich ein prominent besetztes Podium in das zweifelhafte Abenteuer, den "Beitrag der Kunst zur Überwindung emotionaler und intellektueller Unterschiedlichkeiten bei den Deutschen in Ost und West" zu diskutieren.Es sprachen Günter de Bruyn, Matthias Kleinert, Christine Mielitz, Jörg Schönbohm, Peter Sodann und Rudolf Zwirner.Der komplexen Themenstellung begegneten die Teilnehmer vor allem mit altbekannten Phrasen.Kein Wunder: Wenn nicht einmal ein einheitlicher Begriff von Kunst oder Kultur existiert, wie soll dann deren Beitrag ausgerechnet zum schwierigen und umstrittenen Prozeß der "inneren Einheit" erfaßbar sein? Mercedes-Vertreter Matthias Kleinert schwelgt in sentimentalen Einheits-Erinnerungen ("daß ich das noch erleben durfte") und betont, daß das "große deutsche Kulturgut" in Kooperation mit der Wirtschaft gepflegt werden solle.Das könne eine "Supergeschichte" geben.Seine Logik: "Ohne Wirtschaft kann sich auch keiner Eintrittskarten fürs Theater leisten." Innensenator Schönbohm meint, daß es den Westdeutschen an Solidarität für den Osten mangele, er ist aber insgesamt froh, daß die Vereinigung "trotz des Widerstands der Intellektuellen" geklappt habe.Als sich ein Zuhörer wundert, warum die Zusammenführung der PEN-Clubs nicht so reibungslos verlaufen sei, wie bei den "zwei Armeen in einem Vaterland" unter Schönbohms Leitung, bemerkt Moderator Dieter Feddersen trocken: "Vielleicht liegt es daran, daß sich dort weniger Obergefreite tummeln." Christine Mielitz, Oberspielleiterin der Komischen Oper, pocht auf die politische Dimension der Kunst.Sie habe die Aufgabe, Zusammenhänge zu reflektieren und transparent zu machen und die Bürger zu Aktivität und Zivilcourage zu motivieren.Ihre DDR-Vergangenheit sieht sie ähnlich wie Peter Sodann, Intendant des Neuen Theaters Halle.Dieser plädiert dafür, im Osten keine "Verlierermentalität" zu verinnerlichen, sondern weiter "aufrecht zu gehen".Ohne die Negativ-Erfahrungen in der DDR zu verdrängen, solle wieder Raum für Visionen geschaffen werden. Wie zu erwarten, war die Diskussion nicht gerade erhellend.Durch Kunst Ziele erreichen oder Hindernisse überwinden? Wie die Demokratie lebt Kunst doch vom Pluralismus.Der Schriftsteller Günter de Bruyn hatte ein passendes Schlußwort parat: "Die Wessis sollen sich nicht einbilden, herausfinden zu können, wie die DDR war - selbst ich weiß es nicht."

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