Zeitung Heute : Eiskalter Krieg

Russlands Armee lässt ihre Rekruten frieren. Der erste starb gerade, Wolodja, 19 Jahre.

Elke Windisch[Moskau]

Die Kunstblumen auf dem Kranz sind so weiß wie der Schnee. Flocken stieben in die offene Grube auf dem Friedhof von Malachowka. Hier kennt jeder jeden, in dem kleinen Dorf südöstlich von Moskau mit seinen 300 Einwohnern. Hier ist der Tod nie fremdes Leid, ist nie abstrakt. Wenn hier einer beerdigt wird, dann folgt dem Sarg, wer immer kann. Die alten Frauen sind oft dabei. Aber diesmal weinen sie auch. Sie weinen um Wolodja Beresin.

Wolodja war 19 Jahre alt, als er sterben musste, und er war beliebt. Er trank nicht, und den alten Frauen trug er oft die Einkaufstaschen. Er war ein fröhlicher Junge. Seit Sonntag ist er landesweit bekannt. Wolodja Beresin ist die tragische Figur in einem der größten Skandale Russlands der vergangenen Jahre. Ein Skandal, der sogar Präsident Putin veranlasste, im Staatsfernsehen die strengste Bestrafung der Schuldigen zu fordern. Ein Skandal ums Militär und darum, wie es Menschen behandelt. Mehr als 5000 Russen kommen pro Jahr beim Militär ums Leben – alles Unfälle, die auf Schlamperei zurückgehen oder auf schlechte Ausrüstung. Diesmal starb Wolodja Beresin. Und diesmal ermittelt die Militärstaatsanwaltschaft – gegen 22 Generäle inzwischen. Wegen fahrlässiger Tötung und lebensgefährlicher Körperverletzung in bisher über 60 Fällen.

Nadeschda Beresina, Wolodjas Mutter, streicht sich die blonden Haare unter das schwarzseidene Kopftuch. Sehr gerade und ganz still sitzt sie da, in ihrer guten Stube, nur die grauen Augen wandern ruhelos: von den zugezogenen Vorhängen zum schwarz umrandeten Foto auf dem Vertiko mit den Nippesfiguren. „Unser Wolodja“, sagt sie dann, „war doch so gesund. Einen Meter 87 groß und 90 Kilo schwer. Zwei 50-Kilo-Hanteln konnte er ohne Mühe stemmen.“ Wolodja hatte speziell für den Wehrdienst trainiert. Und die Musterungskommission hatte das im November mit der Einstufung in die Tauglichkeitskategorie Ia honoriert: bestens geeignet für den Dienst in Elite-Einheiten, bei den Grenztruppen zum Beispiel oder bei der Präsidentengarde. Das kommt nicht oft vor.

3. Dezember 2003. Es ist der Tag, an dem Wolodja Beresin beim Wehrkommando in der Kreisstadt Ljuberzy einrückt. Er trägt eine leichte, wattierte Windjacke und Turnschuhe. In Moskau sind es fünf Grad und in Südrussland zwischen elf und 15. Da, das denken die Jungs zu diesem Zeitpunkt noch, werden wir bald stationiert sein.

Dass es in Wirklichkeit nach Magadan im eiskalten Nordosten geht, erfahren Wolodja und die anderen erst am nächsten Morgen auf dem Militärflugplatz Tschkalowsk. Wegen Nebels verzögert sich der Start des Truppentransporters aber dann um fast 24 Stunden. Die Rekruten müssen also übernachten – in einem nicht mehr genutzten, ungeheizten Standort in der Nähe. Die Hälfte schläft auf dem Fußboden, der Rest auf Munitionskisten in der Waffenkammer.

Am nächsten Tag hebt die Maschine vom Typ IL-76 endlich ab. Aber schon in Nowosibirsk muss der schwere Vogel zum Auftanken zwischenlanden. Und wieder lässt man die Rekruten frieren. Mindestens sechs Stunden, andere Zeugen sprechen sogar von acht, stehen sie bei minus 20 Grad am Rand der Rollbahn und schlagen mit den Armen gegen den Körper; anders als ihre offiziellen Begleiter, die in dicken Winteruniformen stecken, tragen sie noch immer die Moskauer Zivilklamotten. Zu essen gibt es nichts, immer noch nicht, schon am Vortag waren keine Rationen verteilt worden. Wer noch etwas hat von seiner privaten Wegzehrung – Speck, Gurken und hart gewordenes Schwarzbrot – wickelt es jetzt aus. Wolodja, erzählt ein Zeuge später, habe mit ihm und anderen brüderlich geteilt.

