Zeitung Heute : Einsame Spitze

Ursula Weidenfeld

Es ist der Blick nach draußen, der einen einnimmt und freundlich stimmt für das Drinnen. Draußen: Gendarmenmarkt, Schauspielhaus, Deutscher Dom auf Augenhöhe. Die beste Adresse in der Mitte. Drinnen: schwere Polstersessel, hochflorige Teppiche, Antiquitäten. Ein Wohnzimmer für die Besten, die Berlin hat. Es ist allerdings noch ein bisschen leer, das Wohnzimmer. Der Berlin Capital Club in der obersten Etage des Hilton-Hotels soll für das Neue stehen. Oder die neue Elite. Entscheider. Kreative. Reiche. Die jetzt alle nach Berlin kommen können. Weil sie vor ein paar Wochen ein Wohnzimmer bekommen haben, dessen Schlüssel nur an Familienmitglieder vergeben werden. So stellt man sich in Berlin Eliten-Bildung vor.

Berlin nämlich, bedauert der Neu-Berliner Hans-Olaf Henkel, Berlin fehlt es an Elite, um richtig nach vorne zu kommen. Deshalb hinke die Stadt immer noch nach in vielen Angelegenheiten. Herr Kluge von der Unternehmensberatung McKinsey sagt das auch. Weil die Stadt Teilung und Mauerbau immer noch nicht verkraftet hat, fehle ihr die intellektuelle und wissenschaftliche Spitze. Und auch Herr Breuer von der Deutschen Bank findet, dass es Berlin gut täte, wenn zum Beispiel die Jugend der Welt auf dem Weg nach oben auch einen Zwischenstopp in Berlin einlegen könnte.

Sie alle wollen etwas tun, damit Berlin nicht nur eine Hauptstadt ist, sondern eine richtige Metropole wird. Eine Stadt, in der die Mächtigen und Schlauen, die Intellektuellen und die Wichtigen gerne sind - und irgendwann auch bleiben. Aber helfen da die Clubs und Wohnzimmer? Noch fehlen Berlin die Konzernzentralen und Investmentbanken, die Eliteuniversitäten und die richtig Reichen. Aber weil die Berliner sich so sehr danach sehnen, gibt es nun den Berlin Capital Club. Und demnächst den China Club. An der allerbesten Adresse, im Herzen der Mitte, direkt neben dem Adlon. Anno August Jagdfeld und Anne Maria Jagdfeld vom Adlon haben nämlich ebenfalls beschlossen, einen Platz zu schaffen für die Elite. In diesem Jahr soll er fertig werden.

"Wer seinen Abend entweder im Hotelzimmer verbringen muss oder im Restaurant, der verliert schnell wieder die Lust", ermahnt Jagdfeld Spötter, die behaupten, es gebe niemanden, der ein paar tausend Euro im Jahr dafür bezahlt, eine Tür hinter sich zu machen zu können, um dann doch wieder nur auf seines gleichen zu treffen. Die grobe, rohe Hackepeter-Welt bleibt vor der Club-Tür. Im Gegensatz zu Bars, die offen sind und anfällig - für unangenehme Überraschungen und Begegnungen mit staunenden Touristen, für Neugier und Indiskretion.

Das grobe Hackepeter-Berlin

Außerdem: Wenn sich die Elite ganz zwanglos in einem exklusiven Rahmen treffen könne, werde das dazu führen, dass sie sich so wohl fühlt, dass sie nicht mehr im Hotel, sondern bald in der Zweitwohnung in Berlin wohnen will. Und irgendwann werde sie bleiben und vielleicht sogar sesshaft. Was Berlin bei der ganzen Sache von anderen Metropolen unterscheidet? Hier werden Räume für die Macht gebaut, bevor die Macht überhaupt da ist.

Kann das klappen? Nein, sagen die Ökonomen. Weil der Mix nicht stimmt. Denn Berlin hat zwar inzwischen die politische Elite, die Künstler und einen bemerkbaren Anteil der Wissenschaftler. Es fehlt aber immer noch die wirtschaftliche Elite. Und solange die Mehrheit des öffentlichen Dienstes alles gleich macht, was an Unterschieden und Spannungen bemerkbar wird, werden auch die anderen Eliten eingegliedert, abgeschliffen, eingestampft.

