Zeitung Heute : Einsichten eines Globalisierers

Der Bundespräsident in Ghana und die Frage, wer für die Zukunft gewappnet ist: Afrika oder der Westen?

Axel Vornbäumen[Accra/Ghana]

Es sei gut, wenn man mit etwas, das jeder liebt, Brücken baue, sagt Anthony Baffoe. Baffoe ist in Bonn-Bad Godesberg geboren, und in seiner Heimat Ghana nennen sie ihn immer noch „Giant“. Weil er 1,91 Meter groß ist und weil er sich etwas getraut hat, das den Menschen noch nach mehr als zehn Jahren in Erinnerung ist: 1995 erklärte Baffoe mit einigem Aplomb seinen Rücktritt aus der ghanaischen Fußball-Nationalmannschaft. Er wollte, „dass sich endlich etwas bewegt“. Es war gleichsam ein politischer Akt. Es ging Baffoe darum, dass nicht auf ewig Minister und andere fachfremde Dilettanten nach eigenem Gutdünken die Landesauswahl aufstellten. Man könnte sagen: Baffoe hat sich seinerzeit für neues Denken stark gemacht; für den Bruch mit unseligen Traditionen.

Nun hat Bundespräsident Horst Köhler den ehemaligen Fußballprofi Anthony Baffoe in seiner Delegation auf seinen Vier-Tages-Trip nach Ghana mitgenommen. Anlass der Reise ist das zweite Afrika-Forum, ein Treffen afrikanischer und europäischer Führungskräfte aus Politik, Wirtschaft und Kultur. Der Fußball bietet Stoff für ein paar Anekdoten und Unterhaltung zwischendurch, Ghanas Staatspräsident Agyekum Kufour verfolgt den Sport mit großem Interesse. Auch das hat Baffoe gemeint, als er von Brücken sprach.

Dass diese Geschichte nicht ohne Fußball auskommt, hat aber noch einen anderen Grund: Auf der Fahrt durch Accra, der ghanaischen Hauptstadt, zum Amtssitz des Präsidenten nämlich ist Köhler an der Baustelle eines riesigen Fußballstadions vorbeigekommen, dass bis zur Afrika-Meisterschaft im nächsten Jahr fertiggestellt sein muss. Es gibt noch viel zu tun, die Baustelle ist mit Stacheldraht eingezäunt – und dass Kufour so zuversichtlich ist, dass alles rechtzeitig fertig wird, hat auch mit der Moderne zu tun, auf die Horst Köhler auf seinen Reisen durch Afrika immer wieder stößt. Besagtes Stadion zum Beispiel bauen die Chinesen. Sie sichern die Finanzierung und stellen die Bauarbeiter. Die Baustelle ist eine fernöstliche Enklave mitten in Westafrika, und als Köhler sich dann doch ein wenig irritiert zeigt von diesem Komplettpaket, sagt Kufour nur: You have to wake up. Europa, der Westen insgesamt, müsse endlich aufwachen.

Eigentlich findet er das ja auch, der Bundespräsident, dem vieles zu langsam vorangeht, daheim sowieso, aber auch in den Beziehungen mit Afrika. Er, der die Zeichen einer sich rasend schnell verändernden Welt aufnimmt; er, der Sorge hat, ob der Staat, an dessen Spitze er steht, ausreichend gewappnet ist für diesen Wettlauf. Er, der langsam die Früchte seines Afrika-Engagements reifen sieht, nachdem dies in der Heimat geraume Zeit für eine etwas seltsame Spielwiese gehalten wurde, auf der sich das Staatsoberhaupt tummele – mutmaßlich, um das ihm zugeschriebene neoliberale Profil etwas zu verwischen.

Nur, so ist es ja nicht. Köhler, der Modernisierer, ist eben auch getrieben vom christlichen Menschenbild, Nächstenliebe ist ihm wichtig, Vernunft, Ethik, Aufklärung. Und dass dies alles in einer sich vernetzenden Welt nicht miteinander in Einklang gebracht werden könnte, das will er nicht einsehen. Partout nicht. Deutschlands Staatsoberhaupt wäre gern Deutschlands oberster Globalisierer. Unermüdlich sucht er nach Konzepten, will neue Wege gehen, will experimentieren.

Im zweiten Afrika-Forum, das Köhler gemeinsam mit Kufour in Accra ausrichtet, hat der Bundespräsident so genannte „Young leaders“, junge Führungskräfte aus 18 afrikanischen Staaten und Deutschland zusammengebracht mit afrikanischen Staatschefs. Der Präsident der Afrikanischen Union, Konaré, ist dabei, die Präsidentin Liberias, Johnson-Sirleaf, der Präsident Benins, Bono Yayi, Präsident Obasanjo aus Nigeria und Präsident Mogae aus Botswana. Hoffnungsträger allesamt, zumindest bei entsprechend großzügiger Auslegung westlich-demokratischer Maßstäbe. Horst Köhler will da nicht unkritisch sein, im Gegenteil, zum experimentellen Charakter der Veranstaltung gehört ausdrücklich, dass die jungen Leute keine falsche Scheu vor Autoritäten haben sollen. Köhler wünscht sich, dass er und seine Kollegen Präsidenten „gegrillt“ werden: ein forscher Dialog über die Generationsgrenzen hinweg soll entstehen. Gut für alle soll das sein, nicht nur für Afrika.

