• Zitty
  • Potsdamer Neueste Nachrichten
  • Berlin 030
  • Bootshandel
  • Qiez
  • zweitehand
  • twotickets
  • Berliner Köpfe
  • wetterdienst berlin

Einrichtung : Kulissen unserer Kindheit

27.01.2013 00:00 Uhrvon
Ob Regisseur Martin Scorsese auch in der eigenen Wohnung Barometer an die Wand hängt? Das Foto zeigt ihn bei einem Besuch bei den Eltern 1974; es ist in einer ihm gewidmeten Ausstellung im Museum für Film und Fernsehen bis zum 12. Mai zu sehen.  Foto: Martin Scorsese Collection, New YorkBild vergrößern
Ob Regisseur Martin Scorsese auch in der eigenen Wohnung Barometer an die Wand hängt? Das Foto zeigt ihn bei einem Besuch bei den Eltern 1974; es ist in einer ihm gewidmeten... - Foto: Martin Scorsese Collection, New York

Kugeln, Kisten, Gemälde, Sofas: In den Wohnungen der Eltern gab es Dinge, die immer da waren wie die Eltern selbst. Fünf Autoren erinnern sich.

DER REMBRANDT-DRUCK

Woran Martin Scorsese (siehe Foto) wohl gerade denkt, als er wieder auf der Couch seiner Eltern Platz nimmt? Ob er sich auch dieses Bild über dem Sofa anschaut und sich fragt: Warum hängt das da überhaupt? Ich habe das jedenfalls getan, viele Male, als ich meine Eltern besucht habe, Jahre nach meinem Auszug. Bei ihnen hing ein düsterer Rembrandt-Druck, „Selbstportrait mit Saskia“, in einem schnörkeligen Goldrahmen. Er war mehr aus Prestige als aus Interesse da, meine Eltern haben eigentlich fast nie ein Museum mit uns Kindern besucht.

Rembrandt verlieh der Hoffnung, einer bürgerlichen Schicht anzugehören, einen künstlerischen Ausdruck.

Solch einen Klassiker im Wohnzimmer zu haben, das war ein Bildungssiegel, das sich meine Eltern auf ihr Leben drückten – und in der DDR einen leicht anrüchigen Touch besaß. Allerdings nur so lange, bis die Reproduktionen aus der Dresdner Gemäldegalerie in so vielen Arzt- und Ingenieurshaushalten hing, dass aus dem Bürgerlichen das Spießige wurde.

Warum behielten meine Eltern das Bild nach 1990? Es gehörte zu ihrem Leben, so wie das geblümte Sofa und die getäfelte Decke davor zu meinem gehört hatten. Ich fand das Gemälde scheußlich, es passte überhaupt nicht in das helle Wohnzimmer, diese Kerzenlichtszene aus dem 17. Jahrhundert deprimierte mich. Mit einem modernen Leben, wie es mir vorschwebte, hatte das nichts zu tun. Meinen Eltern sagte ich natürlich kein Wort. Es war ihr Geschmack, ihr Stil. Ich hoffe nur, dass dieses Bild in der Erbmasse für immer verschwindet.Ulf Lippitz

DAS BÜCHERREGAL

Es war für mich das Tor zur großen, weiten Welt: das Bücherregal meines Vaters. Oft stand ich davor, mit sehnsüchtigem Blick auf die unendlich vielen Bücher, die Reihe für Reihe, Etage für Etage aufgereiht, gestapelt, aneinandergepresst, kreuz und quer sich gegen die Wand des Wohnzimmers drückten. Das Regal reichte von ganz links bis nach ganz rechts, von ganz unten bis ganz oben. Es war fünf Meter lang, drei Meter hoch und ganz einfach zusammengebaut: mit langen Brettern, die an der Wand festgedübelt waren.

Mein Vater ertappte mich ein ums andere Mal, wie ich mit dem Kopf im Nacken und auf Zehenspitzen stehend versuchte, die Titel in den oberen Reihen zu erkennen. Die unteren Regale hatte ich schon ausgekundschaftet. Weder interessierte mich dieser Adorno noch die Werke, deren Titel Wörter wie Dialektik oder Briefwechsel enthielten. Weiter oben sah ich hingegen Bücher mit bunten Covern, deren Titel auf „Galaxis“, „Ringe“ oder „Wüstenplanet“ endeten.

Eines Tages, keiner war zu Hause, stieg ich das Regal hoch. Etage für Etage zog ich mich in die Höhe. Ich dachte nicht darüber nach, was passieren könnte, wenn auch nur eines der Bretter aus der Verankerung reißen würde. Kurz unter der Decke angekommen sah ich das Objekt meiner Begierde: „Per Anhalter durch die Galaxis 1“. Ich steckte es mir in den Hosenbund und trat langsam den Rückzug an. So las ich ein Buch nach dem anderen, ohne dass es je aufflog.

Als wir vor 15 Jahren umzogen, baute mein Vater das Regal wieder exakt so in der neuen Wohnung auf. Es sieht nach wie vor genauso aus wie früher, nur die Staubschichten auf den Büchern sind dicker geworden. Jedes Mal, wenn ich meine Eltern besuche, stelle ich mich davor. Ich sehe mich als kleinen Jungen, wie ich das Regal erklimme, und erinnere mich an die Abenteuer, die ich mit den Büchern erlebt habe.Karl Grünberg

DIE LEDERCOUCH

Am Ende hat man ihr die Jahre angesehen. Tiefe Falten zogen sich durch das Leder. Die Armlehnen waren so durchgewetzt, dass durch Risse das Innenfutter zum Vorschein kam. Liebevoll deckten meine Eltern das Sofa zu, um die Spuren seines Alters zu kaschieren. 1980 kam es zu uns, ich war gerade ein Jahr alt. Generationen von Zwergkaninchen haben sich hinter ihm versteckt, um heimlich am Kabel der Leselampe zu knabbern. Ungezählte Stunden habe ich auf ihm vor dem Fernseher verbracht. Wenn ich als Kind krank wurde, baute ich mir aus Sofa, Sessel und Bettzeug eine Kuschelzone, aß Eiscreme und schaute „Unsere kleine Farm“, die Wange ans Leder gedrückt.