Ja, es kann klappen! Rufen die Berliner. Und in der Tat scheint es so zu sein, als funktioniere es, wenn es in irgendeiner Form mit Zigarrenrauch zusammengebracht wird. Zum Beispiel bei den Havanna-Lounges, jenen überdimensionierten Humidoren in allen deutschen Großstädten, die so aussehen wie die Country-Home-Etagen bei Möbel Tegeler. In den anderen, den reichen deutschen Großstädten wie München und Düsseldorf sind die Havanna-Lounges ausgeprochen gut gebucht, berichten die zuständigen Manager. Und auch für Berlin besteht Hoffnung, denn immerhin die Vorboten der Reichen sind schon da: Wo die Zigarren am Gendarmenmarkt qualmen, da lümmeln heute schon die gern, die sich in der Nähe von Reichen wohl fühlen, wenn sie es schon nicht selber sind: Redakteure, deren moderne Büros über den Galeries Lafayette, den Büroetagen des Maritim oder im Quartier 206 keine vertraulichen Hintergrundgespräche mehr zulassen. Liberale Politiker, die zeigen wollen, dass sie für ein bisschen mehr gut sind als für aussichtslose Koalitionsgespräche. Experten und Lobbyisten, die im Dämmerlicht mit Expertisen und Studien hausieren gehen. Auch für die Shopping-Elite funktioniert es. Während der Einzelhandel insgesamt über gewaltige Probleme stöhnt, steigen auf dem Kurfürstendamm die Ladenmieten wieder und auf der Friedrichstraße haben Hermès und Gucci die Lücke im Sortiment geschlossen. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass unter den Einkaufsbummlern aus aller Welt künftig zumindest ein Teil gern in einem der Clubs die Füße hochlegen werden. Und auch beim alten und neueren Establishment der Stadt kommt die Club-Idee schließlich auch an. Paulus Neef von Pixelpark zum Beispiel ist beim Berlin Capital Club. Hartwig Piepenbrock, einer der größten Unternehmer in der Stadt, auch. Der Berliner und Altbahn-Chef Heinz Dürr ist Präsident, die Modeschöpferin Sandra Pabst eine Frau - Frauen dürfen auch dabei sein in Berlin.

Im Kanzler-Osten

Aber sind all diese Menschen das, was man unter Elite versteht? Die Menschen, die für die Zukunft der Stadt so wichtig wären? Stehen sie für den Aufschwung, der gemeint ist, wenn man Eliten sagt? Pixelpark ist schwer angeschlagen. Piepenbrocks Gebäudemanagement ist nicht gerade das, was sich die Elite-Vermisser unter den innovativen Kräften vorstellen, die in Berlin zum Wirken gebracht werden sollen. Und die Shopping-Elite wohl auch nicht. Nicht gemeint sind auch die Zirkel, die der Autor Tilman Spengler ein bisschen respektlos als die "Kranzler-Gesellschaft" bezeichnet, die Pelze trägt und "merkwürdiges Lackwerk an den Füßen". Die Hutparty-Teilnehmer in Ulla Klingbeils fröhlicher Runde. Die Charity-Ladies, die in Berlin am kleinen Rad drehen.

Und was ist mit der angestammten bürgerlichen Elite der Stadt? Wo treffen sich die Feinsinnigen, die Freunde und Förderer, die Chefärzte, Notare, Kuratoriums- und Rotary-Mitglieder. Sie treffen sich in den Kreisen der Nationalgalerie, der Philharmonie, der Akademien und Theater, der Ritterorden und Wissenschaftszentren. Sie sind das stabile Element in der Stadt, das Bürgerliche, Beständige, Verlässliche, sagen die, die es gut meinen mit denen, die es lange ausgehalten haben in Berlin. Und gemeinsam mit denen, die sich nach den neuen Eliten sehnen, davon träumen, dass Berlin wieder die Hauptstadt des Geistes, der Wirtschaft, der Ideen und Erfindungen wird. Und sich selbst damit meinen. Oder ihre Kinder. Wenigstens. Es ist die alte Westberliner Elite, die sich im Kanzler-Osten zwischen Museumsinsel und Gendarmenmarkt einen fast gleichwertigen Appendix geschaffen hat, mäkeln die Neuberliner im Wissenschafts-Osten, rund um den Biotechgürtel in Buch. Es sind Bewahrer und Erhalter, aber nicht Agenten des Wandels, die verändern und gestalten wollen, klagen die neuen Unternehmer und ihre Berater.

Wofür sind die Clubs also gut? Würde DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp in Berlin heimisch, weil er dort in einen Club dürfte? Kurt Masur die Stadt mehr lieben, wenn er als einer der wenigen einen Blick aus der obersten Etage auf den Gendarmenmarkt nehmen könnte? Würde Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Vollhard das Forschen im Rhein-Main-Gebiet aufgeben, weil sie eine unstillbare Liebe für die exquisite asiatische Küche des China-Club entwickelt hätte? Und wenn sie zehnmal eingeladen werden, den Clubs beizutreten. Nein, wahrscheinlich nicht.

Annäherungsversuche: "Wer eine Einladung erhält, deren Absender Gräfin Hardenberg von Berlin Concept ist, kann blind zusagen", stellte die "Welt" vor zwei Jahren fest und meinte damit, dass Einladungen der Agentur BerlinConcept dem Berliner Elite-Ritterschlag gleichkommt. "Vorbei, vorbei", stöhnen Kenner der Szene - die weiter eingeladen werden wollen und deshalb nur heimlich stöhnen. Wer von den Berlinern auf dem Verteiler der Gräfin stehe, der habe es zwar zu etwas gebracht - aber ist da ein künftiger Nobelpreisträger unter ihnen? Tja. Na ja.

