Zeitung Heute : Einladung zum Frieden

WALTHER STÜTZLE

Die NATO begibt sich auf das steinige, aber lohnende Feld des Exports von Stabilität und Frieden.Die Wiedergeburt von Nationalismen im ethnischen Fleckenteppich Mittel-und Osteuropa zu bannen, ist nicht der geringste Grund, für eine Einladung in die Allianz.VON WALTHER STÜTZLEDas Bewußtsein, Krieg dürfe nicht sein, wächst.Carl Friedrich von Weizsäcker sagte es so, kürzlich und aus Anlaß seines 85.Geburtstages.Aber die Gefahr, so wäre hinzuzufügen, daß auch künftige Generationen von Krieg heimgesucht werden, ist keineswegs gebannt.Frieden zu schaffen und Frieden zu bewahren - das bleibt die wichtigste Aufgabe der Menschheit, die alles entscheidende Herausforderung.Mit einem Zug, mit einem Schritt ist sie gewiß nicht zu bewältigen - aber es gibt Fort-Schritte, die Hoffnung begründen, das große Ziel eines fernen Tages doch zu erreichen.Der NATO-Gipfel von Madrid, die Einladung neuer Mitglieder in die Atlantische Allianz, markieren ein Stück auf diesem dornigen Weg.Denn Frieden, mithin die Überwindung des Krieges, bedarf nicht nur der visionären Politik, sondern vor allem der institutionellen Sicherung.Auf einzigartige Weise hat das westeuropäisch-amerikanische Bündnis sich dazu als fähig erwiesen.Dabei ist der Schutz vor Bedrohung von außen in nahezu fünf Jahrzehnten zu einem friedensgarantierenden Verbund im Innern zusammengewachsen. An Stelle der Sprengkraft aufgezwungener Ideologie, die den Warschauer Pakt schließlich zum Einsturz brachte, lebt die Allianz - nicht immer frei von Spannung, aber stets ohne Explosion - aus der Kraft gemeinsamer Werteüberzeugung.Nun, - und das ist die Botschaft von Madrid -, begibt sich das Bündnis auf das steinige, aber lohnende Feld des Exports von Stabilität und Frieden.Als offenes Bündnis ist die Allianz 1949 in Washington gegründet worden.Von Madrid aber kommt eine neue Botschaft: Die Geschichte der NATO als Westallianz ist beendet und das Kapitel isolationistischer Tendenzen in der Außenpolitik der USA auch.Von Madrid aus kehrt die Allianz auch in jenem Teil der Alten Welt ein, dem sowjetische Herrschaft jahrzehntelang verwehrt hatte, das zu sein, was Budapest, Prag und Warschau immer waren: Heimstatt europäischer Geschichte und Kultur.Die zu allererst von Amerika verbürgte Allianz-Police ist, allen Unkenrufen zum Trotz, mit dem Ende der akuten Bedrohung nicht verfallen, sondern versichert von nun an das Neue Europa.Sie beschützt die Zeit der Um- und Neugestaltung, und etabliert die USA als gewichtigen Akteur in Europas grundlegend veränderter Sicherheitsarchitektur.Der Wunsch, sich an die Gestade der Alten Welt zurückzuziehen, der nach dem Ersten Weltkrieg seine Triumphe feierte, dann im zweiten mit der Rückkehr nach Europa blutig korrigiert werden mußte - dieser Wunsch ist in Madrid von der Pflicht abgelöst worden, Garantiemacht in und für Europa zu sein. Freilich - und das ist die Kehrseite - Madrid ist auch eine Warnung an Europa, sich endlich vom Pfad nationaler Eigenbröteleien wegzubegeben und das amerikanische Engagement durch eine politische Union zu verankern und auszugleichen.Doch der Weg dorthin ist noch weit.Kläglicher Kleinmut in Paris, nationale Eifersüchtelei in London und mangelnde Entschiedenheit der Bundesrepublik verheißen nichts Gutes.Die neuen NATO-Mitglieder sind europäisch, aber ob ein Akteur namens "Europa" in der Allianz entstehen wird, steht mehr denn je in den Sternen.Das vorläufige Scheitern der NATO-Struktur-Reform wiegt schwer.Die erfahrenen Bündnis-Mitglieder geben damit den Neuen das denkbar schlechteste Beispiel.In dem Moment, da diese Integration begehren, exerzieren ihnen altgediente Allianz-Staaten neue Nationalismen vor.Deren konfliktträchtige Wiedergeburt im ethnischen Fleckenteppich Mittel-und Osteuropa endgültig zu bannen, ist nicht der geringste unter den Gründen, die eine Einladung in die Allianz begründen.Hinzukommt das Verhältnis zu Moskau.Die Einladung gilt für einen Beitritt in die Allianz, nicht für den Versuch, die NATO gegen Rußland zu nutzen.Mit der "Grundakte von Paris" ist dafür das Fundament gelegt.Doch das euroatlantische Haus, das Rußland Nachbar und Partner ist, muß noch gebaut werden.Dabei rückt Deutschland erstmals in seiner Geschichte in die für alle beruhigende Lage, nur noch von Freunden umgeben zu sein.Mit diesem Pfund gewinnbringend für Europa zu wuchern, ist Herausforderung und Belohnung für eine konsequente Allianz-Politik.Gelingt das, erhielte Frieden tatsächlich die Chance, sich in Europa dauerhaft auszubreiten.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar