Einstige Bestseller-Autorin : Vicki und die schwachen Männer

Sie wurde als neue Frau gefeiert. Ihre Bücher gingen um die Welt, dann reiste sie ihnen nach. Zu ihrem Glück: So ließ Vicki Baum die Nazis hinter sich.

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Vicki Baum auf dem Weg nach Hollywood.
Vicki Baum auf dem Weg nach Hollywood.Foto: Ullstein

Zuweilen wird die Macht der Presse überschätzt. Jene bösen Zeilen zum Beispiel, die ein amerikanischer Beobachter über Vicki Baum schrieb, sie hätten doch das Aus bedeuten können: Eine typische deutsche Hausfrau, hieß es da nämlich nach ihrem ersten New Yorker Presseempfang in den Gesellschaftsspalten der Abendblätter, „farblos, mit großen Füßen und Schuhen mit flachen Absätzen.“ Wer hätte ihr da verübeln wollen, wenn sie gleich wieder zurück nach Berlin gefahren wäre? Denn dort war Vicki Baum keine Hausfrau, sondern die erfolgreichste Autorin ihrer Zeit.

Sie blieb in Amerika. Und begab sich in die Hände von Elizabeth Arden, „die mich prompt in eine augenbrauenlose Platinblonde verwandelte“, ihr befahl „täglich fünf Mahlzeiten auszulassen“, wie sich Baum in ihrer Autobiografie erinnert. Es war nicht ihre erste Verwandlung. Und eine gute Entscheidung war es auch.

Nur ein Jahr später, 1932, triumphierte ihr Roman „Menschen im Hotel“ auch in Hollywood. Die Geschichte um eine Gruppe vom Scheitern bedrohter Existenzen, deren Wege sich zufällig in einem Berliner Luxushotel kreuzen, wurde dort verfilmt und mit dem Oscar ausgezeichnet. Ein weiteres Jahr später übernahmen in der alten Heimat die Nazis die Macht, und es dauerte nicht lange, da galten ihre Bücher in Deutschland als „jüdischer Schund“ und wurden verbrannt. Sie aber war in Sicherheit und wurde ein noch größerer Star, als sie es ohnehin schon gewesen war. Heute hingegen ist ihr Name nur noch wenigen bekannt. Was man durchaus bedauern kann – selbst, wenn man ihre Neigung zum Kitsch nicht teilt, wie Sten Nadolny einmal über sie schrieb, denn „langweilig war sie nie“, wie er hinzufügte. Und das gilt erst recht für ihr Leben.

Als Vicki Baum vor 125 Jahren, am 27. Januar 1888, in Wien geboren wird, da hat sie eigentlich nur eine realistische Karrierechance: eine gute Partie zu werden, wie man damals sagt. Sie kommt aus begütertem bürgerlichen Haus und lernt Harfe spielen. Mehr ist für eine Frau des 19. Jahrhunderts nicht vorgesehen.

Nicole Nottelmann, Autorin einer kenntnisreichen Biografie über Vicki Baum, beschreibt deren Elternhaus als Ehehölle, in der zwei unverträgliche Charaktere durch Konvention aneinandergekettet sind – damals keineswegs ungewöhnlich. Liebe ist nicht vorgesehen, Sexualität gottgewollte Ehepflicht. Die Mutter leidet, erst psychisch, dann physisch, stirbt früh an Krebs. Ihren Vater schildert Vicki Baum selbst als Hypochonder, der hadert, keinen Sohn zu haben. Die kleine Vicki immerhin findet mit der Harfe ihren Platz in einem ansonsten männlichen Orchester.

Aus diesem Elternhaus gibt es zu ihrer Zeit nur einen Weg. Vicki muss einen Mann finden. Den sucht sie sich selbst: Max Prels, ein Journalist, der unter Schreibhemmungen leidet, auch ansonsten kein besonders stabiler Charakter zu sein scheint. Es ist schwer nachzuvollziehen, welchen Anteil sie an seinem schriftstellerischen Werk hat. Folgt man Vicki, stammt das meiste aus ihrer Hand.

Unter ihrem eigenen Namen beteiligt sie sich an einem Schreibwettbewerb in München und gewinnt den ersten Preis. In der Jury sitzen Thomas Mann und Ludwig Thoma. Ein Jahr später sind Max und die inzwischen 22-jährige Vicki geschieden. Von nun an schauen im katholischen Österreich selbst die freigeistigen Kaffeehausfreunde auf sie herab, wie Biografin Nottelmann schreibt.

Die Harfe verbindet sie mit ihrem zweiten Mann, bei dem sie ihr Leben lang bleiben wird– auch wenn man die Beziehung nicht immer eng nennen kann. Vicki wird fremdgehen und zuweilen eine Fernehe führen. Doch noch ist es nicht so weit, 1913 folgt sie ihrem Mann, dem Kapellmeister und Dirigenten Richard Lert, kreuz und quer durch Deutschland, wo immer er ein Engagement findet.

