Zeitung Heute : Eins für alle

Mit dem Wechsel in der Politik änderte sich auch die Haltung zum Mahnmal

Christina Tilmann

Seit mehr als zehn Jahren gibt es Entwürfe für den Bau eines Mahnmals für die ermordeten Juden. Warum hat es so lange gedauert, bis die Pläne umgesetzt wurden und das Denkmal eingeweiht werden konnte?

Es begann mit einem Besuch in der Jerusalemer Gedenkstätte Jad Vaschem. Die Fernsehjournalistin Lea Rosh und der Historiker Eberhard Jäckel standen Mitte der 80er Jahre dort und befanden: Etwas Vergleichbares fehlt uns in Deutschland. Seit 1988 kämpft die von Lea Rosh gegründete Bürgerinitiative „Perspektive Berlin“ für die Errichtung eines zentralen Holocaust-Mahnmals in Berlin und konkretisiert sich schließlich im privaten „Förderkreis zur Errichtung eines Denkmals für die ermordeten Juden Europas“ in Berlin. Auch der Ort war 1992 gefunden: Das unbebaute Gelände der ehemaligen Ministergärten südlich des Brandenburger Tors.

Mitte April 1994 erscheint in großen deutschen Tageszeitungen eine Anzeige, die den Wettbewerb für das „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ auslobt. Der Kostenrahmen wird auf 15 Millionen Mark veranschlagt. 528 Beiträge werden eingereicht, zwei davon schließlich im März 1995 von der Jury ausgewählt: ein 2,5 Meter hohes Betonplateau des Kölner Architekten Simon Ungers und eine monumentale Betonplatte der Architektin Christine Jackob-Marks, auf der die Namen ermordeter Juden eingraviert werden sollen. Gegenentwürfe, die ein Busterminal mit Fahrten zu den KZ-Gedenkorten des Umlands (Renata Stih/Frieder Schnock) oder gleich die Schleifung des Brandenburger Tors (Horst Hoheisel) vorschlagen, standen nicht zur Entscheidung an.

Zwar fällt die Entscheidung für den Entwurf von Christine Jackob-Marks, auch weitere Gelder werden bewilligt, doch die Bundesregierung legt ihr Veto ein: Helmut Kohl spricht ein Machtwort und fordert weitere Diskussionen, bis sich Konsens in der Öffentlichkeit herstellen lasse. Es folgen mehrere Kolloquien und eine Bundestagsdebatte, bis dann Mitte 1997 in einem neuen, beschränkten Wettbewerb 25 Künstler um Beiträge gebeten werden. 19 Beiträge werden eingereicht, vier kommen in die engere Auswahl, am Ende gewinnt der Entwurf des Architekten Peter Eisenman und des Bildhauers Richard Serra: 4000 eng gestellte Betonstelen, die nur einen individuellen Zugang zum Gelände ermöglichen.

Doch nicht genug der Diskussion: Nachdem Helmut Kohl sich das Projekt angesehen hat, werden Eisenman und Serra gebeten, ihren Entwurf zu modifizieren. Der Künstler Serra verweigert sich und steigt aus dem Projekt aus, der Architekt Eisenman gibt nach und reduziert den Entwurf auf 2700 Stelen (Eisenman II). Der Regierungswechsel 1998 bringt neue Probleme. Der zum „Staatsminister für Kultur im Kanzleramt“ ernannte, bis dahin als Verleger in New York tätige Michael Naumann erklärt noch vor seiner offiziellen Präsentation: „Meine Haltung zum Mahnmal ist ganz klar. Ich sage Nein.“ Später modifiziert er seine Haltung, fordert die Erweiterung des Mahnmals um „edukative Elemente“, zum Beispiel einen Bibliotheksbau, den Eisenman in einem neuen Entwurf (Eisenman III) als Bücherwand am nördlichen Rand des Geländes entwirft. Neuer Streit, neue Diskussionen folgen, bis am 25. Juni 1999 der Deutsche Bundestag für das Mahnmal in der von Eisenman konzipierten Variante „Eisenman II“ votiert. Ergänzend wird ein „Ort der Information“ gewünscht. Zur Errichtung wird eine Stiftung gegründet.

Nach der Entscheidung kam der Streit um die Kosten. 15 Millionen Mark waren veranschlagt, einschließlich des „Orts der Information“ wird der Kostenrahmen 2000 auf 50 Millionen Mark festgeschrieben, am Ende belaufen sich die Kosten, die der Bund trägt, auf 27,5 Millionen Euro. Im April 2003 beginnen die Baggerarbeiten auf dem Gelände, im August wird die erste Stele gesetzt. Doch schon im Oktober taucht das nächste Problem auf, als bekannt wird, dass die Firma Degussa, deren Tochtergesellschaft Degesch für die Herstellung des Giftgases Zyklon B verantwortlich war, mit dem Graffitischutz für die Mahnmal-Stelen beauftragt wurde. Dass Peter Eisenman auf einer Kuratoriumssitzung einen Witz seines jüdischen Zahnarzts in New York erzählt, wonach sein Zahngold von Degussa stamme, entspannt die Situation auch nicht gerade. Doch das Kuratorium entscheidet sich für die Fortführung des Baus mit Degussa-Beteiligung, die sich ihrer Vergangenheit gestellt habe. Am 12. Juli 2004 wird auf dem Gelände „Richtfest“ gefeiert, kurz vor Weihnachten wird die letzte Stele gesetzt.

Am symbolträchtigen 27. Januar 2000 sollte der Grundstein für das Mahnmal gelegt werden – der Termin hatte sich verzögert. Auch der zur Eröffnung angesetzte 8. Mai 2005 hat sich nicht als haltbar erwiesen, denn an diesem Tag war schon die Gedenkfeier zum 60. Jahrestag der deutschen Kapitulation im Bundestag geplant, gestern, am 9. Mai nahm Bundeskanzler Gerhard Schröder an den russischen Feierlichkeiten in Moskau teil. So wird das Mahnmal nun heute eingeweiht, am 10. Mai 2005. Mehr als zehn Jahre nach den ersten Planungen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar