Zeitung Heute : El Niño - eine schöne Bescherung

BERND ULRICH

Die Klimabesonderheit kommt neuerdings öfter und früher, dauert länger und ist stärker.Es gibt seriöse Experten, die einen Zusammenhang mit dem Treibhauseffekt annehmen.Und es gibt nicht minder seriöse Experten, die ihn bezweifeln.VON BERND ULRICHEl Niño, das haben wir gelernt, heißt Christkind.Und das Christkind, das haben wir immer schon gewußt, kommt zu Weihnachten - auch in Südamerika, wo man dem Klimaphänomen seinen Namen gab.Doch diesmal hat sich El Niño bereits Ende Juli warm und schwer auf den Pazifik gelegt und ihn zu einem wahrhaft Stillen Ozean gemacht.Das ist nicht die einzige Anomalie bei dieser regelmäßig wiederkehrenden Klimabesonderheit.Sie kommt neuerdings öfter und früher, dauert länger und ist stärker.Fünfzehn Jahre ist es her, daß El Niño Verheerungen größeren Ausmaßes anrichtete.Darum kann man sich hierzulande so schlecht an das Phänomen erinnern, das jetzt seinen Beitrag zu Überschwemmungen, Trockenheiten sowie brennenden Wäldern in Südostasien, Australien und Südamerika leistet.Und das schlimmste kommt noch. Die wachsende Kraft der mittleren Klimakatastrophe mit dem niedlichen Namen legt die Vermutung nahe, sie hänge mit jener großen Klimakatastrophe zusammen, die von sehr vielen renommierten Wissenschaftlern vorausgesagt wird - dem Treibhauseffekt.Es gibt seriöse Experten, die einen solchen Zusammenhang annehmen.Und es gibt nicht minder seriöse Experten, die ihn bezweifeln.Doch auch wenn man im diesjährigen El Niño keinen Vorboten einer Erwärmung der Erdatmospähre sieht, bleiben Irritationen, die über Weihnachten hinausweisen. El Niño demonstriert grausam eindrücklich, wie nah sich insbesondere die Wirtschaft in Südostasien an der Grenze der Belastbarkeit von Mensch und Natur bewegt.Denn das ungewöhnliche Klima dieses Jahres hat die Wälder nicht entzündet, es hat nur verstärkt, was Brandrodung Jahr für Jahr anrichtet.Und den Smog in den Städten hat El Niño nicht gemacht, sondern bloß gestaut.Ein später einsetzender Niederschlag und einige Wärmegrade mehr - schon kippt der alltägliche Irrsinn ökologischer Zerstörung in unmittelbare Gesundheitsgefährdung der Bevölkerung um, beschleunigt das Artensterben dramatisch und hemmt gar den Aufschwung Fernost. Besonders verwunderlich ist es nicht, daß zweistellige Wachstumsraten in einer Wirtschaft auf Kohle-, zuweilen Holzkohle-Basis mittelfristig auch ökonomisch problematisch sind.Ostasien vollzieht zugleich die Industrialisierung, die Agrarrevolution und die Computerisierung des Westens nach - mit noch mehr Menschen noch schneller.Asien, das ist Europa im Quadrat.Mit anderen Worten: zu heftig.Dieses Übermaß, das legt die gegenwärtige Situation nahe, wird eher früher als später dem asiatische Markt Fesseln anlegen.Der Glaube daran jedenfalls, daß Asien die großen Wachstumhoffnungen der Weltwirtschaft erfüllen kann, sollte künftig nicht allzu fanatisch auftreten. Skeptischer muß man wohl auch die langfristigen Prognosen der Klimaforscher betrachten, gerade weil die mittelfristige Vorhersagekunst, also die Meteorologie, aufgrund neuer Erkenntnisse präziser wird: El Niño verändert die sonst üblichen Meeresströmungen im Pazifik und damit das Weltklima.Der Golfstrom, der von den in der Arktis ins Meer sinkenden Kaltwassermassen angetrieben wird, beeinflußt die atlantische Klimamaschine.Wie beide zusammenwirken und was Störungen in beiden Meeren gemeinsam anrichten können, ist derzeit indes kaum vorherzusagen.Die allmähliche Erwärmung der Erdatmoshäre und das allmähliche Ansteigen des Meeresspiegels waren die gängigen Formeln, in die das Thema Treibhauseffekt bei uns gekleidet war.Das scheint nun zugleich zu apokalyptisch und zu harmlos gedacht.Die Erwärmung verläuft nach neueren Erkenntnissen weniger schnell als erwartet, aber ihre Wirkung ist viel komplizierter und unberechenbarer als zunächst vermutet. Weihnachten kommt das Christkind und davor, um Nikolaus herum, kommt die Weltklimakonferenz in Kyoto.Man kann nur hoffen, daß die beteiligten Mächte, vor allem die letzte Supermacht USA und Gastgeber Japan, bis dahin noch ein wenig darüber nachdenken, was künftige El Niños im Verein mit wachsendem Kohlendioxyd-Ausstoß so alles bedeuten könnten.In Kyoto geht es für den Westen allerdings nicht mehr allein um ein Christkind irgendwo da unten, sondern um den energiegierigen Alltag bei uns.Ansonsten - fröhliche Weihnachten.

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