Zeitung Heute : Einreise? Nein!

SIMONE MAHRENHOLZ

Zentriert um die Geschichte der jüdisch-belgischen Familien Sonabend und Popowski zeigt dieser Dokumentarfilm von Kaspar Kasics und Stefan Mächler die antisemitische Schweizer Flüchtlingspolitik.Vor allem ab 1942, als in Belgien, Holland und Frankreich die Deportationen der Juden begannen, brachen Zigtausende in die kriegsverschonte Region auf.Wie groß war ihr Erstaunen, als dieses Land, das sich auf seine Menschlichkeit und Solidarität traditionell so viel zugutehielt, sie abwies: Flüchtlinge "nur aus Rassegründen" galten nicht als politische Flüchtlinge.Die Sache ist um so prekärer, als die Verantwortlichen in der Schweiz bereits spätestens Mitte 1942 recht genaue Kenntnisse über das zu erwartende Todesschicksal der Abgewiesenen hatten.

Kasics-Mächlers Film verknüpft Aussagen der ganz wenigen Überlebenden jener versuchten Einreise von 1942 mit solchen von Zeitzeugen und mit filmischen und anderen Zeitdokumenten.Man rühmte sich, "dem Virus des Antisemitismus widerstanden" zu haben und warnte im gleichen Atemzug vor drohender "Verjudung", zumal "der Jude nur schwer assimilierbar" sei.

Charles Sonabend hatte 1997 gegen die Schweizer Regierung geklagt, deren damalige Asylpolitik für die Ermordung seiner Eltern in Auschwitz mitverantwortlich sei.Auch hatte er versucht, das Vermögen seines Vaters zu finden, der damals ein Konto bei der Berner Kantonalbank hatte.Nichts.Die Akten seien jeweils nach zehn Jahren vernichtet worden.Nun treffen er und seine Schwester im Film auf einen jener Grenzbeamten, die 1942, als seine Familie dort eintraf, die Schließung durchgeführt hatten: eine hoch emotionelle Begegnung für alle Beteiligten.Das Wichtige in diesem materialreichen und an kommentierenden Einblendungen manchmal zu armen Film sind die Zwischentöne, Nebensätze, gemachten oder fehlenden Gesten.Ein Film, dessen Brisanz auch die aktuellen europäischen Kontroversen und Unterlassungssünden in Sachen Asylpolitik in neues Licht rückt.

Heute 13.30 Uhr (Filmpalast), morgen 11 Uhr (Filmpalast)

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