Zeitung Heute : Eis und heiß

Die Erde wird immer wärmer – mit dramatischen Folgen

Kleine Eiszeit: Das klingt für Tourismusmanager in den Alpen wie Musik. Dabei dürften die meisten Europäer die Nachricht, dass der Golfstrom und damit die atlantische Wärmepumpe für den Kontinent im Vergleich zu 1957 um 30 Prozent schwächer geworden sei, eher mit einem Frösteln aufgenommen haben. Doch die Aussicht, dass der globale Klimawandel ihnen womöglich eine „kleine Eiszeit“ bescheren könnte, hat die Skigebiete kurzzeitig elektrisiert. Schließlich sind gerade in den Alpen die Auswirkungen der globalen Erwärmung deutlich zu sehen. Die Gletscher schmelzen so schnell, dass selbst in höheren Alpenlagen der Schneetourismus in 100 Jahren nur noch eine ferne Erinnerung sein könnte.

Doch die Hoffnung, dass derselbe Klimawandel durch einen ganz anderen Effekt das Problem der Tourismusmanager lösen könnte, dürfte sich wohl nicht erfüllen. Zwar schwächt sich der Golfstrom tatsächlich ab. Durch das Schmelzen der Gletscher in der Arktis, etwa auf Grönland, gelangt mehr Süßwasser ins Nordmeer. Das kalte Wasser sinkt nicht mehr so leicht an den Meeresgrund, von wo es in Richtung Äquator drängt, sich in der Karibik aufwärmt und als warmer Golfstrom zurück nach Europa fließt. Um wie viel sich der Golfstrom abgeschwächt hat, ist in der Wissenschaft noch umstritten, weil es nur wenige Messungen gibt, und niemand weiß, wie genau sie sein können, sagt Andrey Ganopolski vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Doch wenn die Messung der britischen Forscher, die Anfang Dezember bekannt geworden ist, akkurat wäre, könnte der Golfstrom schon in den kommenden 20 bis 30 Jahren zusammenbrechen. Bisher hatten Klimaforscher angenommen, ein solcher Effekt könnte frühestens in 50 bis 100 Jahren eintreten. Aber dass der Zusammenbruch des Golfstroms den Gletschern in den Alpen helfen könnte, ist nicht zu erwarten. Denn tatsächlich beeinflusst die warme Meeresströmung vor allem das Wetter in Schottland, Schweden und Norwegen.

Dass „der Klimawandel in vollem Gang ist“, wie der Chef des UN-Umweltprogramms (Unep), Klaus Töpfer, immer wieder betont, daran gibt es allerdings kaum noch plausible Zweifel. Zwar gibt es noch immer eine kleine Minderheit von so genannten Klimaskeptikern, die lange mit amerikanischen Forschungsmitteln finanziert worden sind, doch inzwischen nimmt sie kaum mehr jemand ernst. Die große Mehrheit der seriösen Klimaforscher ist sich sicher, dass der von Menschen verursachte Ausstoß von Treibhausgasen wie Kohlendioxid (CO2) für die aktuelle Erderwärmung eine wesentliche Ursache darstellt. Das vergangene Jahrzehnt war das wärmste, seit es Temperaturaufzeichnungen gibt. Vor allem auf der Nordhalbkugel wird es rasch wärmer. Allein im vergangenen Jahrzehnt stieg die Durchschnittstemperatur hier um 0,4 Grad, ermittelten das britische Metereologische Amt und die Universität East Anglia. Der Grund ist vermutlich, dass die Landmasse im Norden größer ist als auf der Südhalbkugel. Land erwärmt sich schneller als Wasser. Doch im Norden ist auch die Temperatur der Ozeane deutlich gestiegen. So warm wie in diesem Jahr waren sie noch nie. 2005 war nach 1998 das zweitwärmste Jahr seit 1880.

Was der Klimawandel heute schon anrichtet, ist vor allem in der Arktis zu sehen. Die globale Durchschnittstemperatur ist seit dem Beginn der Industrialisierung um 0,7 Grad gestiegen. Eine Erhöhung um zwei Grad halten Wissenschaftler für gerade noch beherrschbar. Doch rund um den Nordpol ist die Durchschnittstemperatur bereits um drei bis vier Grad gestiegen. Im September 2005 „haben wir ein neues Rekord-Minimum an Eisbedeckung erlebt“, sagte Mark Serreze vom nationalen Schnee- und Eisdatenzentrum im Boulder, Colorado, dem britischen Sender BBC. Am 19. September betrug die Eisbedeckung gerade mal noch 5,45 Millionen Quadratkilometer, das sind 20 Prozent weniger als im Durchschnitt der Jahre 1978 bis 2000. Das Max- Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg erwartet deshalb, dass die Arktis bis 2100 im Sommer eisfrei sein wird. Mit dramatischen Folgen für die Inuit – und die Eisbären. Für Mensch und Tier wird die Jagd hier immer schwieriger werden.

Doch auch im Süden Afrikas sind die Folgen der Erderwärmung dramatisch. In Sambia, Malawi, Simbabwe und Teilen Mosambiks hat es seit 2002 keine richtigen Regenzeiten mehr gegeben. Seither liegen die Ernten dramatisch unter dem Bedarf. Deshalb ruft das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen seit 2002 jedes Jahr dazu auf, die notwendige Nahrungsmittelhilfe zu finanzieren – mit mäßigem Erfolg.

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