Zeitung Heute : Elektra verkuppeln

Stephan Wiehler

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Ich habe mir immer ein Mädchen als Kind gewünscht. Aber nach knapp zwei Jahren mit Frau und Tochter unter einem Dach sehne ich mich nach männlicher Verstärkung. Ein kleines Brüderchen für Emma könnte zum Ausgleich im Geschlechterkampf beitragen, der in unserer Familie entbrannt ist. Unsere Tochter hat sich nämlich schon wieder unglücklich verliebt. Vor ein paar Monaten war es unser Nachbar Axel, in den sie sich verguckt hatte. Ihre Schwärmerei für den jungen Mann von nebenan hat sich glücklicherweise erledigt, seit Axel mit seiner Freundin ein paar Straßen weiter in eine gemeinsame Wohnung gezogen ist.

Doch diesmal ist die Sache ernster, die Folgen ungleich dramatischer für unser Familienleben: Emma hat sich in mich verliebt – und fordert ihre Mutter, meine Frau, offen zum Kampf um ihren Mann heraus. Das ist ja lächerlich, mögen Sie denken, ein knapp zweijähriges Kind und dazu noch die eigene Tochter, das ist doch vollkommen harmlos. Das dachte ich auch. Anfangs fühlte ich mich geschmeichelt, wenn Emma mich innig umarmte und abküsste. Aber ich hatte die Rechnung ohne meine beiden Frauen gemacht. Francesca hat zwar als meine Ehefrau die älteren Rechte und könnte gelassen bleiben. Aber sie ist Italienerin – und eifersüchtig ohne Ansehen der Person.

Emma ihrerseits duldet derzeit keine Frau neben sich, wenn sie mit Papa schmust. Wann immer meine Frau es wagt, sich einzumischen, bekommt sie Emmas kleinen Ellenbogen zu spüren. Auch Zärtlichkeiten zwischen mir und meiner Frau sind unerwünscht. Sobald wir uns zu nahe kommen, drängt sich das kleine Biest zwischen uns. Emma spielt die Rolle der Elektra – nach C. G. Jung die weibliche Entsprechung zum Freudschen Ödipus-Komplex – in höchster Vollendung. Da gibt es nur eine Lösung: Ich muss Emmas Liebesprojektionen dringend umlenken. Ich versuche sie für Jungen aus ihrer Kita zu begeistern: „Der Gianluca ist doch auch ein ganz Lieber, findest du nicht, Emma?“

Die Tragödie „Elektra“ ist als Oper von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal am 11., 15. und 18. März 2005 jeweils um 20 Uhr in der Staatsoper Unter den Linden zu sehen. Telefonischer Kartenservice unter 203 545 55.

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