Vor einigen Monaten – die Risse in den Armlehnen waren inzwischen so lang, dass mehr Innenfutter als Leder zu sehen war – fällten meine Eltern einen schmerzhaften Entschluss: Etwas Neues musste her. So sehr ich mich mit meinen 33 Jahren oft noch als Kind fühle, in Sofajahren gerechnet, fällt die Bilanz anders aus. Mit 32 war Schluss.

Oft klagt meine Mutter in diesen Tagen über mangelnde Bequemlichkeit der neuen Couch. Die Sitzfläche sei zu hoch, auch ist sie weniger weich, weil weniger durchgesessen. Sicher haben meine Eltern sich schon gefragt, ob es nicht noch ein paar Monate gegangen wäre, mit ihnen und der alten. Ob man das Leder vielleicht hätte flicken können. Aber es gibt kein Zurück. Es war ein Abschied für immer. Lydia Brakebusch

DIE HOLZKISTE

Sie steht im Esszimmer zwischen Küchentür und Kachelofen. Ein benachbarter Tischler hat sie vor etlichen Jahren aus hellem Apfelbaumholz gefertigt. Wenn ich meine Eltern alle paar Monate besuche, sitze ich ständig darauf. Von da aus kann ich die Wohnung beobachten, in der ich meine Kindheit verbracht habe. Ich unterhalte mich mit meiner Mutter, während sie mir Speckknödel macht, so wie nur sie das kann.

Die Kiste dient außerdem Felix, dem alten Kater, als Basislager auf seinem Weg ganz nach oben, in die Schüssel auf dem Ofen, seinem Lieblingsschlafplatz. Als Kinder haben meine Schwester und ich Felix manchmal in die Kiste gelockt und darin eingesperrt. Meist ist der Kater eingeschlafen und wir haben ihn vergessen, bis er sich mit lautem Jaulen Stunden später bemerkbar machte.

Heute dient die Kiste mir auch als Archiv. Mein Vater stapelt in ihr nämlich die Ausgaben des Lokalblatts, der „Südtiroler Tageszeitung“. Kaum bin ich zu Hause, kaum knetet meine Mutter den Knödelteig, hole ich die alten Zeitungen hervor und lese darin über alles, was in meinem Dorf passiert ist. Ich ärgere und freue mich über Dinge, die schon Wochen zurückliegen, dass unsere Fußballmannschaft gegen das Nachbardorf gewonnen hat, dass ein Lokalpolitiker gegen Ausländer wettert. Nach diesem Update fühle ich mich, als wäre ich nie weg gewesen. Lenz Koppelstätter

DIE BOLA

Die was? Es hing bei uns im Wohnzimmer am rot verklinkerten Kamin: ein mysteriöses Gespinst mit drei weißen Kugeln an ebenso vielen Bändern, die sich – zu einem Strick zusammengeschnürt – wie ein Lasso schwingen lassen, um dann auf den Hals irgendeiner unglücklichen Kreatur niederzuprasseln. Erst jetzt, dank Martin Scorsese, wurde mir klar, dass ich mir das Bild dieser tierbändigenden Waffe nachhaltig eingeprägt hatte, ohne mir je Gedanken über deren Namen zu machen. Es war für mich nur „das Ding, mit dem man Strauße fängt“ (zoologisch genauer: Nandus). Es verströmte die Aura argentinischer Weite. „Das kommt aus der Pampa“, sagte mein Vater mit der ihm eigenen Mischung aus Weltgewandtheit und Ruhrpottumstandslosigkeit. Er hatte es von einer seiner Geschäftsreisen aus Südamerika mitgebracht.

Ich fürchtete, es sei längst im Keller oder auf dem Dachboden verschwunden. Nein, nein, es hängt nach wie vor am Kamin, sagt mein Vater am Telefon. Ich habe es bei Besuchen wohl nicht mehr wahrgenommen. Und er sagt mir auch, wie das Ding heißt: Bola, ganz schlicht, die Kugel. Markus Hesselmann

Service

Biowetter, Deutschlandwetter und internationales Wetter, Niederschlagsmengen, Reisewetter und aktuelle Satellitenbilder. Behalten Sie das Wetter im Griff!

Tagesspiegel Wetterseite

Leserdebatten

Alexanderplatz, Hertha, Mediaspree: Leserdebatten auf Tagesspiegel.de.

Diskutieren Sie mit!

Tagesspiegel-Partner

  • Premium Karrieredienst

    10.000 Headhunter suchen Sie für Jobs ab 60.000 €. Jetzt bei EXPERTEER anmelden & neuen Job finden!
  • Wohnen in Berlin

    Gewerbe- oder Wohnimmobilien: Große Auswahl an Immobilien beim großen Immobilienportal.

Erleben sie mit tagesspiegel.de die ganz besonderen Veranstaltungen in Berlin und Umgebung. Hier können Sie sich Ihre Tickets zum Aktionspreis sichern.

Weitere Tickets...