Zeitung Heute : El Niño als Ausrede

CAROLINE FETSCHER

Die Tropenwälder von Borneo und Brasilien brennen.Koordinierte internationale Hilfe gibt es nicht.Die Schuld wird auf El Niño geschoben.Doch die Brände sind eine Folge des jahrelangen Raubbaus am RegenwaldVON CAROLINE FETSCHERAls Kuwait in Flammen stand, war westliche Hilfe nicht weit.Brandexperten wurden eingeflogen, Löschgerät bester Qualität geliefert, es fehlte nicht an Mann und Mark und Dollar.Jetzt brennen, seit Monaten, Gegenden am Äquatorgürtel, und diese Regionen der Erde scheinen in den Köpfen der Politiker nicht einmal zu existieren.Brennt es im Land Irgendwo? In den postkolonialen Provinzen einer globalisierten Welt? Auf alle Fälle flackern die Flammenwände weit weg vom Bewußtsein der Entscheidungsträger, als fernes Glimmen.Ostkalimantan auf Borneo, Roraima in Brasilien - was sind das schon für Landstriche, was gibt es dort zu holen? Kein Öl, keine elektronische High-Tech zum Billiglohn.Und wer wohnt da? Im Zweifelsfall Leute, die man "Ureinwohner" nennt.Außerdem Plantagenarbeiter, barfüßige Kleinbauern: Drittrangige "Dritte Welt?" Die Tropenfeuer haben Hunderttausende von Hektar Regenwald zerstört.Sie fackeln Dörfer ab und Weideland, Obstpflanzungen, Gemüsegärten, Rinderherden, und hinterlassen Wüsten verkohlter Viehkadaver und Baumstümpfe.Machtlos seien die Behörden, außer Kontrolle die Situation, hört man über beide Brandherde.Noch nie habe er feuchte, immergrüne Tropenwälder so brennen sehen, erklärte ein Greenpeace-Campaigner, der mit dem Helikopter über Borneo geflogen ist."Völlig unkoordiniert sind die Hilfsprogramme", klagt in London Sarah Tyack von der Organisation "Friends of the Earth".Seit August hat es in Roraima nicht geregnet, die Flammen fressen sich durch Savanne und Tropenwald, wie durch Sperrholzkisten.Zwar ist Brandrodung - slash and burn zum Urbarmachen von Wald - seit Beginn der Katastrophe verboten, aber niemand hält sich daran.17 000 Farmen, erklären verzweifelte Distriktgouverneure, könne man nicht bewachen.Flugzeuge und Helikopter zur Feuerbekämpfung gewährt Brasiliens Regierung nicht, mit Wassereimern und Reisigbesen kämpft die Bevölkerung in Borneo gegen die Flammen - nichts stoppt bisher die Brände. Das Wetterphänomen El Niño - spanisch: "das Kind" - sei Schuld am Desaster, erklären die Meteorologen."Das Kind" spielt mit Streichhölzern, die Erwachsenen dulden es? Brandstifter in den Tropen ist aber nicht allein das Wetter: Diese Entpolitisierung und Verdrängung wirkt so verheerend wie die Brände selbst.Ganz oben auf die Agenda der internationalen Politik gehört die Tropenkatastrophe, Krisenkonferenzen mit den betroffenen Ländern müssen nicht nur kurzfristig Löschgerät, Expertise und Logistik organisieren. Und langfristig geht es um noch mehr.In den Traurigen Tropen herrscht Raubbau am Regenwald, was Europas Probleme nach der Auflösung des Ostblocks nicht vergessen lassen dürfen.Solange der Holzhandel, eine der skrupellosesten Rohstoffbranchen der Welt, mit - meist illegalem - Nutzholzeinschlag Einfallschneisen in die Tropenwälder treibt, folgen Brandrodungen durch landlose Siedler, Plantagen, Monokulturen, die Degradierung der Wälder.Wo ihm der Raubbau vorgearbeitet hat, hat El Niño leichtes Spiel.Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace, WWF und "Friends of the Earth" erklären das seit Jahren, ohne Konsequenzen auszulösen. Das "Apocalypse-Now"-Szenario, erklären sie, könne sich nächstes Jahr genauso wiederholen."Friends of the Earth" fordern jetzt von den Teilnehmern des Treffens der G8-Länder am 16.Mai, das diese wenigstens die Reste des 280 Millionen Dollar teuren - bereits vor Jahren verabschiedeten - "Pilot-Programms" für Regenwälder direkt und sofort zur Bekämpfung der Tropenbrände verwenden.Dann erscheinen die Feuer endlich auf dem Monitor der internationalen Politik.

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