Zeitung Heute : Einsatz im Villenviertel Wie sich die Geiselnahme in der Botschaft Iraks abspielte

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Von Katja Füchsel

Ihren freien Tag hatte sie sich anders vorgestellt. Einmal richtig ausspannen, etwas Schreibtischarbeit erledigen. Da fielen draußen plötzlich Schüsse, „drei oder fünf, sehr laut“, sagt Anita Huber, die ihren wirklichen n nicht in der Zeitung lesen will. Jetzt sitzt die blonde Frau mit ihrem Irish Setter in einem Mannschaftswagen hinter den Absperrungen der Polizei. Den Schlüssel zu ihrer Villa hat ein Beamter kassiert. „Und die Leute vom Spezialeinsatzkommando sitzen bei mir in den Blumenbeeten.“

Sie alle hatten für den Dienstag vermutlich andere Pläne. Die 200 Polizisten, welche die irakische Botschaft nach der Geiselnahme über ganze Häuserblocks hinweg abschirmten. Die Männer vom SEK, die in VW-Bussen mit getönten Scheiben angerast kamen. Die Feuerwehrleute. Die Notärzte. Die Journalistenmenge. Und auch der Chef der Botschaft wurde von dem Übergriff offenbar völlig überrascht. „Sicherheitsleute habe ich vor dem Haus noch nie gesehen“, sagt ein Anwohner der Riemeisterstraße in Zehlendorf. Seine Nachbarin will das alles schon geahnt haben, als die irakische Botschaft Mitte Juli einzog. „So ein Zwischenfall wird ja wohl nicht der letzte sein“, sagt sie. „Müssen die unbedingt Botschaften in Wohnvierteln aufmachen? Wofür gibt es denn das Gelände am Tiergarten?“

Der Kontrast könnte in dem Berliner Nobelviertel am Nachmittag kaum größer sein. Vögel zwitschern in den Bäumen, die Sonne strahlt auf die Dächer der Villen. Den Straßenschildern hat der Pflanzenstaub einen schimmernden Anstrich verpasst. Doch heute gleicht die beschauliche Gegend einem Hochsicherheitstrakt. Die Polizisten tragen schusssichere Westen, vermummte Scharfschützen mit Maschinengewehren und schwarzen Helmen laufen über die Gehwege. Die Blaulichter der Notarztwagen blinken, daneben stehen Dutzende Mannschaftswagen und ein Räumpanzer der Polizei.

Nach den Schüssen reagierte Anwohnerin Anita Huber prompt. Nachdem die blonde Frau die Polizei angerufen hatte, lief sie über die Straße zur Botschaft. Davor traf sie einige Mitarbeiter, zwei Kinder und die Ehefrau des Gesandten, die verzweifelt versuchte, über eine Treppe in das Arbeitszimmer ihres Mannes im ersten Stock zu gelangen. Doch die Tür war von innen verschlossen. „Die Frau ist völlig ausgerastet: hat schreiend und weinend Steine gegen die Tür geworfen, Stühle, alles was sie in die Hände bekam.“ Vergeblich, die Tür blieb verschlossen, später führten Polizisten die Ausgeschlossenen davon.

Dreieinhalb Jahre sind seit dem Sturm auf das israelische Generalkonsulat vergangen. Auch damals fielen Schüsse. Vier Kurden, darunter ein 18-jähriges Mädchen, starben. Der Schock wirkt bis heute nach. Es dauert nur wenige Minuten bis die ersten Reporter am Tatort eintreffen. Wenig später sind es fast hundert, die vor den rot-weißen Absperrleinen in die Notizblöcke kritzeln und in ihre Handys sprechen. Die ganze Welt scheint sich in der Riemeisterstraße versammelt zu haben. Englisch ist zu hören, französisch, italienisch, arabisch, japanisch… Viel zu sehen gibt es allerdings nicht, die Botschaft liegt hunderte Meter hinter den Absperrungen.

Wie es gerade in der Botschaft aussieht, weiß auf den Gehwegen niemand. Alle halbe Stunde schaut ein Pressesprecher der Polizei vorbei, die Informationen wirft er wie Happen in eine hungrige Meute. „Gegen 14 Uhr 26 wurde von mehreren Personen gestürmt.“ Unter den Geiseln befinde sich auch der Gesandte. Fielen Schüsse? Sind die Geiselnehmer bewaffnet? Wie viele Täter sind es? Auf alle Fragen kommt dieselbe Antwort: „Das können wir nicht bestätigen.“

Andere Nachrichten der Polizei ändern sich mit dem Stand der Sonne. „Es wurde bereits persönlich Kontakt mit den Geiselnehmern aufgenommen“, erklärt der Pressesprecher gegen 17 Uhr. Eine halbe Stunde später sagt die Kollegin: „Bislang besteht kein Kontakt.“

Immerhin, eine gute Nachricht kommt rasch: Diesmal hat der Sturm auf die Botschaft keine Toten gefordert, auch keine Schwerverletzten. Ein Mitarbeiter musste zum Arzt, weil ihm die Täter Reizgas in die Augen gesprüht hatten. Eine Frau erlitt einen Schock. Die Schüsse seien vermutlich aus Schreckschuss- oder Reizgaswaffen abgefeuert worden. Derweil machen unter den Journalisten Gerüchte die Runde. Über die „Demokratische Irakische Opposition Deutschlands“, die sich erst kürzlich an der Humboldt-Universität gründete und in einem Bekennerschreiben zu der Geiselnahme bekannte. „Friedlich und zeitlich begrenzt“, solle die Aktion ablaufen, heißt es darin.

Am frühen Abend kommen Dutzende Schaulustige dazu. Als sich die SEK-Leute an die Botschaft heranschleichen, schlendern die Neugierigen von Kamerateam zu Kamerateam. Als die Polizei stürmt, freuen sie sich über die durstigen Presseleute. „Der Supermarkt hier um die Ecke macht heute das Geschäft seines Lebens!“ Als die fünf Geiselnehmer überwältigt werden, bekommt hier niemand etwas davon mit. Und die Erklärung der Polizei klingt anschließend auch eher unspektakulär: Die Geiselnahme wurde unblutig beendet, heißt es. Und: Die Polizei hat die Lage im Griff.

Der freie Tag von Anita Huber war da bereits futsch, dafür bekam die Zehlendorferin am Abend aber wieder ihre Hausschlüssel ausgehändigt. Ein Bild hatte sich der Frau da schon tief ins Gedächtnis eingeprägt. Die SEK-Leute, die nachmittags maskiert und bewaffnet an ihrer Haustür klingelten. Als die Beamten eintraten, hatte Frau Huber nur eine Frage: „Können Sie nicht mal die Dinger abnehmen?“

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