Der Erste Weltkrieg fegt nicht nur drei Kaiser weg, in Wien, Berlin und Petersburg. Vor allem in den Ländern, die diesen Krieg verloren haben, steht das Alte infrage. Erstmals zeichnet sich so etwas wie ein neues Rollenverständnis ab: Die „neue Frau“, wie sie in der Weimarer Republik genannt wird, ist berufstätig und will ihr eigenes Leben führen. Zwar handelt es sich um ein Phänomen vornehmlich aus Künstler- und Akademikerkreisen, aber es stößt auf breiteres Interesse.

Denn die „neuen Frauen“ werden zu bewunderten Idolen für Millionen Telefonistinnen, Stenotypistinnen, Sekretärinnen. Illustrierte, wie es sie in den 1920er Jahren erstmals gibt, zeigen auf Fotostrecken Frauen, die tanzen, Sport treiben, sogar Flugzeuge steuern. Und in der Werbung daneben rauchen sie sogar Zigaretten. Die meisten Zeitungen kommen dabei aus Berlin, allein 100 Blätter täglich, noch nicht gerechnet die Illustrierten.

Vicki Baum hat derweil zwei Kinder geboren, ist in Mannheim gelandet und dort unglücklich. Ihr Mann Richard will nicht mehr Strauss inszenieren, sondern Schönberg, Freunde macht er sich beim konservativen Opernpublikum damit nicht, er muss sogar um seinen Job fürchten. Vicki Baum hat ihrerseits bereits mehrere Romane veröffentlicht, der Ullstein-Verlag aus Berlin ist daran interessiert, sie exklusiv zu vermarkten.

Den endgültigen Durchbruch verdankt Vicki Baum wahrscheinlich ihrem Roman „Stud. chem. Helene Willfüer“, auch wenn Ullstein zunächst zögert, das Manuskript als Fortsetzungsgeschichte in seinen Blättern abzudrucken. Denn die Romanheldin ist nicht nur Studentin der Naturwissenschaften – ungewöhnlich genug – sie wird auch noch ungewollt schwanger, denkt an Abtreibung, während sich der Kindsvater seinen Pflichten durch Selbstmord entzieht. Schließlich ist die alleinerziehende, berufstätige Mutter als Erfinderin erfolgreich und heiratet auch noch ihren Professor. Natürlich wird Ullstein die Geschichte bringen, das Buch spiegelt derart den Zeitgeist, dass der Verlag gar nicht anders kann.

Vicki Baum zieht nach Berlin, lässt Mann und Kinder vorerst in Mannheim zurück – am Ende sind es zwei Jahre – und bindet sich an Ullstein, ein für beide Seiten einträgliches Geschäft. Ihre Romane werden in den Blättern des Hauses rezensiert, veröffentlicht, beworben, sie selbst wird eine bekannte Figur. Sie lebt die neue Frau vor, von der jetzt alle reden, ist berufstätig, schreibt in den Ullstein-Blättern über Mode und Lifestyle.

Wobei, zunächst werden ihre Artikel in „Die Dame“ mit Fotos bekannter Schauspielerinnen illustriert. Denn Vicki Baum sieht nicht ganz so mondän aus, wie ihre Leserinnen vielleicht glauben mögen. Sie selbst ist zeitlebens mit ihrem eher gedrungenen Körper unzufrieden, arbeitet aber entschlossen an ihrem Typ, bis er der Mode entspricht. Und, auch darin ganz vorn, sie treibt eifrig Sport. Ein Reporterkollege erinnert sich, wie er Vicki in ihrem Büro im Trainingsanzug antrifft, in einer Zeit, in der immer noch viele Frauen es nicht einmal wagen, den Hut abzunehmen. Sie hingegen nutzt als einzige Kollegin das Fitnessstudio, das der Verlag eingerichtet hat. Regelmäßig geht sie in die Ansbacher Straße, wo der türkische Boxer Sabri Mahir in den 20er Jahren ein Studio unterhält, in dem sich Prominente gern zeigen.

Als 1929 ihr wohl bekanntester Roman „Menschen im Hotel“ erscheint, ist sie die Auflagenkönigin unter allen Schriftstellerinnen der Weimarer Republik. Fortan wird sie es sein, die den größten Teil zum familiären Lebensunterhalt beiträgt. Doch obwohl sie ganz oben zu sein scheint, gibt es erste Anzeichen für kommende Probleme.

Bei der Literaturkritik ist Vicki Baum schon vorher nicht besonders angesehen. Zu kalkuliert scheinen ihre Romane, zu nah am Massengeschmack, zu trivial. Alfred Kerr, vor 1933 Großmeister der Zunft, bezeichnet ihren Hotelroman gar als Kitsch. Die Katholiken wiederum verübeln ihr die alleinerziehende Studentin aus dem Helene-Willfüer-Buch, die Kommunisten fordern in der „Roten Fahne“ ihre Leser auf, sie sollten „diesen Dreck in die Ecke feuern“, weil sie die Massen von ihrem revolutionären Kampf abhalte. Und der Nazi-Propagandist Hans Hauptmann schreibt, „die seichten, amoralischen Sensationsromane der Jüdin Vicki Baum-Levy“ trügen zur „systematischen Vernichtung der arischen Kulturgüter“ bei. In den Straßen Berlins sieht man derweil immer mehr Arbeitslose betteln. Mit der Weltwirtschaftskrise von 1929 scheint auch die Zeit der „neuen Frau“ schon wieder vorbei.

