Zeitung Heute : Einstein als Nachhilfelehrer für Mathematik

SUSANNE KIPPENBERGER

Wie heimlich aufgenommene Farbfilme einer jüdischen Amateurin aus dem Berlin der 30er Jahre zu den Filmfestspielen in die Stadt zurückkehrtenVON SUSANNE KIPPENBERGERDavon hatte Lisa Lewenz als Kind immer geträumt: Für eine Zeitreise in die Vergangenheit hätte sie alles gegeben.Und nun stand sie Unter den Linden, vor dem einen Auge den Boulevard, wie er in der 30er Jahren aussah, vollgehängt mit gigantischen rot-weißen Hakenkreuzfahnen, vor dem anderen Auge die Straße, wie sie sich heute gibt, harmlos und geschäftig.Ausgestattet mit Kamera und Monitor, konnte die junge Amerikanerin gleichzeitig die Szenen angucken, die ihre jüdische Großmutter trotz Filmverbots aufgenommen hatte - und filmen, wie Berlin heute an derselben Stelle aussieht.Ein merkwürdiges Gefühl, wie die 43jährige bekennt: "An einem Ort zu sein, der weder jetzt noch damals ist, wie in einer virtuellen Wirklichkeit." Aus der Konfrontation von Vergangenheit und Gegenwart hat die Künstlerin einen Film gemacht, der auf der Berlinale zu sehen ist: "A Letter Without Words". Ella Arnhold Lewenz, Mutter von sechs Kindern, eine starke, starrköpfige, moderne Frau aus großbürgerlichem Hause, hat, erzählt ihre Enkelin Lisa, gemacht, was sie wollte.Sie wollte Filme machen, also hat sie Filme gemacht, hat das Leben in der Stadt dokumentiert.Eine kleine Sensation ist das, was Lisa Lewenz auf dem Dachboden der Familie gefunden hat: Mehr als acht Stunden 16-Millimeter-Material aus den 20er, 30er und 40er Jahren, die da vor sich hin schimmelten.Auch wenn es keine Kunstwerke sind - Farb-Aufnahmen aus dem Berlin jener Zeit sind eine echte Rarität.Und eine Jüdin, die die gelben Bänke filmte, auf denen sie im Park zu sitzen hatte, und die Schilder, die sie aus Kladow vertreiben wollten, das hat es vielleicht kein zweitesmal gegeben. Ella liebte Farben.Wie Einsteins Haare zu Berge standen - das, notierte die Berlinerin, die nach Amerika floh, machte sich in bunt doch erst richtig prächtig! An Einstein erinnert Ellas Tochter Dorothea sich besonders gern.Der nette Freund der Familie half der heute 79jährigen sogar bei den Mathehausaufgaben; Gerhart Hauptmann machte sich bei den Kindern weniger beliebt. Auch Dorothea ist zur Berlinale mitgekommen (wo "A Letter without Words" heute noch einmal um 22 Uhr 30 im Arsenal und morgen um 20 Uhr 15 in der Akademie der Künste gezeigt wird).In vielen munteren Szenen sieht man da die Familie im großen Garten, beim Kaffeetrinken, beim Herumtoben und Albern.Immer wieder rückt dabei auch eine Skulptur von Georg Kolbe ins Bild, einem Freund der Familie.Für 30 Mark, erinnert Dorothea Lewenz sich, haben die Nazis die Skulptur "als Gips verhökert"; irgendwie ist sie nach Polen gelangt und jetzt plötzlich wieder in Berlin aufgetaucht: zur großen Ausstellung des Bildhauers im Kolbe-Museum.Dorothea, die in Amerika Psychotherapeutin wurde, war auch bei Lisas erster Berlin-Reise dabei, hat die Großnichte zum Standesamt von Charlottenburg geführt.Denn in dem denkmalgeschützten Haus, Alt-Lietzow 28, hat einst die Familie Lewenz gewohnt.Dorothea wußte noch genau, wo der Weihnachtsbaum immer stand, auf den die jüdische Familie nicht verzichten wollte.Lisa mochte ihren Augen nicht trauen, als sie das erstemal vor der Villa Kogge stand."Da habe ich was erfahren, über meine Familie, was ich bis dahin nicht wußte." Aus so großbürgerlicher Familie sollte sie, das Mädchen aus Baltimore, kommen? Ihr Vater hatte ihr nie davon erzählt, hatte nie Deutsch mit ihr gesprochen, hatte ihr sogar die jüdische Herkunft verschwiegen.Erst als Lisa die Spuren der Großmutter aufnahm, 1993 mit einem Fulbright-Stipendiatin ein Jahr in der Stadt verbrachte, fing sie an, die fremde Sprache zu erlernen.Alte Berliner halfen ihr, die Aufnahmen zu entziffern, Straßen und Häuser zu identifizieren.Aber auch das reichte noch nicht, die "Briefe ohne Worte" zu verstehen.Erst eine taube Lippenleserin konnte ihr sagen, was die Menschen in den stummen Filmen sagten."Loosing your tongue" heißt der nächste Film, den Lisa Lewenz machen will aus Ellas Material.Für Lisa Lewenz, die neun Monate nach dem Tod der Großmutter geboren wurde, geht die Reise weiter.Dorothea glaubt nicht, daß sie noch mal nach Berlin zurückkehren wird.Ihre Aufgabe, die Hilfe bei der Spurensuche, hält sie für erfüllt: "Man muß wissen, wo man herkommt."

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