Beim zweiten Auftanken in Komsomolsk am Amur ist es Nacht, und Väterchen Frost schlägt mit minus 30 Grad zu. Wieder bibbern sie draußen auf dem Flugfeld. Vier Stunden, die zur Ewigkeit werden.

Als die IL-76 am Morgen des 6. Dezember zur dritten Zwischenlandung den Militärflugplatz von Petropawlowsk auf der Pazifik-Halbinsel Kamtschatka ansteuert, muss die Besatzung per Funk Ambulanzen im Militärlazarett anfordern. Die fahren mit Blaulicht aufs Rollfeld: 20 Soldaten haben hohes Fieber. Doppelseitige Lungenentzündung.

Die Fieberfreien werden in Petropawlowsk in eine „Tante Anna“ verfrachtet, in einen ungeheizten Uralt-Transporter – und gleich nach der Ankunft müssen 40 weitere Rekruten in das Militärhospital von Magadan eingeliefert werden. Ebenfalls Lungenentzündung. Die anderen bekommen jetzt, zum ersten Mal seit drei Tagen, etwas zu essen. Dann lassen sie sich erschöpft auf die Feldbetten fallen – in einer Kaserne, in der die Raumtemperatur immerhin bei zwölf Grad liegt. Aber es ist zu spät: Immer mehr Rekruten werden krank. Und jetzt erwischt es auch Wolodja. Weil im Militärkrankenhaus keine Betten mehr frei sind, soll er in der Krankenstube der Kaserne kuriert werden. Mit Antibiotika, deren Verfallsdatum Mitte der 90er Jahre lag.

Fünf Wochen, nachdem Wolodja Beresin ausgerückt war, kehrt er heim. Es ist der 12. Januar 2004. Vor dem Holzhaus im Dorf Malachowka hält gegen Mittag ein olivgrüner Kleinlaster. Soldaten wuchten „Gruz 200“ von der Ladefläche. Gruz bedeutet Last. Die Zahl steht für deren Gewicht. 200 Kilo wiegen die normierten Zinksärge der Armee. Samt Inhalt. Samt Wolodja. Fünf Tage später steckt ein Brief von ihm im Kasten, abgestempelt in Magadan am 23. Dezember. Wolodja schwärmt von der Natur rund um seinen Dienstort, auch die Kameraden seien in Ordnung. „Sag Oma, sie soll sich keine Gedanken um mich machen.“ Der Brief sei nicht echt, meint Nadeschda, seine Mutter. „So gut und ausführlich geschrieben, das ist unmöglich von ihm.“ Er muss doch damals schon todkrank gewesen sein. „Mein Gott, und wir hatten nicht die leiseste Ahnung. Nicht einmal ein Vorgefühl.“

In Magadan ringen noch am 18. Januar 60 Soldaten mit dem Tod. Die Gesunden werden vereidigt. Nicht, wie üblich, draußen auf dem Exerzierplatz, sondern drinnen in einer Turnhalle. Seit Putins öffentlichem Wutausbruch scheint Vorsicht geboten. Und außerdem ist der Staatssender RTR live dabei. Mehrmals schwenkt die Kamera auf die weißblaurote russische Flagge.

Eine weißblaurote Schleife ziert auch den Kranz auf dem frisch geschaufelten Grab in Malachowka. Mit zitternden Händen zündet Nadeschda eine Kerze an. Es ist der neunte Tag nach Wolodjas Tod, nach orthodoxem Ritus muss der Pope dann die erste Messe für den Frieden seiner Seele lesen. Die zweite ist nach 40 Tagen fällig, die dritte nach einem Jahr. Wolodja wird dadurch nicht wieder lebendig. Aber vielleicht hat der liebe Gott dann ein besonders wachsames Auge auf Igor, Nadeschdas Jüngsten. Der wird im nächsten Herbst eingezogen.

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