Zeitung Heute : Elektronisch Schmökern: Die Einsamkeit des E-Book-Lesers

Joachim Huber

Verschiedene Möglichkeiten kennt das Internet, wenn es um das Buch geht: Printing on demand, E-Book, E-Publishing. Printing on demand ist mehr oder weniger eine Archivfunktion, die online funktioniert. Texte werden ins Netz gestellt, gegen Gebühr - oder auch nicht - auf ein Empfangsgerät heruntergeladen und ausgedruckt. Das E-Book funktioniert nicht anders, es ist aber radikaler gedacht - als Abgesang auf das Papier-Buch, als revolutionärer Schritt im digitalen Verlagswesen.

Sein Prinzip ist einfach: Das aufladbare Buch ist ein Lesegerät inklusive Bibliothek. Mit einem Speicher für rund 50 Bücher zu je 400 Seiten. In Internet-Buchläden soll sich der E-Book-Nutzer neuen Lesestoff im elektronischen Format herunterladen. Dieser Lesestoff kann bereits auf Papier existieren, oder er entsteht erst im Netz. Ins Netz gestellte Bücher sind nicht kostenlos zu haben. Jeder E-Book-Titel hält das Preisniveau der Printausgabe, selbst wenn für die Zukunft deutliche Unterschiede angekündigt sind. Die Auswahl an deutschsprachigen E-Books ist begrenzt, wenige hundert sind es bisher; selbst das englischsprachige Sortiment kommt über einige tausend Titel nicht hinaus. Das E-Book ist tragbar, wenn auch nicht ganz leicht, denn es wiegt um die 600 Gramm und kostet als so genanntes "Rocket eBook" des Unternehmens NuvoMedia 675 Mark. Das Lesevergnügen ist an das Gerät gebunden: E-Book-Titel können nicht zwischen verschiedenen Lesegeräten ausgetauscht oder verliehen werden. Was dem E-Book wirklich fehlt, das sind die Leser. Von Verkaufsrekorden ist seit der Markteinführung zur Jahresmitte 2000 nichts bekannt.

Der Schriftsteller Uwe Timm stellte beim Selbsttest des "Rocket eBook" fest: "Das E-Book kann vielleicht eine Alternative zu den gewichtigen Sachbüchern sein, überall da, wo es um kompakte Informationen geht. Dort aber, wo die eigentliche Lust des Lesens beginnt, bei den literarischen Texten, wird das gute, alte Buch seine Stellung behaupten." Es sind auch haptische Gründe, die den Bibliomanen vom Plastik-Buch fernhält. "Die Faszination, die vom traditionellen Buch ausgeht, liegt darin, dass es so viele Sinne reizt: Wie sich das Papier anfühlt, wie die Druckerschwärze riecht."

Der Buchmarkt hat sich jedenfalls noch nicht aufgespalten in einen E-Book-Markt und einen althergebrachten. Die Nachfrage nach E-Books ist verschwindend gering. Rainer Moritz, Verlagsleiter von Hoffmann & Campe, sieht die Euphorie der deutschen Verlage "deutlich zurückgegangen". Nach "FAZ"-Recherchen wurde der Internet-Buchservice des Verlagsriesen Bertelsmann in den vergangenen zwölf Monaten nur rund 1000 Mal in Anspruch genommen. Es sieht derzeit danach aus, als würde das Internet auf absehbare Zeit nur einen weiteren Vertriebsweg darstellen für das, was Buch genannt wird.

Was aber die gesamte Verlagsbranche fürchten muss: Einen Autor, der per Internet zum Selbstverleger wird, der die Verlage, den Buchhandel umgeht. Wer über ein E-Verlagshaus geht, bekommt immerhin bis 70 Prozent des Erlöses, wer seine eigene Website lanciert, schreibt auf eigene Rechnung. Stephen King hatte Anfang 2000 die Kurzgeschichte "Riding the bullet" ins Netz gestellt. 500 000 Downloads in der ersten Woche, für je einen Dollar. Das erste Kapitel vom Nachfolger "The Plant", gleicher Preis, gleicher Autor, wollten in der ersten Woche zwar nur noch 41 000 Leser haben, dafür war der Verlag ausgeschaltet und King kassierte alles. Dann bockte der Autor. Trotzdem hat sich für King die nicht zu Ende geführte Häppchen-Veröffentlichung gelohnt. Statt der üblichen 15 000 Dollar für eine Vorab-Publikation in einem Printorgan hat King mit "The Plant" dank der anfangs noch zahlungswilligen Fans zwischen 600 000 und einer Million Dollar verdient.

Bei seinem allerneuesten Roman, "Duddit", hat King seine Strategie erneut geändert. Bis zum Erscheinen des Schockers in gedruckter Form werden immer wieder neue Episoden ins Netz gestellt. Für Michael Then, Leiter des E-Publishing bei der Verlagsgruppe Econ-Ullstein-List, die in Deutschland Stephen King herausgibt, ist klar, dass E-Book-Leser das ganze Werk zur Verfügung gestellt bekommen möchten: "Auch die Fans von King wollten nicht auf die Fortsetzung im Monatsrhythmus warten."

E-Publishing und E-Book lohnen sich also, wenn Autor (King) und Produkt (kurzer Text) stimmen - was auch andere E-Book-Pioniere wie Frederick Forsythe oder Alexa Henning von Lange bestätigen konnten. Aber auch ein Stephen King kommt an einem Problem nicht vorbei. Niemand will längere Texte auf einem Bildschirm lesen, egal wie groß der Bildschirm und wie gut der Text sein mag. Schreibt kürzere E-Books - und ihr werdet öfter gelesen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben