Zeitung Heute : Elektronische Bücherwürmer

THOMAS DE PADOVA

VON THOMAS DE PADOVA

Plötzlich taucht er aus der Menge auf, hinter der eine unsichtbare Moderatorin im unsichtbaren Virtuellen Studio immer wieder zu unüberhörbaren Preisfragen anhebt: "Wer von Ihnen kennt unsere Sendefrequenz, meine Damen und Herren? Wer kennt sie?" Der junge Mann ohne Handy mit brauner Stofftasche, ein Student, schreitet zögerlich zu einer blauweißen Phalanx einbeiniger TV-Bildschirme, legt ein Buch auf einem der bauchhohen Geräte ab und ­ fängt zu lesen an.Rundherum Flimmern und Lärm.Internationale Funkausstellung, Halle 4.2.Ist das alles nur ein Spuk? Eine Stunde später, Halle 6.3, dritter Stock.Ein Student ohne Brille mit Bart schnalzt mit der Zunge, derweil er von Fenster zu Fenster klickt-klickt-klickt, von "Abschreibungen" zu "außerplanmäßigen Abschreibungen" hin zu "Abschreibungen auf den niedrigen Wert im Rahmen vernünftiger kaufmännischer Beurteilung".Fach: Betriebswirtschaftslehre.Gebiet: Handelsrechtliche Bilanzierung.Alles ist sofort verfügbar: in Text, Ton und Bild, als Video, Animation oder Simulation.Nach einer Viertelstunde zischt der Student zufrieden ab.Die "intuitiv bedienbare Hypertext-Benutzeroberfläche" indessen findet vorerst keinen Bediener mehr.Die Mehrzahl der Studenten hat sich heute offenbar statt zur IFA intuitiv an einen anderen Ort begeben, um statt Hyper- nur Texte zu lesen: in die Universitätsbibliothek.Ist es der richtige Ort? Schon bei der Erinnerung an die UB steht die Zeit still.Zwischen den Zeilen der Medizinlexika knistert keinerlei Romantik.Gonadotropine vermögen zwar die Keimdrüsen geschlechtsspezifisch zu stimulieren, nicht jedoch das geschriebene Wort zum Erzittern zu bringen.Von der Leidenschaft des Lesens bleibt vor hundertfach gleichen Seiten kaum mehr als ein Leiden.Sicherlich: Auch die IFA kann Kopfschmerzen bereiten.Doch dem Spuk der Spielhölle folgt die Erfahrung, wie Bibliothek und Medientechnik, wie Texte, Bilder und Klänge schon heute miteinander zu einer "Ökonomie des Wissens" verschmelzen können.Studenten haben hier und da bereits elektronische Informationssysteme für verschiedene Wissenschaften an ihren Unis entwickelt.Doch Studenten verirren sich kaum auf die IFA.Sie kleben mit den Augen am Speichermedium Buch und mit den Hosen an den Bänken der UB, wo alles klanglos, bilderlos und zeitlos ist.Es wäre an den Universitäten, endlich die Hardware zur Verfügung zu stellen, um mit Studenten aller Fachgebiete neue Bibliotheken, die künftigen Speicher des Wissens, zeitig aufzubauen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben