Zeitung Heute : Einsamer Höhepunkt

AMPHITHEATER Das Hexenkessel Hoftheater verschärft Molières „Don Juan“ – und schickt den Weiberhelden auf die Suche nach dem ultimativen Orgasmus

PATRICK WILDERMANN

Ein Sommer der großen Gefühle steht dem Hexenkessel Hoftheater ins Haus. Um das größte Thema überhaupt geht es, um die Liebe, und zwar in all ihrem Facettenreichtum. „Wenn man es schaffen würde, alle drei Inszenierungen am Stück zu sehen, würden sich einem drei völlig verschiedene Welten eröffnen – und man würde sich von jeder gemeint fühlen“, verheißt Hexenkessel-Regisseur Jan Zimmermann. Männer wie Frauen beschäftige die Liebe ja nun mal ein Leben lang, und folglich ließe sich kaum ein besseres Sujet für den Hexenkessel denken, der ja pralles Volkstheater bieten wolle, das jeden anspricht.

Im ersten Fall geht es dabei um eine sehr handfeste Spielart der Liebe. Molières „Don Juan“ steht auf dem Programm, wie im Hoftheater gewohnt in eigener Fassung. Molière, findet Zimmermann, fabuliere zwar wunderschön im barocken Überschwange, „aber es wird am eigentlichen Thema permanent vorbeigeredet“. Im französischen Original bleibe es bei einer Theorie der Verführung, wohingegen der Regisseur lieber Tacheles redet: „Hand aufs Herz – Liebe macht man.“ Wie man Erotik theatral umsetze, ohne pornografisch zu werden, tja, das werde man dann sehen. Die Probenatmosphäre jedenfalls beschreibt er als ordentlich aufgeladen – freilich im künstlerischen Rahmen. Zimmermann begreift den Don Juan als wandelnde Provokation, „der unsere Eifersucht, unsere Selbstgenügsamkeit, kurzum unser Mittelmaß herausfordert“. Ein Egomane sei das, der es nicht nötig habe, sich mit uns zu verbrüdern, ein Casanova, der die Sucht nach der vollkommenen Liebe, der höchsten Ekstase, dem ultimativen tödlichen Orgasmus verkörpere, „dem wir Normalsterblichen längst entsagt haben“. Als Reizfigur rufe er dieses Verlangen wieder wach in uns, glaubt der Regisseur, die Frauen wollten von ihm verführt werden, was wiederum die Männer provoziere, die sich fragten: Was glotzt meine Frau so romantisch? „Wenn sich Paare während der Vorstellung verstohlen anschauen und dann stante pede ohne Barbesuch ins Bett eilen, wäre das ein gelungenes Ergebnis dieser Inszenierung“, lächelt er.

In denkbar großem Kontrast dazu steht die zweite Sommerinszenierung, die im schönen Amphitheater im Monbijoupark über die Open-Air-Bühne gehen wird. Shakespeares „Romeo und Julia“ hat Zimmermann sich vorgenommen, und da geht es ja um die heilige erste Liebe: „Auch etwas, das jeder erlebt und jeder verloren hat.“ Ja, das Thema ist bekannt. Das Stück ebenfalls. „Mir haben sogar schon Leute Szenen geschildert, die gar nicht drinstehen. So sehr hat ‚Romeo und Julia’ mit einem selbst zu tun, dass man denkt, die eigenen Erlebnisse fänden darin statt“, amüsiert er sich. Der Shakespeare-Klassiker beginnt in seinen Augen als aufgekratzte Komödie mit guten Chancen auf ein Happy End. Bis der harte Genreknick Richtung Tragödie folge. Der Clou von Zimmermanns Fassung: Der glückliche Ausgang wird dem Publikum sogar angeboten. Bloß werden die Zuschauer – wenn es so läuft, wie die Hexenkessel-Spieler sich das vorstellen – nach der Tragödie verlangen. Sie wollen die Julia sterben sehen, weil sie es so kennen.

Last but not least spielt ein weiteres Shakespeare-Stück mit Liebe und Lust: „Der Widerspenstigen Zähmung“, dieser rasante Geschlechter-Schlagabtausch, feiert Wiederaufnahme. „Kein Stück hatte jemals mehr mit unserer Produktions- und Lebensweise zu tun als dieses“, sagt Zimmermann, die eigene Liebe zum Theater werde darin gespiegelt. Es ist ein Hexenkessel-Evergreen. Und wenn man ihn fragt, woher die Hexenkessel-Kompanie in ihrer nunmehr 17. Saison die Energie schöpfe, unter weiß Gott nicht luxuriösen Bedingungen ungebrochene Spielfreude zu verströmen, schwärmt er vom Hoftheater-Publikum, von Jung und Alt, Leuten im Nerz und waschechten Punks, die immer wieder kämen und teils schon im Winter fragten, wann es denn endlich wieder losginge. Auch das ist also eine Liebesgeschichte. PATRICK WILDERMANN

„Don Juan“: 3.6.-11.9., Di-Sa, jeweils 19.30 Uhr. „Der Widerspenstigen Zähmung“: 20.6.-3.7., Di-Sa, 21.30 Uhr. „Romeo und Julia“: 12.7.-11.9., Di-Sa, 21.30 Uhr

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