Vicki Baum, die sich immer als eine „erstklassige Schriftstellerin zweiter Güte“ bezeichnet, teilt freilich selber aus. In der Literaturbeilage der „Dame“ nennt sie Franz Kafka die „meistüberschätzte kleine Prager Kaffeehauspflanze“, bei Marcel Proust sieht sie „das müde Blut einer Generation, die alles weiß und gar nichts tut.“ Doch möglich, dass Vicki Baum mit ihrem feinen Gespür für den Zeitgeschmack schon ahnt, dass ihre Kurve knicken könnte.

Als sie 1931 von ihrem dortigen Verleger nach New York eingeladen wird, ist die Bühnenfassung von „Menschen im Hotel“ am Broadway bereits ein Hit. Und die englische Ausgabe ihres Romans kommt bei Kritik und Publikum gleichermaßen gut an, im März 1931 steht er in „Publishers Weekly“ auf Platz eins der Bestseller-Liste. Natürlich zeigen sie ihr das Empire State Building, die Eröffnung des höchsten Hauses der Welt steht kurz bevor, Vicki ist beeindruckt, auch von den vielen gut gekleideten Menschen – trotz Weltwirtschaftskrise scheint hier jeder ein Auto zu haben. Zwei Wochen will sie bleiben, sieben Monate werden es. Am Ende geht sie nur zurück, um bei Ullstein zu kündigen und die Familie zu holen.

Auch in den USA funktionieren ihre Romane, zumal ihre bevorzugten Schauplätze – Hotels, Kaufhäuser, Schiffe, Flugzeuge – an keine Nation gebunden, sondern mythisch-moderne Orte der Weltläufigkeit sind, wie die Vicki-Baum-Kennerin Andrea Capovilla schreibt. Zwar ist sie in Hollywood als Drehbuchautorin weniger erfolgreich, als nach ihrem ersten Auftritt zu vermuten gewesen wäre. Doch drei Jahre dort machen sie so vermögend, dass sie sich ein Jet-Set-Leben leisten kann. Zweimal bereist sie Südostasien, wo man „Menschen im Hotel“ inzwischen auch kennt. Der Reporter Egon Erwin Kisch, ungefähr zur gleichen Zeit in Australien, konstatiert, man halte die Baum dort für die größte deutsche Dichterin. Schon beklagen sich vor den Nazis geflohene Autoren wie Arnold Zweig, der Exilverlag Querido möge Vicki Baum aus dem Programm nehmen, weil sie dem Ansehen der deutschen Literatur schade. Der Verleger verteidigt sich, er müsse schließlich auch Geld verdienen. Tatsächlich wird sie eine Reihe deutscher Emigranten von ihrem Haus in Los Angeles aus unterstützen.

Ein halbes Jahr verbringt Vicki Baum auf Bali im Haus von Walter Spies. Der deutsche Künstler lebt seit 1923 in Indonesien, eine schillernde Figur, der auf Bali ein Zentrum zur Bewahrung der einheimischen Kultur gegründet hat, Künstler und Intellektuelle aus aller Welt anzieht. Zurück in den USA schreibt sie „Liebe und Tod auf Bali“, ihr vielleicht am besten recherchierter Roman. Die Geschichte eines indonesischen Reisbauern ist so etwas wie eine Würdigung der untergegangenen balinesischen Kultur.

Das Buch ist bis heute beinahe noch Pflichtlektüre für Bali-Reisende, gehört zu den wenigen ihrer Titel, die immer wieder neu erscheinen. Gleiches gilt für „Menschen im Hotel“. Und zum 125. Geburtstag der Autorin hat die Berliner Edition Ebersbach „Rendezvous in Paris“ neu aufgelegt.

Vicki Baum bekennt sich in den USA vollkommen zu ihrer neuen Heimat. Sie unterstützt den Kampf gegen Hitler. Und ab 1940 schreibt sie nur noch auf Englisch. Bis zu ihrem Tod – 1960 stirbt sie an Leukämie – bringt sie es auf ein Lebenswerk von rund 40 Titeln. Schließlich muss sie die Familie ernähren, wie sie sagt. Was nicht wirklich stimmt, ihr Mann ist in den USA als Orchesterleiter ebenfalls erfolgreich.

Trotzdem hat sie nach dem Krieg Heimweh nach Europa, bereist den Kontinent mehrfach. Nur Deutschland betritt sie nie wieder, obwohl drei ihrer Bücher dort in den 50er Jahren verfilmt werden. Ihre Zurückhaltung rührt wohl nicht daher, dass sie die Deutschen nach Hitler hassen gelernt hat. Da ist ihr Urteil differenziert. Es ist eher die Angst, in dem zerstörten Land nicht mehr viel von dem vorzufinden, was sie einst gekannt und geschätzt hat.

Im Literaturhaus Berlin, Fasanenstraße 23, findet am 27. 1. um 11.30 Uhr eine Matinee zu Vicki Baum statt, mit einem Vortrag von Nicole Nottelmann

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