Am Ende des ersten Tages trifft Köhler Nigerias Präsident Obasanjo, der strahlend aus seiner Arbeitsgruppe „Umwelt“ kommt und pflichtgemäß vermeldet: „Horst, wir haben ganz offen diskutiert, das hätte Dir bestimmt gefallen.“ Kleine Schritte. Köhler strahlt seinerseits. Dass Nigerias Präsident nicht zu erwähnen vergaß, dass in Sachen Korruption die westlichen Staaten auch mal vor ihrem eigenen Haus kehren sollten, hält Köhler da nicht für tragisch. So etwas verbucht er unter der von ihm gewünschten Form der Augenhöhe. Gegenseitiges Verständnis, gegenseitige Kritik – besser, sagt Köhler, als die von den USA praktizierte Devise „one size fits all“, die Welt über einen, den westlichen Kamm geschoren.

Im gekühlten, schmucklosen Konferenzsaal des 2004 eröffneten Kofi-Annan-Centre in Accra präsentiert der Bundespräsident deshalb sein Glaubensbekenntnis: „Für die Jugendlichen von heute“, sagt er, „wird es immer weniger nationale und immer mehr Weltinnenpolitik geben.“ Davon ist Köhler überzeugt, so sehr wie er davon überzeugt ist, dass Europa den Luxus gehabt habe, seine Modernisierung durchführen zu können, „ohne mit anderen Gesellschaften konkurrieren zu müssen“. Nur redet Köhler hier vom Zeitalter der Aufklärung, tempi passati!

Und nun laufen die Wellen der Veränderungen über die Kontinente hinweg, und der Bundespräsident weiß nicht so recht, wie viel Zeit dem Westen noch bleiben wird, sich zu wappnen gegen die Gesellschaften in Asien und Afrika mit ihrem explodierenden Bevölkerungswachstum. Mit ihrer zunehmend sich abzeichnenden aggressiven Wirtschaftspolitik. Mit ihrer Vernetzung untereinander. Es ist eine Aggressivität, die Köhler, der Ökonom, für legitim hält. Ein neues Selbstbewusstsein spürt er da, das er niemandem verdenken will, Afrika nicht und China auch nicht, das für 1,5 Milliarden Menschen Sorge zu tragen hat. Andere Dimensionen sind das.

Im Kofi-Annan-Centre spricht Köhler vom „Hunger nach Gerechtigkeit“ und wie schön er es finde, dass dieser Hunger insbesondere bei der Jugend ausgeprägt sei. Dass man gegen die Hoffnungslosigkeit der Jugend nichts tun könne, wolle er sich nicht einreden lassen.

Nur sieht der Bundespräsident, dass es langsam Zeit wird, sich auf eine gemeinsame Definition von Gerechtigkeit zu verständigen. Mahner prophezeien, der Westen werde in gut 40 Jahren nur noch 12 Prozent der Weltbevölkerung stellen – und könnte mit seinen Definitionen ins Hintertreffen geraten. Für Köhler ist das kein Hirngespinst kulturpessimistischer Apokalyptiker. Er macht sich derzeit so seine Gedanken darüber, ob die Anpassungsfähigkeit der Afrikaner nicht schon sehr bald eine der Tugenden sein wird, die sie fit machen wird für den globalen Wettlauf. Er ist da noch nicht schlüssig.

Zeit also, von Afrika zu lernen?

In Kumasi, eine knappe Flugstunde nordwestlich von Accra gelegen, nimmt Köhler am zweiten Tag seines Ghana-Besuchs an einem farbenprächtigen Hofzeremoniell des Asantehene teil, König Tutu II. Auch für den mit landestypischen Vorführungen vertrauten Bundespräsidenten ist das ein beeindruckend würdevoller Ausflug in das Reich praktizierter Tradition. Auch wenn es mit der Zeit doch empfindlich heiß wird unter ghanaischer Sonne. Der König ist eine imposante Erscheinung, in der deutschen Delegation ist man angetan. Und beim gemeinsamen Mittagessen stellt sich heraus, wie wenig die Bilder in den Köpfen derer, die sich modern wähnen, manchmal der Realität entsprechen. Beim Mittagessen jedenfalls fragt ausgerechnet die grüne Afrikaspezialistin Uschi Eid ihren Tischnachbarn, ob die Frau, die neben König Tutu II sitze, eine von dessen Frauen sei. Der Tischnachbar ist irritiert: „Nein, es ist nicht eine von seinen Frauen, es ist seine Frau“.

Der König hat in Oxford studiert, hat viel vom Westen gelernt und hat doch ein afrikanisches Wertefundament. Der Bundespräsident tauscht sich mit ihm über den Unterschied zwischen „Macht und Einfluss“ aus. Ein für Deutschlands ersten Mann interessantes Thema, in diesen Zeiten zumal. Zuvor hatte Köhler in einer kleinen Rede noch eine kurze Passage über den Stellenwert der Frau in der modernen Gesellschaft gehabt, aber da war es ruhig geblieben im Auditorium. In der deutschen Delegation erklärte man sich die Stille damit, dass sich die Frauen wohl noch nicht getraut hätten in Gegenwart des Königs zu applaudieren.

Es gibt also noch einige Unebenheiten im Verhältnis zwischen Tradition und Moderne. Horst Köhler will das in naher Zukunft zu einem weiteren Thema eines Afrika-Forums machen. Er hat da in der Heimat schon weitere Defizite ausgemacht, und zwar in beiden Kategorien.

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