EKD mit Käßmann : Fürs Widerständige

Die evangelische Kirche muss aufpassen, dass sie nicht in der Mitte aufgeht. Margot Käßmann darf nicht zur Marke "MK" werden, sich nicht dazu stilisieren. Denn dann würde es heißen, ach, die kennen wir schon. Da brauchen wir nicht mehr hinzuhören.

Claudia Keller

Jeder Mensch hat ein Talent und sollte das Beste daraus machen. Davon sind Christen überzeugt. Die evangelische        Kirche aber versteckte oft ihre Talente. So wie jener Diener, der von seinem Herrn Geld geschenkt bekam. Anstatt es zu investieren und zu mehren, vergrub er es. Er hatte Angst, dass am Ende alles weg ist. „Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen“, heißt es am Ende des Bibelgleichnisses.

Bischof Wolfgang Huber hat seiner Kirche als Ratsvorsitzender Ängstlichkeit und Kleinmut auszutreiben versucht. Das ist ihm, weiß Gott, gelungen. Margot Käßmann nun, Bischöfin der größten Landeskirche, ist wortgewandt, offen und populär und auch keine, die sich klein macht. Die Protestanten haben sie zur obersten Chefin bestimmt. Das war nicht selbstverständlich. Und es zeigt, dass die evangelische Kirche endlich verstanden hat, dass selbstbewusstes Auftreten attraktiver ist als ein demütig gebeugter Rücken. Sie hat eingesehen, dass man weiter kommt, wenn man seine Talente fördert und die besten Leute an die Spitze wählt – und nicht die Bequemsten.

Käßmann ist für viele in der Kirche unbequem, weil sie sich als Bischöfin hat scheiden lassen. Mit ihr wird die evangelische Kirche nicht linker und nicht rechter, sondern normaler. Sie rückt weiter in die Mitte der Gesellschaft – weiter hin zu den Menschen mit ihren krummen Lebensläufen, Sorgen und Unsicherheiten. „Wir wollen Antworten geben, wir wollen nicht verurteilen, nicht kategorisieren“, sagte Käßmann nach der Wahl. Das ist ein Weg, sich als Kirche in der säkularen Gesellschaft aufzustellen. Ein anderer ist, sich querzulegen und abzuschotten. Diesen Weg geht die katholische Kirche mit Papst Benedikt XVI.

Die katholische Kirche öffnet sich nicht der Vielfalt von Lebensformen, sondern den antimodernen, starren Denkmustern der Piusbrüder. Zu Beginn der Woche hat der Vatikan Gespräche mit der abtrünnigen ultraorthodoxen Gruppierung aufgenommen – „in herzlicher Atmosphäre“, wie es hieß. Sicher, vielen deutschen Bischöfen gefällt der Kurs nicht. Sie werden ihn trotzdem mitgehen müssen. Für Zweifel und Unsicherheit, für gescheiterte Eheleute und alleinerziehende Mütter, fürs Schräge und Krumme, das in jedem Leben vorkommt, ist immer weniger Raum in der römischen Kirche. Papst Benedikt XVI. verlangt die Unterordnung unter ein jahrtausendealtes Regelwerk. Wem das nicht passt, soll draußen bleiben. Manche, die der Kirche bislang fern standen, sind fasziniert von so viel Unerbittlichkeit, von dem Anderen, Fremden, Exotischen. Für sie gilt: Je weniger man versteht, umso mehr wird gefühlt.

Für die katholische Kirche besteht die Gefahr, sich auf diesem Weg bewusst oder unbewusst ins Abseits zu manövrieren, in die Nische. Die evangelische Kirche wiederum muss aufpassen, dass sie nicht in der Mitte aufgeht. Sie sollte sich das Gespür fürs Widerständige bewahren, fürs Querliegende, ja auch fürs Exotische des Evangeliums. Margot Käßmann darf nicht zur Marke „MK“ werden, sich nicht dazu stilisieren. Denn dann würde es heißen, ach, die kennen wir schon. Da brauchen wir nicht mehr hinzuhören. Dem Volk aufs Maul zu schauen, heißt nicht, ihm nach dem Mund zu reden. Margot Käßmann weiß das. Sie kennt ihren Luther. Trotzdem wird sie gute Berater brauchen. Talentiert zu sein, bedeutet auch, die eigenen Grenzen zu kennen, um dann über sich hinauszuwachsen.

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