Und doch ist das Patent der Gräfin - das Adressbuch, die Einladungsliste - die wahrscheinlich erfolgreichste Suchmaschine, wenn es um die Ortung der neuen Elite in Berlin geht: Exklusivität ist immer wichtig. Unterschätzt wird jedoch die Bedeutung der Inhalte: Denn die obersten zwei bis drei Prozent der Intelligenten und Intellektuellen, der Reichen und Interessanten, der Unterhalter und Forscher, des akademischen Nachwuchses und des unternehmerischen Establisments, die kommen nicht nach Berlin, weil sie gelockt und gebeten, umgarnt und antichambriert werden. Sie kommen, wenn sie einen Grund und ein Thema haben: Eine interessante Tagung zum Beispiel. Eine exklusiv besetzte Konferenz.

Physiker traben los

Die deutsch-französische Elite trifft bevorzugt im zugigen Schloss Genshagen am südlichen Berliner Autobahnring zusammen, um dort simultan gedolmetscht auf höchsten Niveau deutsch-französische Belange zu diskutieren und auf den Einbau isolierter Fenster zu hoffen. Die Physiker und Gesellschaftsforscher traben ohne Ansehen der Person (aber auch des Ortes) los, wenn Max Planck-Gesellschaft auf dem Absender steht. Deutschlands Manager und Politiker würden es nur im Notfall versäumen, beim Quandt-Europa-Forum zu erscheinen, wenn sie wie im letzten Jahr ins Adlon gebeten werden. Politiker und Ministeriale treffen sich bei den wissenschaftlichen Exercitien der Bertelsmann-Stiftung im preußischen Landtag oder demnächst bei der Berliner Vertretung des Konzerns in der wieder aufgebauten Alten Kommandantur Unter den Linden. Und bei der jährlichen Tagung der Alfred-Herrhausen-Gesellschaft im Foyer der Deutschen Bank Unter den Linden gehört der dazu, der sich nicht nur tagsüber zu einem Thema bilden, sondern auch zum Abendessen in ungewöhnliche Salons wie Museumsäle oder den Reichstag wechseln darf.

In dieser Beziehung ist Berlin die Nummer eins in Deutschland, ohne Frage. Die interessantesten Tagungen, die wichtigsten Konferenzen, die am besten besetzten Podiumsdiskussionen - die gibt es in Berlin. Nur, dass es für viele der Teilnehmer solcher Veranstaltungen kaum eine Rolle spielt, wo ihre Post hingeschickt wird. Sie wohnen da, wo sie arbeiten können. Und das ist bei den Wissenschaftlern selten Deutschland, noch seltener Berlin. Hier gibt es zwar viel Arbeit, aber wenig Arbeitsplätze.

Deshalb wollen die Elite-Vermisser die Jugendlichen und Studenten, die es mal zu etwas bringen werden, gewinnen. Kommen die heute nach Berlin? Nur die gut Erzogenen und nur zum Praktikum in der Politik oder bei einer Zeitung lästern Münchner und Rheinländer, bei denen die Praktikanten in die Vorstandsetagen der Konzerne schielen, die es in Berlin nicht gibt.

Dann sollen sie wenigstens im Studium in Berlin sein können, finden die Manager aus München, Düsseldorf und Frankfurt. Die Planungen für eine Berliner Privathochschule für die Elite der Zukunft nehmen tatsächlich auch Gestalt an. Noch in diesem Monat soll die Gründung bekannt gegeben werden. Eine Wirtschaftshochschule mit geistes- und politikwissenschaftlichen Elementen, mit Korrespondenzstandorten in München und im Rhein/Maingebiet soll es werden, mit einem Campus und Partnerhochschulen in aller Welt vielleicht sogar am Schlossplatz, vielleicht aber auch in Buch. Davon versprechen sich die Initiatoren, zu denen die Hertie-Stiftung und die Deutsche Bank, ThyssenKrupp und Bertelsmann gehören, dass eine Elite nachwächst: für Berlin und für Deutschland und für Europa. Für die Politik und für die Unternehmen und für die Wissenschaft.

Das sind andere Räumlichkeiten als zwei oder drei exklusive Clubs. Das sind Räume für diejenigen, die die Zukunft bewegen. Ob in Berlin oder anderswo, ist dann auch egal. Diese Leute fehlen überall. Zur Elite gehört, wer jederzeit wieder gehen kann. Und das auch tut. Ob er ein Wohnzimmer mit chinesischer Küche hat, ist dafür wahrscheinlich zweitrangig. Aber schaden tut es auch nicht.

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