Zeitung Heute : EINSATZ DES REKORDNATIONALSPIELERS MORGEN IST GUT MÖGLICH: Wenn Matthäus fleißig Punkte sammelt ...

KLAUS ROCCA

NIZZA .Vielleicht hatte er den Bundestrainer hinter der Bande, vor dem Schild "Sortie de Secours" (Notausgang), gesehen.Lothar Matthäus hatte jedenfalls genau da im Pressezelt von Nizza seinen Einsatz.Berti Vogts wisse ganz genau, wen er aufzustellen habe, er gehe auf den Gegner ein und durchdenke jede Variante mit Akribie.Wohl gesprochen.So sammelt man Punkte.Und sollte auch das noch nicht reichen, kann man ja noch ein wenig nachlegen.Der DFB, so Matthäus, habe alles glänzend organisiert, das Quartier, die Ausflüge, auch diese Pressekonferenz.Wenn das nicht reicht ...

Zu dem Zeitpunkt kannte Matthäus schon die "Variante 6 a".Die da besagt: Olaf Thon spielt morgen in Lens gegen die Jugoslawen im Mittelfeld, Matthäus auf dem Libero-Posten.Vom Bundestrainer höchstselbst ins Spiel gebracht, vielleicht als Finte, vielleicht auch mit ernsthaftem Hintergrund."Loddar" traute jedenfalls dem Frieden noch nicht."Es gibt auch eine Variante 5 b", wertet er ab.Bei der, so darf man vermuten, würde er sich nicht in der Mannschaft sehen.

Nun müßte die Variante 6 a für ihn schon verlockend sein.Dann würde der deutsche Rekord-Nationalspieler bei seiner fünften Weltmeisterschaft nämlich sein 22.WM-Spiel bestreiten, mehr als jeder andere auf der Erdkugel.Schnell winkt Matthäus ab.Hier gehe es nicht um einzelne Personen, auch nicht um Rekorde, sondern nur um den deutschen Fußball.Allein das Wohl der Mannschaft stehe im Vordergrund.Als ob es das nicht auch m i t Lothar Matthäus geben könnte.Doch wenn man schon auf der Altruismus-Welle reitet, dann gleich ganz.

Daß Vogts zuvor gesagt hatte, Matthäus sei im Antritt schneller als Thon, hintertrug man dem Münchner sicherheitshalber nicht.Er hätte, Typ selbstlose Bescheidenheit, sicher gleich abgewinkt.Wobei des Bundestrainers Wertung auch überrascht.Die Erinnerung an das Pokalfinale in Berlin, als Salou den Lothar beim Antritt gleich um Meter hinter sich ließ, ist noch frisch.Irgendwo, irgendwie müssen sich 37 Jahre doch bemerkbar machen.

Vor acht Jahren erzielte Matthäus in Mailand beim 4:1-Sieg in der Weltmeisterschafts-Vorrunde gleich zwei Tore, bot eine glänzende Partie.Der Gegner damals war - Jugoslawien.Nur noch Reminiszenz oder Empfehlung? "Es war", übt sich Matthäus ausnahmsweise mal nicht in berechnender Bescheidenheit, "vielleicht eines meiner besten Spiele." Um dann schnell nachzuschieben: "Aber das ist Schnee von gestern." So ist er eben, der Lothar.Und schließlich: "Berti Vogts hat mir bei meinem Comeback keinen Garantieschien für einen Stammplatz gegeben."

Nun harrt er also der Dinge, die da auf ihn zukommen.Freut sich derweil noch immer über die Sympathiebekundungen der deutschen Schlachtenbummler ("Als Bayern-Spieler hat man es schließlich nicht leicht") beim Auftaktspiel im Prinzenparkstadion, hat ganz einfach "Spaß, dabeizusein".Die Mannschaft habe "Qualität und Charakter", sei tüchtig und habe schon deshalb auch das nötige Glück verdient.Es kann ja nichts schaden, auch den Teamkameraden noch ein wenig Gutes zu spenden.Vielleicht zahlt sich das aus.Möglicherweise schon am Sonntag in Lens.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar